Wider die Tabuisierung der Hirntod-Debatte

Kommentar der anderen14. November 2012, 19:14
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Die kürzlich an dieser Stelle aufgeflammte Kontroverse um die Legitimität von Organspenden hat nicht einmal ansatzweise vermittelt, wie umstritten diese Frage auf internationaler Ebene ist. Warum wird hierzulande so getan, als sei das Gegenteil der Fall?

Während international intensiv über das Hirntodkriterium und seine Bedeutung für die Transplantationsmedizin debattiert wird, herrscht in Österreich weitgehend Schweigen. Es lässt sich aus der Angst von Medizinern, Rechtswissenschaftern und Politikern erklären, eine offene Debatte über den Hirntod könnte die in Österreich geltende Widerspruchslösung gefährden, wonach alle Menschen, die sich in Österreich aufhalten - selbst Touristen, die unsere Rechtslage gar nicht kennen -, als Organspender infrage kommen, sofern sie dem nicht ausdrücklich widersprochen haben. Im Vergleich mit Ländern wie Deutschland, in denen die Zustimmungsregelung gilt, hat Österreich ein weitaus höheres Organaufkommen.

Um dem Mangel an Spenderorganen abzuhelfen, ist in Deutschland am 1. November eine Neuregelung des Transplantationsrechts in Kraft getreten, die sogenannte Informationslösung. Nun werden alle Bürgerinnen und Bürger ab 16 Jahren von den Krankenkassen auf die Möglichkeit eines Organspenderausweises hingewiesen, der dem Informationsschreiben auch gleich beigelegt wird. Die Gesetzesnovelle kommt freilich zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, haben doch kriminelle Machenschaften von Transplantationsmedizinern in Göttingen und Regensburg die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende dramatisch sinken lassen.

So verständlich die Sorge um die Akzeptanz der Transplantationsmedizin bei uns in Österreich auch sein mag, sie berechtigt doch nicht dazu, die Hirntoddebatte zu tabuisieren oder als eine Diskussion von medizinischen Außenseitern und Wirrköpfen abzutun. Bereits 2008 veröffentlichte der Bioethikrat des US-Präsidenten einen umfangreichen Bericht, das sogenannt "White Paper" über "Controversies in the Determination of Death". Die Autoren gelangen zu dem Resultat, dass in Anbetracht neuerer Ergebnisse der Hirnforschung die Gleichsetzung des vollständigen Ausfalls unseres Gehirns mit dem Tod des Menschen fragwürdig geworden sei - von Unsicherheiten bei der Diagnostik des Hirntodes einmal abgesehen.

Für den Hirntod als sicheres Todeskriterium wird unter anderem angeführt, dass das Gehirn die Integration des gesamten Körpers leiste, ein Hirntoter also einem Geköpften gleiche. Doch neuere Forschungen deuten darauf hin, dass an der Integration des Organismus zu einem lebensfähigen System auch andere Teile des Körpers beteiligt sind, wie ja auch das Gehirn nicht isoliert vom gesamten Nervensystem betrachtet werden darf. Die Integration des Organismus wäre demnach eine Eigenschaft des Gesamtorganismus und nicht nur des Gehirns.

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz wird nun eine seriöse Debatte darüber geführt, ob die alten Argumente für das Hirntodkriterium noch stichhaltig sind. In der Neuen Zürcher Zeitung tauschen angesehene Experten aus Medizin und Philosophie seit Monaten ihre Pro- und Contra-Argumente aus.

In Deutschland hat sich der Nationale Ethikrat eingehend mit der Frage befasst. Sein stellvertretender Vorsitzender Peter Dabrock vertritt z. B. die These, die moderne Intensivmedizin habe zwischen Leben und Tod ein neues Stadium geschaffen: dasjenige von "irreversibel sterbenden Menschen". Die Feststellung dieses Status sei ein hinreichender Grund, um die Entnahme lebenswichtiger Organe zu erlauben, vorausgesetzt, der Betroffene oder seine Angehörigen haben ausdrücklich zugestimmt. Eine solche Rechtsauffassung sei außerdem kein Argument für die Legalisierung der Euthanasie, weil in diesem Fall die Tötung von Menschen erlaubt würde, die sich noch keineswegs "irreversibel sterbend" in einem Zwischenstadium zwischen Leben und Tod befinden.

Der Philosoph Ralf Stoecker wiederum argumentiert, es komme letztlich gar nicht darauf an, den Status von Hirntoten klar zu bestimmen - sind sie wirklich tot oder noch lebendig? - sondern es gehe lediglich um die moralische Frage, welcher Umgang mit Hirntoten erlaubt oder unerlaubt sei.

Der Schweizer Philosoph Andreas Brenner vertritt demgegenüber eine radikale Gegenposition: Wenn die Argumente im "White Paper" des amerikanischen Bioethikrates stimmen sollten, wäre die Entnahme lebenswichtiger Organe bei Hirntoten ein Tötungsakt. Selbst um den Preis, dass viele Kranke, die auf ein Spenderorgan warten, versterben würden, dürfe die bisherige Praxis der Transplantationsmedizin nicht länger fortgesetzt werden. Es gehe nicht an, dass der gute Zweck der Lebensrettung ethisch unzulässige Mittel heilige.

Ich selbst neige nach wie vor dazu, den Hirntod für ein sicheres Todeskriterium zu halten und habe gegenüber den Positionen von Dabrock und Stoecker eine Reihe von Bedenken, die ich hier aus Platzgründen nicht näher ausführen möchte. Weder der Gastkommentar von Andreas Kirchmair (DER STANDARD, 30.10.) - samt den darauf folgenden Zurechtweisungen aus der Ärzteschaft - noch die Replik von Johannes Bonelli (DER STANDARD, 6.11.) bewegen sich auf dem Niveau der gegenwärtigen internationalen Debatte. Doch darf man beiden Autoren dafür dankbar sein, die Diskussion in Österreich überhaupt anzustoßen. Dass wir sie nun auch breit und seriös weiterführen, ist überfällig. (Ulrich H. J. Körtner, DER STANDARD, 15.11.2012)

Ulrich H. J. Körtner ist Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien. 

Nachlese

Johannes Bonelli: Streitzone Intensivmedizin: Wann ist der Mensch tot?

Andreas Kirchmair: Der hohe Preis der Transplantationsmedizin

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