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London/Wien - Demnächst hat sie dann wieder Hochsaison, die Winterdepression, die auch "saisonal-affektive Störung" oder - kurz und passend - SAD genannt wird (von Seasonal Affective Disorder). Als eine der Ursachen für die depressive Störung nimmt die Medizin Veränderungen des biologischen Tagesrhythmus an.
Wie sich diese aber genau auswirken, ist unklar. Ein Erklärungsansatz geht davon aus, dass es zu Veränderungen des Melatoninstoffwechsels kommt, was sich wiederum auf den Serotoninspiegel auswirkt. Ein US-amerikanisches Forscherteam kommt in der heutigen Ausgabe der britischen Wissenschaftszeitschrift "Nature" nun allerdings zu einem etwas anderen Ergebnis.
Zumindest bei Mäusen scheinen nämlich bereits ungewöhnliche Veränderungen in den Lichtverhältnisse ganz ohne Umstellung der biologischen Uhr auszureichen, um bei den Nagern zur Depression und zu Lernschwierigkeiten zu führen, berichten Tara LeGates (Johns Hopkins Universität) und Kollegen.
Konkret setzten die Neurobiologen ihre Labormäuse nicht dem normalen Zyklus von 12 Stunden hell und zwölf Stunden dunkel aus, sondern wechselten alle 3,5 Stunden die Helligkeit. Die Tiere behielten dabei zwar ihren normalen Tagesrhythmus bei, und sie litten auch nicht an Schlafmangel oder -störungen.
Nichtsdestotrotz kam es bei den Mäusen mit dem Siebenstundenzyklus zu depressivem Verhalten sowie einer Zunahme des Hormons Corticosteron, das mit Depression im Zusammenhang stehen dürfte. Zudem zeigte sich, dass die Mäuse unter Lern- und Gedächtnisproblemen zu leiden begannen.
Zellen in Augen als Auslöser
Doch was genau war schuld am traurigen Zustand der Mäuse? Zu diesem Zweck testeten die Forscher unter anderem auch Mäuse, denen die fotosensitiven Ganglienzellen fehlten. Das wiederum sind neben den Stäbchen und Zapfen der dritte Typ von Fotorezeptoren in den Augen von Wirbeltieren. Und siehe da: Die Mäuse mit diesem Defekt blieben weitgehend unbehelligt von der Stimmungsstörung, obwohl sie mit den Stäbchen und Zapfen relativ normal sehen konnten.
Die Neurobiologen folgern daraus zum einen, dass die fotosensitiven Ganglienzellen eine zentrale Rolle beim neuronalen Stimmungsmanagement spielen. Zum anderen haben sie auch eine gute Nachricht im Hinblick auf die Bekämpfung der durch die ungewöhnlichen Lichtschwankungen hervorgerufenen Depressionen: Langfristige Behandlungen mit den Antidepressiva Fluoxetin (dem Wirkstoff in Prozac) und Desipramin hat bei den traurigen Tieren mit dem Siebenstundentag einige der depressiven Verhaltensmuster wieder rückgängig gemacht.
Die Forscher sprechen aber auch eine konkrete Verhaltensmaßregel oder besser: eine Warnung für die Menschen aus. Wie das Mausexperiment zeige, könnte ständig zuviel helles Licht in der Nacht die Produktion des Stresshormons Corticosteron ankurbeln, was wiederum zu Depression und einer Verschlechterung der Lernfähigkeit führt. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, 15. 11. 2012)
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