"Wahrscheinlich größte Baustelle der Welt"

60.000 Arbeiter sind damit beschäftigt, Sotschi reif für die Winterspiele 2014 zu machen. 70 Prozent der Sportstätten fertig

Sotschi - Der Staub ist überall. Er bedeckt Autos, Häuser, Menschen. Von Sotschi, an der Küste des Schwarzen Meeres gelegen, bis hoch in die kaukasischen Berge 50 Kilometer weiter im Inland reiht sich Baustelle an Baustelle. Tausende Arbeiter graben die Erde um mit dem Ziel, den monumentalen Traum von Wladimir Putin rechtzeitig zu verwirklichen: die Winterspiele von Sotschi im Februar 2014.

"Die Bauarbeiten werden wie geplant beendet werden", verspricht der Oberbürgermeister von Sotschi, Anatoli Pachomow, nachdem der russische Rechnungshof Verspätungen bei einigen Sportstätten moniert hatte. Laut den Verantwortlichen sollen schon 70 Prozent fertig sein.

Der russische Präsident Putin, der gern in seiner Residenz in der Nähe der subtropischen Stadt Urlaub macht oder dort seine Gäste aus dem Ausland empfängt, hat die Spiele zur nationalen Priorität erklärt. Patzer wird er nicht dulden. Sotschi 2014 muss den Weg für die Fußball-WM 2018 in diesem Land ebnen - und Putins zweite Amtszeit krönen.

"Es ist wahrscheinlich die größte Baustelle der Welt mit mehr als 60.000 Arbeitern. Wir wollen die russische Hauptstadt für Sport, Kultur und Freizeit werden", sagt der Präsident des Organisationskomitees, Dimitri Tschernyschenko. Fast 550 km neuer Straßen und Zugstrecken werden entstehen. Dort, wo vor zwei Jahren Wälder und Dörfer waren, wachsen jetzt Hotels, Brücken und Schnellstraßen. Berge werden gesprengt oder durchlöchert.

Die Menschen in der Region Sotschi freuen sich zumindest über die Beschäftigung. Die Arbeitlosenquote liegt bei null Prozent. Insgesamt werden mehr als 15 Milliarden Euro investiert, um die Spiele zu organisieren und die Region zu modernisieren. Doch was wird nach den Winterspielen aus Putins Prestigeprojekt? Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus? Die Antworten liegen in den Sternen.

Seit Jahrhunderten ist Sotschi mit seinen Palmen Hotspot des russischen Sommers. Jetzt soll aus dem Hinterland das renommierteste Skigebiet Russlands werden. "Es bleibt mir ein Rätsel, wie die Behörden alle diese neuen Hotels und Infrastrukturen auslasten werden. Die reichen Russen bevorzugen seit Jahren die französischen Alpen und den Tiroler Winter", warnt ein Mitarbeiter des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der nicht namentlich zitiert werden möchte.

Sportler loben ihre Stätten

Die Sportstätten sind weitestgehend fertiggestellt. An der Küste befinden sich die Hallen für Eiskunstlauf, Eishockey, Eisschnelllauf und Curling, in den Bergen liegen Skipisten, Sprungschanzen sowie die Bahn für Bob, Rodel und Skeleton. Und sie werden von den Athleten gelobt.

Doch einige Verbände beklagen die geringen Zuschauerkapazitäten. " Worüber ich wirklich enttäuscht bin, ist die Anzahl der Zuschauer, die unsere Wettbewerbe sehen können", sagte der Präsident des Ski-Weltverbandes Fis, der Schweizer Gian-Franco Kasper. "Wir haben viele Versprechungen erhalten, als sich Sotschi beworben hat", ergänzte er. Beim Skispringen oder den alpinen Rennen werden jeweils nur 7500 Plätze zur Verfügung stehen - und zwar für Zuschauer sowie akkreditierte Personen.

Die lokalen Behörden behaupten, dass eine größere Zulassung aus Sicherheitsgründen nicht zu verwalten wäre. Ein europäischer Sportfunktionär wagt eine andere Erklärung: "Die Russen sind an diesen Wettkämpfen wenig interessiert, weil sie kaum Medaillenchancen im alpinen Skilauf oder Skispringen haben." (sid, DER STANDARD 14.11.2012)

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