Gasser warnt Branche zum Abschied vor "Weltuntergangsstimmung"

Interview
  • Hans Gasser, scheidender Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen.
    apa-foto: herbert neubauer

    Hans Gasser, scheidender Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen.

"Sparen, schrumpfen, fusionieren sicher keine angemessene Zukunftsstrategie" - Reform der Presseförderung "existenziell" - Entwurf zu Leistungsschutzrecht für Frühjahr 2013 erwartet

Wien Hans Gasser, scheidender Präsident des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ), spricht sich für eine massive Erhöhung der Presseförderung auf etwa 50 Mio. Euro aus. Nur so könnten die Herausforderungen der Digitalisierung gestemmt werden. Auch Online-Qualitätsjournalismus soll künftig gefördert werden. Daneben warnt Gasser die Zeitungsbranche vor einer "Weltuntergangsstimmung". Den heimischen Zeitungen empfiehlt er mehr Investitionen in redaktionelle Qualität. Diese sei der Schlüssel für den verlegerischen Erfolg der Zukunft. Sparen, schrumpfen, fusionieren sei keine angemessene Zukunftsstrategie.

Frage: Im Internet kursiert eine sogenannte Newspaper Extinction Timeline. Nach dieser werden Zeitungen in gedruckter Form in Österreich ab dem Jahr 2028 keine Bedeutung mehr haben werden, 2039 sollen weltweit die letzten Zeitungen gedruckt werden. Was sagen Sie als Zeitungsvertreter zu solchen Prognosen?

Gasser: Auf der ganzen Welt gibt es keine andere Branche, die sich so konsequent selbst ins Grab jammert wie die Printmedien. Diese Weltuntergangsstimmung ist beispielslos und beruht nur teilweise auf Fakten. Österreich gehört zu den Top-5-Zeitungsnationen Europas. Hierzulande wird noch immer jeder zweite Werbe-Euro zu Recht in Print investiert. Die Reichweite der heimischen Tageszeitungen liegt bei 72 Prozent, gemeinsam mit den Magazinen und Wochenzeitungen erreichen die VÖZ-Mitgliedsmedien fast 90 Prozent der Gesamtbevölkerung und auch die Abonnentenzahlen sind auf einem beachtlich hohen Niveau.

Aber es stimmt auch, die Rahmenbedingungen für Printmedien sind schwieriger geworden. In Europa haben wir eine Erosion auf hohem Niveau. Doch Kaufzeitungen und -magazine wird es auch in zwanzig Jahren geben. Wir wissen vom Weltzeitungskongress, dass noch nie mehr Zeitungen gelesen wurden als im Jahr 2011. Der Hunger der Bevölkerung nach Nachrichten und Qualitätsjournalismus ist also weiterhin groß. Ich plädiere nicht für einen Blick durch die rosarote Brille, aber diese Hiobsbotschaften halte ich für überzogen. Wir sollten selbstbewusster in die Zukunft blicken.

Frage: Die Meldungen aus der heimischen Printbranche waren zuletzt aber eher düster. Eine Reihe von Verlagshäusern von der Styria bis zum Kurier fahren Sparprogramme. Ihr Vorgänger Horst Pirker warnte vor einer Abwärtsspirale aus Auflagenrückgängen, Sparmaßnahmen und Qualitätseinbußen. Wie geht es den österreichischen Zeitungen?

Gasser: Sparen, schrumpfen, fusionieren ist sicher keine angemessene Zukunftsstrategie, da gebe ich meinem Vorgänger Recht. Aber diesen Fehler machen ja die meisten VÖZ-Mitgliedsmedien nicht. Ich kann mich an keine Phase in unserer Branche erinnern, wo es zu derart viele Relaunches und Neuvorstellungen beispielsweise von neuen App-Angeboten gegeben hat, digitale Produkte werden forciert. Die Branche ist in Bewegung und innovationsfreudig. Der Schüssel für den Erfolg ist redaktionelle Qualität, das wird der Erfolgsfaktor schlechthin sein, man wird hier in der Zukunft mehr investieren müssen, weil es das Unterscheidungsmerkmal gegenüber der Vielfalt der Gratisinhalte ist.

Frage: Worin sehen Sie die größte Bedrohung für Zeitungen in den nächsten fünf Jahren?

Gasser: Die größte Herausforderung ist die Digitalisierung. Wir brauchen Erlösmodelle, die den Qualitätsjournalismus im Web auf ein solides wirtschaftliches Fundament stellen. Dabei setzen wir auf drei Säulen. Ersten brauchen wir einen Bewusstseinswandel: Geistiges Eigentum muss im Web auch etwas wert sein. Hier müssen wir wieder eine Zahlungsbereitschaft bei den Nutzern entwickeln.

Zweitens braucht es ein Leistungsschutzrecht für Presseverlage, damit Zeitungen und Magazine einen fairen Anteil an den Einnahmen bekommen, den Suchmaschinen und News-Aggregatoren mit ihren Inhalten verdienen.

Drittens werden auch Österreichs Medienhäuser verlegerischer Herkunft - so wie jüngst in Deutschland oder der Schweiz - Paid-Content-Modelle intensiver diskutieren. In Österreich ist dieses Vorhaben jedoch ungleich schwieriger, denn der ORF verwendet einen stattlichen Anteil seiner Gebührenmittel, um seine Plattform ORF.at mit Inhalten zu bespielen. Hier werden wir faire Lösungen finden müssen. Eine davon ist der Ausbau der Presseförderung, insbesondere für den Qualitätsjournalismus im Web.

Frage: Wird es in der Zukunft noch Raum für Qualitätsjournalismus und hintergründige Recherche geben?

Gasser: Es muss ihn geben. Redaktionelle Qualität ist die Existenzgrundlage von Kaufzeitungen und -magazinen, damit grenzen wir uns von unserer Konkurrenz klar ab. Man kauft nur, wenn man das Gefühl hat, dass Preis und Leistung stimmen. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Qualität ist die Grundvoraussetzung für Auflagenerfolge, Reichweiten und Vertriebserlöse, die angesichts schwankender wirtschaftlicher Entwicklungen und struktureller Veränderungen auf dem Werbemarkt weiter an Bedeutung gewinnen werden. 

Frage: Im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Lage der Medienhäuser wird auch um einen neuen Kollektivvertrag gerungen. Wann kommt der neue KV und was muss er aus Sicht der Verleger können?

Gasser: Die KV-Verhandlungskurie des Verbandes Österreichischer Zeitungen hat unter der Leitung von Wolfgang Bergmann mit der Journalistengewerkschaft ein "Memorandum of Understanding" unterzeichnet, das beide Seiten zum Stillschweigen verpflichtet. Daran fühle ich mich gebunden. Klar ist aber auch: Ein neuer Kollektivvertrag für Journalisten ist in seiner Wichtigkeit für die Branche gar nicht hoch genug einzuschätzen. Im Memorandum ist der 15. Februar 2013 als Zieldatum definiert. Bis dahin brauchen wir eine zukunftsfähige Lösung im Interesse aller Beteiligten.

Frage: Google saugt jährlich etwa 140 Mio. Euro vom österreichischen Online-Werbemarkt ab und umgeht dabei nach Meinung von Kritikern Urheberrechte der Verlage. Der VÖZ fordert deshalb ein modernes Leistungsschutzrecht nach deutschem Vorbild. Wie ist hier der Stand?

Gasser: Der VÖZ ist derzeit in intensiven Gesprächen mit der Justizministerin und anderen handelnden Personen im Ministerium. Seitens des Ministeriums wird angepeilt, einen Gesetzesentwurf im Frühjahr 2013 vorzulegen, damit eine Beschlussfassung noch in dieser Legislaturperiode stattfinden kann. Ich bin sehr zuversichtlich, dass dieser Zeitplan halten wird.

Frage: Diskutiert wird auch eine Werbeabgabe auf Onlinewerbung, um Google & Co in die Pflicht zu nehmen. Wird eine solche Abgabe nicht dazu führen, dass das Online-Werbevolumen insgesamt gleich bleiben und nur weniger bei den Medienportalen landet?

Gasser: Es geht nicht darum einzelne Marktteilnehmer zu bekämpfen. Wir wollen Fairness am Markt. Es ist nicht einzusehen, warum Printwerbung mit einer Abgabe von fünf Prozent belastet wird und Onlinewerbung, deren Erlöse großteils in die Kassen von US-amerikanischen Konzernen fließen, davon nicht betroffen ist. Das oberste Ziel ist weiterhin die Abschaffung der Werbeabgabe. Die Umsetzung dieser Forderung ist jedoch realpolitisch schwierig, daher setzen wir uns für eine Gleichbehandlung aller Werbeformen ein. Eine Werbeabgabe für Online soll aber kein zusätzliches Körberlgeld für die Regierung darstellen, sondern für die Förderung des Qualitätsjournalismus im Web zweckgewidmet werden.

Frage: Die Presseförderung wird derzeit evaluiert. Wie sehen hier die konkreten VÖZ-Forderungen aus, und rechnen Sie noch mit einer Reform in dieser Legislaturperiode?

Gasser: Der Verband Österreichischer Zeitungen fordert eine Erhöhung der Presseförderung von derzeit 10,7 auf zumindest 50 Mio. Euro. Damit wollen wir die Herausforderungen durch die Digitalisierung besser meistern und unter anderem in die Leseförderung unserer Jugend investieren, was dringend notwendig ist, wie die aktuellen PISA-Zahlen auf erschreckende Weise aufgezeigt haben. Die Reform und Aufstockung halten wir für unverzichtbar und existenziell. Wir hoffen auf eine baldige Umsetzung. Ob das in dieser Legislaturperiode und im bereits begonnen Vorwahlkampf durchsetzbar ist, kann man sicher mit einem Fragezeichen versehen.

Frage: Sie haben immer wieder die systemrelevante Funktion der Zeitungen für die Demokratie betont. Haben Sie das Gefühl, dass der heimischen Medienpolitik diese Bedeutung bewusst ist?

Gasser: Ich glaube, dass der Politik die Bedeutung eines starken heimischen Printmedienstandortes für die Demokratie und die Gesellschaft bewusst ist. Schon allein aus reinem Selbstzweck. Die Entscheidungsträger der Politik haben ja ein natürlich Interesse, dass die Bürger über die politischen Vorhaben umfassend und objektiv informiert werden. Für diese Aufgabe sind Kaufzeitungen und -magazine unverzichtbar.

Frage: Der VÖZ stimmt einer Vermarktung der ORF-TVthek unter der Bedingung zu, dass die Verlagshäuser die TVthek-Inhalte ebenfalls vermarkten dürfen. Ist der VÖZ plötzlich unter die ORF-Versteher gegangen oder zeichnet sich da eine neue Form der Kooperation mit dem ORF ab?

Gasser: Es geht um ein faires Miteinander am kleinen heimischen Medienmarkt. Ich habe in meiner Funktionsperiode den ORF immer als Marktteilnehmer auch sehr kritisch gesehen, aber ich habe mich nicht in ein ORF-Bashing eingereiht. Wir haben in unserer Stellungnahme zur ORF-TVthek-Vermarktung unsere Bedenken klar zum Ausdruck gebracht: Es muss sichergestellt werden, dass durch die Vermarktung der TVthek keine negativen Auswirkungen auf Wettbewerb und Angebotsvielfalt entstehen. Diese negativen Folgen könnte man reduzieren, wenn der ORF privaten Medienunternehmen TVthek-Inhalte zur Nutzung und gewerblichen Verwertung anbietet. Darüber hinaus muss klar sein, dass die Einnahmen des ORF durch die TVthek-Vermarktung für die laufende Verbesserung der TVthek zweckgewidmet werden müssen.

Frage: Wie steht der VÖZ der Einführung einer ORF-Haushaltsabgabe gegenüber?

Gasser: Der VÖZ befürwortet eine Haushaltsabgabe, wenn diese auch die Medienförderung privater Angebote finanziert. Das bringt einen stärkeren Qualitätswettbewerb zwischen ORF und Privaten. Die Konsumenten profitieren in weiterer Folge von einem besseren öffentlich-rechtlichen Content, der nicht nur vom ORF angeboten wird.

Frage: Welche Bilanz ziehen Sie nach etwas mehr als zwei Jahren VÖZ-Präsidentschaft?

Gasser: In habe in meiner Amtsperiode großen Wert auf die Förderung der redaktionellen Qualität gelegt. Nur wenn der Leser den Mehrwert der Kaufzeitungen und Kaufmagazine erkennt, ist er bereit für sie auch weiterhin zu zahlen. Relevanz und Qualitätsjournalismus: Die Relevanz der Publikationen in die Öffentlichkeit und die Köpfe der Entscheidungsträger zu bringen, ist mindestens so wichtig wie die Lesefähigkeit selbst. Wenn unsere Inhalte niemanden mehr interessieren, dann sind unsere Geschäftsmodelle tot. Die Relevanz unserer Medien steht voll im Zentrum. Daher habe ich unter anderem den "Tag des Qualitätsjournalismus" ins Leben gerufen. Ziel war und ist die Wichtigkeit von redaktioneller Qualität noch stärker im Bewusstsein der Branche und ihrer Leser zu verankern. Darüber hinaus war mir auch die Professionalisierung der öffentlichen Kommunikationsmaßnahmen ein großes Anliegen.

Mit dem Medientransparenzgesetz ist dazu ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gelungen. Es waren nicht alle Stakeholder der Meinung, dass es ein solches Gesetz geben soll und dass es gelingen wird, ein solches Gesetz in einer überschaubaren Zeit zu schaffen, ich bin aber ausgesprochen dankbar, dass es weitsichtige Politiker fertiggebracht haben, dass dieses Gesetz gegen so manche Widerstände zustande gekommen ist. Dass das Medientransparenzgesetz ein paar unnötige administrative Schwächen hat, ist kein Beitrag des Zeitungsverbandes gewesen, das hat sich die Politik selbst ins Gesetz geschrieben. Kürzlich beschlossene Gesetze sind schwer zu verändern, ich würde es aber trotzdem für richtig halten über einige Punkte nachzudenken. Das Kopfwerbeverbot zum Beispiel hat eine unsinnige Wirkung, da wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Aber in Summe war dieses Gesetz für mich das wichtigste Projekt der vergangenen zwei Jahre. (APA, 14.11.2012)

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