Israel setzt massive Luftschläge in Gaza fort

15. November 2012, 10:23
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Palästinenser berichten von elf Todesopfern - Medien: Drei Tote bei Raketeneinschlag in Israel - Obama unterstützt Netanyahu

Jerusalem/Gaza - Die israelische Luftwaffe hat ihre massiven Luftschläge im Gazastreifen auch in der Nacht zum Donnerstag fortgesetzt. Eine Armeesprecherin sagte, etwa 100 Ziele seien seit Mitternacht angriffen worden. Die palästinensische Nachrichtenagentur Safa berichtete, seit Beginn der Militäroperation am Mittwoch seien elf Palästinenser getötet und mehr als 100 verletzt worden. Unter den Toten waren den Angaben zufolge auch zwei Kinder und eine schwangere Frau.

Bei einem Raketenangriff auf den Süden Israels sind Medienberichten zufolge drei Menschen getötet worden. Die Rakete aus dem Gazastreifen habe ein Wohngebäude getroffen, hieß es am Donnerstag im israelischen Fernsehen. Dies war der erste Bericht über Todesopfer in Israel, seit das Land am Mittwoch die Luftangriffe auf den Gazastreifen gestartet hat.

"Tor zur Hölle"

Zum Auftakt der Operation "Säule der Verteidigung" hatte die israelische Luftwaffe gezielt den Militärchef der radikal-islamischen Hamas, Ahmed al-Jabari, und seinen Assistenten getötet.

Im Gazastreifen droht ein neuer Krieg. Israel ist zu einer Ausweitung der Militäroffensive bereit. "Wir haben eine klare Botschaft an die Hamas und andere Terrororganisationen übermittelt und sind bereit, den Einsatz auszuweiten, sollte dies notwendig werden", sagte Ministerpräsident Benjamin Netanyahu am Mittwochabend in einer TV-Ansprache. Die Militärorganisation der Hamas erklärte, mit der Tötung von Ahmed al-Jabari habe Israel das "Tor zur Hölle" aufgestoßen. Der Anführer der radikal-islamischen Hamas, Khaled Mashaal, hat angekündigt, den "Widerstand" der Gruppe gegen Israel fortzusetzen. Er verurteilte am Donnerstag die Tötung des Hamas-Militärchefs Ahmed al-Jabari, bei einem israelischen Angriff. "Männer und Frauen in Palästina - wir werden den Widerstand fortsetzen", sagte Mashaa.

Nachdem sich am Dienstagabend noch eine Entspannung angedeutet hatte, startete die israelische Armee einen großangelegten Militäreinsatz mit Dutzenden Luftangriffen gegen die Hamas und andere bewaffnete Gruppierungen im Gazastreifen, bei dem nach palästinensischen Angaben insgesamt sieben Palästinenser starben und etwa 60 verletzt wurden. 

Hamas-Militärchef getötet

Zu den Todesopfern gehört auch Hamas-Militärchef Ahmed al-Jabari. Er war in seinem Auto unterwegs, als eine Rakete ihn und seine Begleiter tötete. Israels Inlandsgeheimdienst bestätigte den Angriff und rechtfertigte ihn mit "jahrzehntelangen terroristischen Aktivitäten". Das Militär erklärte, mit der Operation sollte die Kommandokette der Hamas-Führung schwerbeschädigt werden. In Jerusalem sagte ein Regierungsvertreter, der Tod des Top-Kommandanten markiere nicht das Ende der israelischen Angriffe, weitere würden folgen.

Die Angriffe hielten am Abend an, zudem wurde der Süden Israels seit der Tötung al-Jabaris von mindestens 29 Raketen getroffen, wie die örtliche Polizei erklärte. Opfer habe es in Israel zunächst nicht gegeben. Das israelische Militär teilte mit, insgesamt 13 Geschoße aus dem Gazastreifen seien von der Raketenabwehr noch in der Luft zerstört worden.

Das israelische Sicherheitskabinett gab Verteidigungsminister Ehud Barak bei einer Dringlichkeitssitzung grünes Licht für die Mobilisierung von Reservisten. Dies solle geschehen, falls Bedarf bestehe, berichteten israelische Medien in der Nacht zum Donnerstag online.

Hamas kündigt Vergeltung an

Im Gaza-Streifen wurde im Rundfunk der Hamas der Ruf nach Rache laut. Auch kleinere Milizen kündigten Vergeltung an. "Israel hat Gaza den Krieg erklärt und wird die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen müssen", erklärte die Gruppe Islamischer Jihad. Die Hamas kontrolliert den Gazastreifen seit 2007. Anders als die im Westjordanland regierende palästinensische Autonomiebehörde erkennen die Islamisten das Existenzrecht Israels nicht an. 2008 und 2009 kam es zu einem dreiwöchigen Krieg mit Israel, bei dem 1400 Palästinenser und 13 Israelis ums Leben kamen. Die Hamas fühlt sich durch den Führungswechsel im Nachbarland Ägypten ermutigt, wo eine Regierung mit Wurzeln in der Muslimbruderschaft die Macht übernommen hat.

Noch am Vortag hatten beide Seiten über den Vermittler Ägypten die Bereitschaft zu einer Feuerpause signalisiert. Aus Verhandlungskreisen hatte es geheißen, weder die Palästinenser noch die Israelis wollten den Konflikt zu einem Krieg eskalieren lassen. Netanyahu hatte allerdings gewarnt, wer denke, er könne Israelis gefährden, ohne dafür einen sehr hohen Preis zu zahlen, mache einen Fehler.

Ausgelöst wurden die Auseinandersetzungen durch den Beschuss einer israelischen Patrouille durch radikale Islamisten. Israel griff daraufhin Ziele im Gazastreifen an und tötete mehrere Palästinenser. Die Hamas feuerte Raketen und versetzte Israelis im Süden in Angst und Schrecken.

Obama unterstützt Netanyahu

US-Präsident Barack Obama sicherte Netanyahu unterdessen seine Unterstützung zu. Obama habe in dem Telefonat bekräftigt, dass Israel ein Recht auf Selbstverteidigung habe, teilte das Weiße Haus in Washington am Mittwochabend (Ortszeit) mit. Netanyahu solle alles dafür tun, um Todesopfer in der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Beide Politiker seien darin einig, dass die radikal-islamische Hamas ihre Angriffe auf Israel beenden müsse.

Am Mittwochnachmittag sei US-Vizepräsident Joe Biden persönlich von dem israelischen Premier über die Geschehnisse unterrichtet worden. Obama und Netanyahu wollten auch in den kommenden Tagen in Kontakt bleiben.

Ban ruft zur Zurückhaltung auf

Nach dem neuen Gewaltausbruch im Nahen Osten hat UN-Generalsekretär Ban Ki-moon Israelis und Palästinenser erneut zur Zurückhaltung aufgerufen. Ban fordere eine sofortige Deeskalation, sagte sein Sprecher am Mittwoch in New York und verwies auf eine Erklärung vom Montag. Darin hatte Ban ein sofortiges Ende der palästinensischen Raketenangriffe verlangt und Israel zu höchstmöglicher Zurückhaltung bei Gegenmaßnahmen aufgerufen.

Die Vereinten Nationen haben unterdessen vor "möglicherweise katastrophalen Folgen" gewarnt. Die Situation dürfe nicht unterschätzt werden, sagte der UN-Untergeneralsekretär für Politische Fragen, Jeffrey Feltman, am späten Mittwochabend (Ortszeit) in einer Sondersitzung des UN-Sicherheitsrats in New York.

UN-Diplomaten berichten, dass große Einigkeit im Rat geherrscht habe und die Lage als höchst bedrohlich eingeschätzt wurde. Palästinenser und Israelis wurden zur Zurückhaltung aufgefordert.

Ägyptischer Botschafter abgezogen

Auch die Arabische Liga bereitete eine Dringlichkeitssitzung der arabischen Außenminister vor. Liga-Chef Nabil al-Arabi habe Kontakt zum libanesischen Außenminister Adnan Mansur aufgenommen, dessen Land derzeit den Liga-Vorsitz innehat, um die Sitzung vorzubereiten, erklärte ein Sprecher der Staatengruppe.

Der ägyptische Präsident Mohammed Mursi zog nach Angaben eines Sprechers den Botschafter seines Landes aus Israel ab. Zudem forderte er das Außenministerium auf, den israelischen Botschafter in Kairo einzubestellen. (APA/Reuters, 15.11.2012)

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    Raketeneinschlag im Gazastreifen.

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    Palästinenser feuern vom nördlichen Gazastreifen aus eine Rakete in Richtung Israel ab.

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    Eine israelische Rakete schlägt im Norden des Gazastreifens ein.

  • Auch am Donnerstag flog die israelische Armee Luftangriffe.
    foto: epa/edi israel

    Auch am Donnerstag flog die israelische Armee Luftangriffe.

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    Benjamin Netanyahu ist zu einer Ausweitung der Militäroffensive im Gazastreifen bereit.

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    Hamas-Militärchef Ahmed al-Jabari ist von einer israelischen Rakete getötet worden.

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    Er befand sich in diesem Auto, als die Rakete einschlug.

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    Rauchwolken über Gaza-Stadt nach israelischen Luftangriffen.

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    Rauchwolken auch am Abend, die Luftangriffe wurden fortgesetzt.

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