China: Sprengsatz Mittelschicht

Blog14. November 2012, 20:53
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Es war kurz vor der Eröffnung der Weltausstellung 2010 in Schanghai: Die PR-Leute der chinesischen Regierung wollten unbedingt, dass die ausländischen Journalisten ein anderes China sehen. Eines, das prosperiert und wohlhabende Bürger hervorbringt. Sie stellten uns Familie Li vor.

Eine gute Gegend in der Metropole am Huangpu Fluss, 120 Quadratmeter in einem properen Hochhaus: Li Zong Rong, der Großvater, hatte eine Parteikarriere als Konsulent des Volkskongresses hinter sich gebracht und war in Pension. Seine Tochter Li Min, damals 37, arbeitete für den Luxuskonzern LVMH. Ihr Ehemann baute dazu einen Babyartikelversandhandel auf. Allein Li Min verdiente damals 2500 Euro im Monat. Eine sehr gute Gage für chinesische Verhältnisse, die ein sorgenfreies Leben ermöglichte. Politik allerdings kam in diesem Leben kaum vor. Obwohl Li Min gerne frei gewählt hätte, rechnete sie nicht damit, dass es zu ihren Lebzeiten dazu kommen würde: "Das wird nicht möglich sein, fürchte ich."

10.000 und 60.000 US-Dollar pro Jahr

Das ist Chinas Mittelschicht. Je nach Schätzung und/oder Definition gehören an die 300 Millionen Menschen (rund 25 Prozent der Bevölkerung) dazu, vielleicht auch mehr. 2020 könnten es schon doppelt so viele sein, sagt Chi Fulin, der Präsident des China Institute for Reform and Development. Die Autorin Helen Wang definiert einen chinesischen Mittelklasse-Haushalt über ein Jahreseinkommen zwischen 10.000 und 60.000 US-Dollar. Goldmann Sachs setzt die Schwelle bei 9000 US-Dollar Einkommen pro Nase an, Tendenz (und Konsumwillen) stark steigend.

Fest steht jedenfalls: Die Mittelschicht im Reich der Mitte ist in sehr kurzer Zeit zu relativem Wohlstand gelangt, sie ist verhältnismäßig hochgebildet und hat in der einen oder anderen Art – als Studenten oder zunehmend als Touristen – Auslandserfahrung. Das muss ökonomische und auch politische Konsequenzen haben, sagt Cheng Li von der Brookings Institution in Washington. Die Frage ist nur: Welche?

Politische Sprengkraft

Vor allem vor der politischen Sprengkraft fürchten sich herrschenden Kommu-Kapitalisten. Sie haben die Entwicklungen zu mehr freiheitlicher Demokratie in Europa im 18. und 19. Jahrhundert vor Augen, den Zusammenbruch des Sowjetimperiums und vor allem die Aufstände des Arabischen Frühlings. Über diese schreibt etwa der US-Publizist Fareed Zakaria, dass überall dort, wo die sozioökonomische Schwelle von 8000 US-Dollar Pro-Kopf-Einkommen überschritten wurde, Despoten gefallen sind. China liegt derzeit (2011) im landesweiten Durchschnitt bei 5432 US-Dollar pro Kopf, viele Provinzen wie Peking und Schanghai liegen bereits deutlich darüber.

Andere, wie der in Idaho lehrende Politologe Jie Chen, sind darüber skeptischer. Aber immerhin, sie sehen die Möglichkeit, dass die Mittelschicht ein demokratisches Ferment im Reich der Mitte sein könnte. Davon handelt auch Jies demnächst in Oxford erscheinendes Buch.

Die chinesische Führung hat jedenfalls auf diesem Parteitag einmal mehr Konsolidierungsparolen ausgegeben. Es geht wie immer um Stabilität und Harmonie, um "Sozialismus chinesischer Prägung" und das Vorbild Singapur, wo der Kapitalismus auch ohne Demokratie funktioniert. Dass das auch für die Volksrepublik mittelfristig funktionieren wird, darauf können nur Mutige wetten. 2010 gab es in China gezählte 180.000 Proteste. Bei etwa zwei Dritteln davon ging es um Bauernaufruhr und Enteignungsgeschichten. Vieles vom großen Rest hatte damit zu tun, dass Bürger parallel zu ihrem gestiegenen ökonomischen Status auch ein gesteigertes Interesse an Mitsprache haben. Stichwort: Jasmin-Proteste. (Christoph Prantner, 14.11.2012)

  • Li Min und ihr Sohn Sun Di Wen in ihrer Wohnung in Schanghai.
    foto: der standard

    Li Min und ihr Sohn Sun Di Wen in ihrer Wohnung in Schanghai.

  • Lohnniveau in China.
    quelle: businessweek

    Lohnniveau in China.

  • Mittelschicht-Entwicklungen bis 2050.
    quelle: oecd

    Mittelschicht-Entwicklungen bis 2050.

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