Die Macht der Schuldumkehr

Kommentar |

Die Affäre um Ex-CIA-Chef Petraeus stellt sexistische Weltbilder bloß

Ein General zerstört sein Leben, und die ganze Welt sieht zu. Egal ob wegen der exzessiven Medienberichterstattung oder der vielen Ungereimtheiten: Die Gemüter bleiben nicht ruhig, wenn das Fehlverhalten eines staatlichen Vertreters von hohem Range wie im Fall des zurückgetretenen CIA-Chefs David Petraeus ans Licht kommt. 

Gleich nach der Empörung kommt die Frage nach dem Warum. Viele wollen verstehen, wieso jemand im Wissen darüber, dass heimliche Beziehungen sowieso nie unbemerkt bleiben, trotzdem dieses Risiko einging. Die eigenen Erklärungen dafür offenbaren oftmals mehr über ihre Urheber als über die eigentliche Causa. Pat Robertson, evangelikaler Prediger der "heilen" Familie und US-Medienmacher, bringt plötzlich außerordentliches Verständnis für außereheliche Affären und ebenso simple Argumente dafür auf: Petraeus sei eben ein Mann und seine Geliebte eine besonders gut aussehende Frau. 

Von einem radikalen Evangelikalen, der den Ausgang der US-Wahl von Gott zugeflüstert bekommen haben will, wird man nichts anderes erwarten können. Unter diesem Blickwinkel erscheinen jedoch andere Reaktionen aus dem Umfeld der Beteiligten in keinem besseren Licht. Enge Kleidung habe Paula Broadwell getragen und damit natürlich binnen kürzester Zeit einen der mächtigsten Männer der Welt in "ihren Fängen" gehabt. Die Mär von der unwiderstehlichen Frau, die ihre Attraktivität zu ihren Gunsten nutzt und der man sich nicht und nicht entziehen kann, beruhigt.

Und wenn schon nicht Paula Broadwell und ihre Schönheit herhalten müssen, dann ist es natürlich Petraeus' Ehefrau Holly, die aussieht, wie eben eine 60-jährige Frau aussieht. Wer die Wahl hat, hat die Qual: entweder zu schön, zu aufreizend und deshalb gefährlich. Oder zu gewöhnlich, zu alt, zu wenig bemüht und langweilig. Die gegenwärtigen Diskussionen laufen darauf hinaus, dass es in den Händen der Frauen gelegen wäre, den fatalen Fehltritt des mächtigen Generals zu verhindern - indem sie sich einerseits einen Kartoffelsack angezogen oder andererseits die Ehe mit Schönheitsoperationen aufgepeppt hätten. Denn eines ist klar: Der General hatte keine Wahl. Er war beiden Frauen wehrlos ausgeliefert. Und musste deshalb sogar seinen Posten aufgeben.

Sobald es um sexuelle Affären geht, wird Männern oft jegliches Urteilsvermögen abgesprochen. Mehr noch: die Verantwortung für ihr eigenes Handeln. Das passiert auf beiden Seiten. Vergessen wird hingegen schnell, wer die tatsächlichen Leidtragenden sind: betrogene Ehefrauen und Ehemänner sowie die unbeteiligten Kinder. Sie stehen im Abseits, sowohl macht- als auch wehrlos. (Teresa Eder, derStandard.at, 14.11.2012)

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