Millionen für Banken statt für Bildung

Rezension14. November 2012, 12:48
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Neoliberale Zauberlehrlinge haben für den Philosophen Oskar Negt ganze Arbeit geleistet, doch mit betriebswirtschaftlicher Denke sei kein Europa zu haben

"Geschichte wiederholt sich nicht. Wenn etwas aber nicht Geschichte wurde, wiederholt es sich durchaus": Mit Ernst Blochs Worten leitet Oskar Negt sein schmales Büchlein "Gesellschaftsentwurf Europa" ein. Die Variationen des Hegel-Marx'schen Gedankens, dass weltgeschichtliche Tatsachen sich zweimal ereignen, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce, haben für den linken Sozialphilosophen bedrückende Aktualität.

Die Dringlichkeit schlägt sich auch in der Wahl der Worte des Hannoveraner Emeritus für Sozialphilosophie nieder: "Die Kunstform der Tragödie griechischen Ursprungs von Aischylos, Sophokles und Euripides ist nicht nur auf den europäischen Bühnen gegenwärtig. Das Schicksal Griechenlands wächst sich vielmehr selbst zum Stoff für eine moderne Tragödie aus, die gleichzeitig als Farce inszeniert wird."

Unmoralische Abkoppelung

Oskar Negt geht mit den Europäern hart ins Gericht, nicht nur was ihren Umgang mit Griechenland betrifft: Ein Land, dem die Europäer wesentliche Elemente der Aufklärung, die politische Philosophie demokratischer Verfassungen und das Kategoriensystem vernunftorientierter Begründung verdanke, werde Schritt für Schritt aus dem europäischen Konsens ausgegliedert. Und das nach Regeln betriebswirtschaftlicher Buchführung und für Gewinnzwecke maroder Banken. Das sei "unmoralisch, skandalös und ein politisch folgenreicher Fehler." Diese Reformen, die man Griechenland vorschreibe, seien in so kurzer Zeit nicht praktizierbar. Was Europa brauche, sei eine solidarische Ökonomie, eine Art Marschallplan.

Er wolle - so schreibt der politische 1968er - mit seinem Text eine Lücke füllen. Wie schon die Wiedervereinigung der staatlichen deutschen Nachkriegsfragmente aus der Portokasse bezahlt werden sollte, was sich sehr schnell als fataler Irrtum herausstellte, so gerate jetzt ein viel größeres Vereinigungsprojekt in Verruf "weil im verengten Horizont der mit diesem epochalen Projekt Beschäftigen die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen in den einzelnen Ländern nicht vorkommen."

Die Macht der Finanzen

Der Kapitalismus, so Negt, funktioniere in der derzeitigen Krise (nicht nur) in Griechenland möglicherweise erstmals exakt so, wie Karl Marx es prophezeit habe: Es existiere eine phantastische Macht der Finanzen. Spekulanten und Glücksritter sicherten ihre Pfründe, und der Wert des Geldes werde von gesellschaftlichen Lebens- und Arbeitsprozessen abgekoppelt. Die Lebensverhältnisse der Menschen kämen in den derzeitigen Aktionen in Europa nicht vor.

Stand einst der Friedensgedanke im Vordergrund, gehe es heute in einem Europa der Unternehmer mit der Denkweise von Unternehmen um Rettungsschirme, Geld, Sparen. "Aber mit betriebswirtschaftlichen Denkweisen ist kein Europa zustande zu bringen."

Für Negt ist es schier unglaublich, was derzeit passiert: "Ist das überhaupt Wirklichkeit oder ein Gespensterdasein, wenn von Billionen die Rede ist? Drei Billionen Geschäftsakte gibt es täglich an den Börsen, drei Prozent davon sind bezogen auf Warenproduktion. Das kann doch nicht gutgehen, im Sinne der Integration der Menschen. Was sollen die Menschen von Europa haben, wenn sich gewissermaßen die Finanzwelt von der Gesellschaft verabschiedet?"

Die Plünderung des Sozialstaates

Heute werde so getan, als ob die Stabilisierung maroder Banken die Friedensfähigkeit in Europa vergrößere. Der Umgang mit Billionen und der gleichzeitige Wohlfahrtsabbau trenne die Menschen von Europa. "Dass dieser Sozialstaat geplündert wird, ist eine der gefährlichsten Dimensionen der Rückentwicklung. Sozialstaat, Demokratie und Rechtsstaat gehören zusammen." Schutzschirme ja: Sinnvoll seien die Milliardenhilfen allerdings für Bildung und Kultur und dafür, Lernprozesse unter den europäischen Völkern zu intensivieren. Das würde zur Integration in Europa führen, ist sich Negt sicher.

Ein großes Thema ist für den streitbaren Mann die seiner Ansicht nach vollkommen fehlgeleitete Entwicklung in Sachen Bildung, "dieses ganze Bologna-Verbrechen, festgelegt ohne Information des Standes der Bildungssoziologie." Wenn eine Gesellschaft ihre produktiven Energien hauptsächlich auf traditionell negativ beurteilten menschlichen Eigenschaften wie Gier und Besitzanhäufung aufbaue, und mit ihrem betriebswirtschaftlichen Geist seit einigen Jahren auch Universitäten, Schulen und künstlerische Einrichtungen belästige, dann brauche sich keiner zu wundern, wenn Werte und Tugenden wie Solidarität, Mitmenschlichkeit, Vernunft im Schwinden begriffen sind. "Wenn Schülern und Studenten systematisch eingebläut wird, es gehe bei der Ausbildung darum, einen Wettbewerb zu bestehen und möglichst viele Konkurrenten aus dem Spielfeld zu schlagen, dann werden sie als Bürger und Privatmenschen verrohen."

Die kranke Gesellschaft

In seiner Diagnose ist der einstige Habermas-Assistent nicht zimperlich: "Es könnte sein, dass wir von einer kranken Gesellschaft sprechen müssen, in der bewusste Politik ausgeschlossen ist, weil die Gesellschaft zum bloßen Anhängsel der wirtschaftlich Mächtigen und der Börsenkurse geworden ist." Bei diesen völlig neuartigen Verdrehungen von Macht und Ohnmacht versagen alte politische Strategien fast vollständig, mahnt Negt.

Ein falsches Wort, öffentlich ausgesprochen, könnte ganze Volkswirtschaften an den Rand des Ruins treiben. "Es ist wie in Märchen, in denen rätselhafte Formeln entscheiden, ob es für die Menschen einen guten Ausgang oder ein katastrophisches Ende gibt." Die "neoliberalen Zauberlehrlinge" hätten ganze Arbeit geleistet: "Auf allen gesellschaftlichen Ebenen haben sie die tätigen Geister in Freiheit gesetzt und ihnen eingeredet, der Besitzindividualismus sei auch das Glück des gesellschaftlichen Ganzen."

Demokratie lernen

Negts Therapievorschlag: Eine neue Disziplin der politischen Bildung müsse die Europäer einen, denn "Demokratie muss lebenslang" geübt und gelernt werden. Die politische Welt müsse nach den Maßgaben der Gerechtigkeit gestaltet werden, nicht auf den individuellen Besitz als Lebensziel setzend, sondern auf die Bildung und die Arbeit auch für das Gemeinwesen. Der Sozialstaat sei ein wichtiger Bestandteil der Friedensfähigkeit der europäischen Länder.

Dass Negt mit seinem leidenschaftlichen Plädoyer für eine solidarische Politik und Ökonomie eine Sozialutopie beschwört, ist für ihn klar und liegt dennoch auf der Hand: "Es ist eine Sozialutopie. Aber wenn man bedenkt, dass die Leute, die uns an den Rand einer gesellschaftlichen Katastrophe gebracht haben, alles Realpolitiker sind, dann sage ich, da ist mit der Wirklichkeit etwas nicht in Ordnung. Ist das wirklich, was hier verhandelt wird?" Die Gelddruckerpressen seien angeworfen, es würden Schutzschirme von mehreren Billionen formuliert. "Dinge, die eines Tages bezahlt werden müssen. Es hat sich das Verhältnis von Wirklichkeit und Utopie verkehrt. Deswegen sage ich: Nur noch Utopien sind realistisch. Wenn man sich an Utopien orientiert, dann ist man auf dem richtigen Weg." (Regina Bruckner, derStandard.at, 14.11.2012)

Oskar Negt
Gesellschaftsentwurf Europa
Plädoyer für ein gerechtes Gemeinwesen
Verlag Steidl/ifa
120 Seiten, 14,40 Euro

Link

Der Sozialphilosoph erklärt seine Ideen auf der Frankfurter Buchmesse

  • "Es könnte sein, dass wir von einer kranken Gesellschaft sprechen 
müssen, in der bewusste Politik ausgeschlossen ist, weil die 
Gesellschaft zum bloßen Anhängsel der wirtschaftlich Mächtigen und der 
Börsenkurse geworden ist": Oskar Negt ist in "Gesellschaftsentwurf Europa" nicht zimperlich.
    foto: steidl

    "Es könnte sein, dass wir von einer kranken Gesellschaft sprechen müssen, in der bewusste Politik ausgeschlossen ist, weil die Gesellschaft zum bloßen Anhängsel der wirtschaftlich Mächtigen und der Börsenkurse geworden ist": Oskar Negt ist in "Gesellschaftsentwurf Europa" nicht zimperlich.

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