Gegenwartskunst oder Patriotenkitsch

14. November 2012, 17:39
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Während in Moskau über ein geplantes Museum für zeitgenössische Kunst gestritten wird, sind "Kosaken" am Vormarsch und erfreut sich patriotische Kitschkunst eines zunehmenden staatlichen Rückhalts

Schon am Rande des Prozesses gegen Pussy Riot waren rechtsradikale Aktivisten im Verbund mit angeblichen "Kosaken" massiv in Erscheinung getreten: Zur Rettung des Christentums meinen sie insbesondere zeitgenössische Kunst bekämpfen zu müssen. Aber auch nach den Urteilen geht es weiter: Vor dem Kunstcluster Winzawod in Moskau lieferten sich Aktivisten kürzlich ein Gerangel mit Security und Polizei. In St. Petersburg wurde nach einem "Kosaken"-Drohbrief die "Lolita"-Inszenierung des berühmten Schauspielers Leonid Mosgowoj abgesagt. Versuche, die staatliche Eremitage zur Schließung ihrer Retrospektive der britischen Chapman-Brüder zu bewegen, blieben erfolglos.

Seit dem Sommer tobt in Russland ein Kulturkampf, den das Land in dieser Intensität seit der Perestrojka-Zeit nicht mehr gesehen hat. Doch die Konfrontation zwischen zeitgenössischer Kunst und einer russisch-orthodox kodierten Reaktion, die zunehmend über staatlichen Rückenwind verfügt, ist nicht die einzige Auseinandersetzung. Parallel dazu tobt in Moskau ein kleiner Museumskrieg, den das Umfeld von Roman Abramowitsch vom Zaun gebrochen hat - Dascha Schukowa, die Lebensgefährtin des Oligarchen, leitet das Kulturzentrum "Garage" in Moskau. Vordergründig dreht sich dieser Konflikt um unterschiedliche museale Konzepte und um Fragen der Architektur. Manche dürften aber auch auf jene 120 Millionen Euro schielen, die die Regierung für ein geplantes Museum für zeitgenössische Kunst vorgesehen hat.

Der Disput selbst war aus heiterem Himmel ausgebrochen. Jahrelang hatte das Staatliche Zentrum für zeitgenössische Kunst (NCCA) Lobbying für die Errichtung eines Bundesmuseums für zeitgenössische Kunst betrieben, das es in Russland bislang nicht gibt. 2011 unterzeichnete der damalige Premierminister Wladimir Putin schließlich einen Erlass, der die Finanzierung des Neubaus sicherstellte. Doch der vorgesehene Standort fiel aus verkehrstechnischen Gründen flach, mit der Moskauer Stadtverwaltung wurde ein neuer Standort akkordiert. Im August 2012 präsentierte NCCA-Direktor Michail Mindlin stolz das konkrete Projekt, das er gemeinsam mit dem bekannten Moskauer Architekten Michail Chasanow konzipiert hatte. Nach einer Adaptierung auf den neuen Ort sollten die Baumaschinen auffahren.

Doch dazu wird es so schnell nicht kommen: Anfang September übten externe Berater des Kulturministeriums vernichtende Kritik - vor allem "Garage"-Geschäftsführer Anton Below und der Moskauer Kulturstadtrat Sergej Kapkow, ein ehemaliger Mitarbeiter von Abramowitsch, hatten sich ins Zeug geworfen. Neben musealen Fragen wurde dabei insbesondere die Qualität des geplanten elfstöckigen Quaders von Chasanow bemängelt.

Als jedoch die Berater vergangene Woche ihre schriftlichen Empfehlungen an den Kulturminister Wladimir Medinski schickten, empfahlen sie, Kapkow für das Museum ein bereits vorhandenes Gebäude in Moskau suchen zu lassen. Am fehlenden Bilbao-Faktor der geplanten Architektur kann es also kaum liegen. Im Hintergrund, so wird in Moskau gemutmaßt, steht eher ein Generationswechsel innerhalb der Kulturbürokratie. Aber auch die Frage der propagandistischen Verwendbarkeit von Kultur schwingt mit: Schicke Hochglanzkulturzentren wie "Garage", die übrigens ihren ursprünglichen Standort, eine Autobusgarage, verlassen hat und vor wenigen Wochen in einem temporären Holzbau im Gorki-Park neu eröffnete, eignen sich dafür besser als ein eher nüchtern konzipiertes Kunstmuseum.

Während sich zwei Fraktionen streiten, dürften sich gleichzeitig vor allem die Gegner der zeitgenössischen Kunst freuen. Bereits im Frühjahr hatte Wladimir Putin Unterstützung für den "Realismus" versprochen. Damals hatte der bekannte Historienmaler Ilja Glasunow geklagt, dass realistische Kunst in Russland unterdrückt würde.

Dies ist einstweilen vorbei. Derzeit ist eine kleine Leistungsschau dieses neuen Realismus ist im Moskau-Museum zu sehen. Anlass ist die Vertreibung der Polen aus dem Kreml, die sich 2012 zum 400. Mal jährt. Bar jeder Ironie zeigen Ilja Glasunow und Vertreter einer jüngeren Generation Porträts großer Russen und Historienmalerei. Wassili Nesterenko, Jahrgang 1967, verdeutlicht mit seinem Bild "Befreiung. 1612", dass die Polen seinerzeit wirklich keine Chance hatten.

Was die künstlerische Qualität betrifft, kann Nesterenko, einer der Stars dieser Szene, mit den großen russischen Vorbildern des späten 19. Jahrhunderts freilich nicht mithalten. Sein Realismus erinnert eher an Kitsch-Illustrationen zu Fantasy-Romanen. Ähnliches gilt für Filipp Moskwitin, der sich laut Ausstellungstext besonders für die Heiligkeit Russlands interessiert: Der Künstler porträtierte die siegreichen Polenvertreiber, er zeigt aber auch eine Szene aus dem Jahr 1240: Heerführer Alexander Newski, der von Moskwitin mit Heiligenschein dargestellt wird, attackierte damals die Schweden.

Ob dieser russischen Vergangenheit eine ganz große Zukunft in der Kunst blüht, bleibt einstweilen abzuwarten. Deutlich ist der Druck, dem derzeit vor allem provokante Formen der zeitgenössischen Kunst in Russland ausgesetzt sind. Vergangene Woche beantragten russische Staatsanwälte, das Video zum Pussy-Riot-Song "Gottesmutter, verjage Putin!" und auch "Die letzte Versuchung Christi" auf den Extremismus-Index zu setzen. Martin Scorseses Film dürfte dieses Los erspart bleiben. Pussy Riot wird man aller Wahrscheinlichkeit nach bald nur noch im Ausland zeigen dürfen. (Herwig G. Höller, DER STANDARD, 15.11.2012, Langfassung)

  • "Befreiung. 1612", gemalt vom aktuellen Szenestar Wassili Nesterenko (mit einem Kleriker zum Größenvergleich).
    foto: mikhail metzel/ap

    "Befreiung. 1612", gemalt vom aktuellen Szenestar Wassili Nesterenko (mit einem Kleriker zum Größenvergleich).

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