Lagerdenken ist total out

Leserkommentar |

Eine Anregung, unser Politikverständnis neu zu überdenken

Gerade erst haben die Grünen ein Volksbegehren gegen Korruption gestartet (derStandard.at hat berichtet), doch sofort wird Kritik laut. Am Volksbegehren? Nein. Kritik an den Grünen, für ihre Taten und Vorhaben, aber nicht am Volksbegehren.

Wenn man sich in diversen Foren bewegt, liest man vielerorts, dass viele Gegner der Grünen die Initiative nicht unterstützen wollen, weil doch der ESM unterschrieben oder die Parkpickerl-Zone ausgeweitet wurde. Ist das sinnvoll?

Schwarz-Weiß-Denken

Das Lagerdenken ist gerade in den Köpfen der älteren Generationen stark verankert, je nach Sozialisation gibt es in ihrer Vorstellung die Guten und die Bösen, schwarz und weiß. Anfällig für Polemik und Populismus verkommt somit das kritische und vor allem konstruktive Denken immer mehr.

Was die böse Partei sagt, ist prinzipiell falsch, was die gute Partei sagt, ist prinzipiell wünschenswert - unkritisch und undifferenziert.

Jeder gegen jeden

Schuld an diesem Politikverständnis sind die etablierten Parteien selbst, und hier gibt es keine Ausnahmen, denn die Grünen wettern gegen die FPÖ, SPÖ gegen ÖVP und umgekehrt. Sie haben alle eine der wichtigsten Säulen der Demokratie vergessen, und das vielleicht sogar mit Absicht: Es geht nicht darum, zu gewinnen, sondern um das Land zu verbessern.

Stattdessen wird Kooperation gescheut und Polarisation gefördert, um möglicherweise politisches Kleingeld aus diesem oder jenem Konflikt zu schlagen. Dass das aber nicht funktioniert, zeigt sich allerdings recht deutlich an den lediglich marginalen Veränderungen in den Umfragen, in denen sich Stimmverluste selbst bei großen Skandalen einfach nicht einstellen wollen, so man kann beobachten, dass die Fronten bei Politikern sowie Bürgern verhärtet sind. Die Krisen der letzten Jahre hat diese Entwicklung noch weiter begünstigt, denn sie bietet immer wieder neuen Zündstoff für Konfrontationen.

Statt der Hahnenkämpfe müssen Lösungen her

Das ist nicht die Art der Politik, die wir uns verdient haben. Gerade als Jugendlicher hat man wenig Lust darauf, jeden Tag auf's Neue nur über Eklats zu lesen, die bei der Diskussion über ein in vielen Fällen oft recht unwichtiges Thema entstanden sind. Es ist nicht nur verschwendete Zeit, die sowohl den Entscheidungsträgern als auch den Bürgern nichts als Kraft und Nerven kostet, sondern lenkt auch von anderen, wichtigeren Dingen ab. Um die Krisen der heutigen Zeit zu lösen, sind mutige Schritte notwendig, die aber keine Partei setzt. Viel zu beschäftigt sind sie mit Streiten, dem Führen von Wahlkämpfen und dem Schwingen von Reden.

Die Folge ist, dass bei der Bevölkerung nichts mehr von den konkreten Inhalten ankommt, sondern einzig und allein die gegenseitigen Attacken thematisiert werden. Die Diskussion verliert sich so im Laufe der Zeit einfach in diesen Konflikten, bis es niemand mehr aushält, etwas über das Thema zu hören, der Frust der Bevölkerung steigt, das Interesse an der Politik sinkt.

Es geht ja...

Dass es auch anders geht, nehme ich persönlich vor allem bei neu gegründeten Parteien wahr, die im Social Web aktiv sind. Wie auch immer man zu den Gruppen und deren Positionierungen stehen mag, es lässt sich ein eklatanter Unterschied zum Establishment erkennen: Wer auf Twitter hin und wieder den Schriftverkehr von Neos und den Piraten verfolgt, kann sehen, dass hier auf ungezwungener und informeller Weise über Weltanschauungen und Ideologien, über Ideen und Vorhaben debattiert wird.

Genau so sollte Politik funktionieren: einfach, transparent und unkompliziert. Die Gesprächspartner respektieren einander und begegnen einander mit Umgangsformen, die für Entscheidungsträger eigentlich selbstverständlich sein sollten. Dem Großteil der altgedienten Parlamentarier scheint der gute Ton allerdings schon abhanden gekommen zu sein. 

Es ist weiters zu hoffen, dass der Fokus der Politik durch die immer lauter werdenden Schreie nach mehr direkter Demokratie wieder weiter zu den Inhalten wandert, denn nur so kann dieses System trotz aller Kritikpunkte diesem Land auch wirklich einen Mehrwert bringen.

Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht, denn die Initiativen und Volksbegehren werden nicht von den alten Strukturen ins Leben gerufen, sondern vom Volk selbst. Durch die Diskretion der Österreicher im Umgang mit dem Wahlverhalten wird es immer schwieriger, das Gut-Böse-System anzuwenden, man kennt den Initiator nicht und weiß nichts über ihn und ein Umdenken wird nötig. Schlussendlich fällt der Blick auf die Inhalte und die Diskussion kann ohne ideologische Scheuklappen beginnen.

Lagerdenken ist überhaupt nicht hip, Lagerdenken ist nicht angesagt, es ist nicht nötig und es ist nicht zielführend. (Leserkommentar, Stephan Valentan, derStandard.at, 15.11.2012)

Stephan Valentan (18) besucht die HTBLA in Kaindorf.

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