Oh Hölle Halbtagsschule!

Leserkommentar |

Warum die Ganztagsschule nicht böse und die Ganztagsschulkinder nicht arm sind

Gestern bekam ich echt zu viel. Als ich irgendwo zum wiederholten Male ein Argument gegen Ganztagsschulen hörte. Und zwar das unfairste und haarsträubendste von allen: "Kinder in Ganztagsschulen können ja kein gutes Familienleben haben. Die sind so arm, weil sie ihre Eltern nie sehen." Tschuldigung, wie bitte? Ich glaub ich hab mich schwer verhört. Zumindest hoffe ich das. Als ein Kind, das acht Jahre lang in einer Ganztagsschule war, möchte ich dazu bitte kurz etwas sagen. Oder lang. Weil ich das nicht so stehen lassen kann.

Bitte keine Pauschalurteile

"Ganztagsschule" hat in der momentanen Diskussion ja schon einen ähnlich negativen Touch wie "Internat". Es schwingen Andeutungen mit, man würde sein Kind abschieben, sich nicht drum kümmern wollen, wäre froh, wenn das Kind nicht so viel zu Hause wäre. Fürs Protokoll: Auch wenn es teilweise feige Untertöne sind, sind diese so unfair, dass mir ganz schlecht wird, wenn ich sie nur lese. Denkt mal drüber nach, was ihr da Eltern pauschal vorwerft. Was das für Aussagen sind. Was das bedeutet.

Wie erwähnt war ich selbst fast meine gesamte Schulzeit über in einer Ganztagsschule. Warum? Weil meine Eltern Vollzeit beschäftigt waren und mich nicht um 14:00 Uhr von der Schule abholen konnten. Ok, abholen vielleicht schon und dann? Zu Hause abliefern, mich vier bis fünf Stunden daheim mich selbst überlassen, bis sie von der Arbeit kamen? Nicht nur mir schien das keine geeignete Lösung, sondern meinen Eltern damals genauso wenig. Also fiel die Entscheidung für eine Ganztagsschule.

Kompetente Hilfe bei den Hausübungen

Und ich verrate euch auch ein Geheimnis. Anscheinend schwirrt nämlich das Gerücht um, in der bösen Ganztagsschule müssten die Kinder bis 18:00 Uhr durchgehend sitzen und lernen und lesen und schreiben. Nein. Einfach nur nein. In meinem Fall war um 14:00 Uhr Unterrichtsschluss, anschließend gemeinsames Mittagessen und Pause bis 15:00 Uhr. Ab 16:00 Uhr hat man entweder, wie es bei uns hieß, "Studium" oder Nachmittagsunterricht. Und bevor hier alle wieder aufschreien: Nachmittagsunterricht hatten wir gerade mal in den letzten Klassen ein bis zwei Mal pro Woche. Maximal zwei Stunden. Und auch nur, weil man den Samstag abschaffte. Im "Studium" erledigte man mit Unterstützung von Nachmittagsbetreuern alle Hausaufgaben, Gruppenprojekte und lernte für Prüfungen. Genau so lange wie man Zeit brauchte. Normal reichte dafür wohl eine Stunde konzentriertes Arbeiten, worauf auch die Nachmittagsbetreuung achtete. Das besonders Sinnvolle daran war einfach, dass man eine ganze Schule voller KollegInnen, LehrerInnen und BetreuerInnen hatte, die Fachwissen hatten und einem wirklich effektiv mit (Lern)problemen helfen konnten.

Tischfußball ohne Ende

So, fertig mit allem. Freizeit. Zwei Stunden lang. Was tun? Naja vielleicht das umfangreiche Freistunden-Angebot annehmen? In meiner Schullaufbahn hab ich Tennis, Badminton, Fußball, Volleyball, Tischtennis und Landhockey gespielt, Leichtathletik gemacht, Klavier gelernt, Begabtenförderungskurse belegt, bei Musicals mitgemacht und Tischfußball ohne Ende gespielt. Nein, nicht während zwei wöchentlichen Turnstunden. In meiner Freizeit mit Freunden gemeinsam in der Ganztagsschule. Und ich hab's geliebt.

Aber weiter im Text. Um 17:45 Uhr ging es nach Hause. Ich kann mich bei bestem Willen nicht daran erinnern, je zu Hause gelernt, Aufgaben oder Projekte gemacht zu haben. Damit war ich bereits fertig und hab den Abend mit meiner Familie verbracht. Ich armes, einsames, verwahrlostes Ganztagsschulkind. Auch für lernintensive Prüfungen und Schularbeiten gab es einen Trick: Man nutzte die Zeit bis 17:45 statt für Sport eben fürs gemeinsame Lernen und hatte somit auch 98 Prozent der Wochenenden frei. Fürs Familienleben und so.

Obwohl es ab der 7. Klasse Oberstufe möglich war, ohne viel Gründe am Nachmittag früher nach Hause zu gehen, blieben die meisten. Das war einfach eine super Sache, die schulischen Aufgaben zu erledigen inklusive kompetenter Hilfe, dann mit Freunden Sport und Freizeit und wenn man heimkam, hatte man den Kopf frei und konnte den Abend entspannt verbringen.

Ich persönlich bezweifle ja, dass ich meine Nachmittage alleine zu Hause so produktiv verbracht hätte. Viel eher glaube ich, dass sich da erst mit Schulaufgaben hingesetzt wird, wenn die Eltern heimkommen. Vor allem wenn es Fragen oder Probleme gibt. Und bis dann alles fertig ist, ist's spät am Abend und die Kids reif fürs Bett. Aber da bleibt ja dann gar keine Zeit mehr fürs Familienleben! Oh Hölle Halbtagsschule!

Geplante Harmonie gibt es nicht

Nachdem wir jetzt wohl geklärt haben, dass einem die Ganztagsschule weder Zeit mit seinem Kind raubt sondern eher schenkt, sollte ich noch eine grundsätzliche Sache klären, denn mir klingelt's schon in den Ohren "Aber ich arbeite von zu Hause/Teilzeit und da hab ich dann viel mehr Zeit mit meinem Kind!" Ja, stimmt, ihr habt quantitativ pro Tag mehr Zeit mit eurem Kind zur Verfügung. Trotzdem habe euch eigentlich nur eine Sache zu sagen: "Wertvolle Zeit mit Mama, Papa und Geschwistern misst man nicht in Minuten."

Als würde sich gutes oder schlechtes Familienleben dahingehend entscheiden, ob man pro Tag drei Stunden mehr oder weniger mit seinem Kind verbringt. Harmonie findet genauso in der Früh beim Aufstehen, am Abend beim Schlafengehen, bei aufgeregten Anrufen bei Mama weil man das Tennismatch gewonnen hat, bei Schachspielen mit Papa und beim heimlichen Anschauen von "Columbo" mit dem großen Bruder statt.

Und die Frage, ob diese plus drei Stunden wirklich so wahnsinnig intensiv mit dem Kind gemeinsam genutzt werden, wie gerne getan wird, will ich einfach mal so im Raum stehenlassen. Wenn ja, finde ich das gut. Dann ist das ein Vorteil gegenüber der Ganztagsschule. Seid froh, dass ihr mit einem Halbzeitjob auskommt und nutzt die andere Hälfte der Zeit.

Trotzdem ist es Vollzeit arbeitenden Eltern oft nicht anders möglich und, ganz wichtig, das ist auch nicht schlimm sondern ziemlich normal. Denn die Ganztagsschule ist dafür eine sehr gute und sinnvolle Lösung. Für Kinder und Eltern.

Hört einfach auf, Eltern vorzuhalten, sie würden ihr Kind vernachlässigen, weil es eine Ganztagsschule besucht.
Das ist so falsch. (Leserkommentar, Uschi Fuchs, derStandard.at, 16.11.2012)

Uschi Fuchs (24) ist Social Media Consultant und lebt in Wien. Der Text ist auf ihrem Blog www.foxy.at veröffentlicht worden.

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