Wissenschaft mit erweitertem Horizont

13. November 2012, 20:23
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Die Jahrestagung der Falling-Walls-Stiftung zeigt Schritte in Richtung globalisierter Forschung

"Wissenschafter haben zweifelsohne großes Prestige", sagte Alan Leshner, " Sie rangieren in der Achtung der Menschen an zweiter Stelle, gleich hinter den Feuerwehrmännern." Das Problem sei, dass viele Menschen nicht wüssten, was Wissenschaft ausmache. Fast die Hälfte der Bevölkerung lehnen die Evolutionslehre ab, berichtete er aus seiner Heimat, "und ebenso viele halten Astrologie für etwas Wissenschaftliches. Well, it's not."

Leshner, Chef der American Association for the Advancement of Science, zog eine gemischte Bilanz über die vierte Jahreskonferenz der Falling Walls Foundation am Ende eines intensiven, randvoll angefüllten Tages. Zum vierten Mal trafen Spitzenforscher aus aller Welt auf Kollegen und auf Beobachter aus der Politik, angefangen bei der Forschungsministerin Annette Schavan und dem US-Botschafter in Deutschland Philip Murphy, und aus der Wirtschaft. Deren Interesse zeigt sich auch in den rund zwei Dutzend Institutionen und Unternehmen, die die Stiftung fördern.

Im Laufe dieses Tages, des schicksalhaften 9. November (nicht nur auf den Mauerfall wurde hingewiesen, auch auf den Jahrestag der Novemberpogrome 1938), konnten neben anderen auch die Gewinner im Lab vom Vortag präsentieren - leider wieder nur drei Minuten lang.

Mehr Zeit hatten die eingeladenen Redner, die Grenzen ihres Forschungsgebiets zu markieren und bevorstehende neue Einsichten - womöglich sogar Paradigmenwechsel - anzukündigen.

Letztere waren rar. Wissen wir etwa, ob die von Rachel McDermott (Plasmaphysik, Garching) prognostizierte gebändigte Kernfusion realistischer ist als die vorschnellen Meldungen vor einigen Jahrzehnten? Und können wir davon ausgehen, dass Peter Herzigs (Ozeanforschung, Kiel) Zuversicht, was die Ausbeutung der Bodenschätze auf dem Meeresgrund anbelangt, mehr Gewinn als Zerstörung bringt?

Sicherer waren sich die rund 700 Zuhörer in der Beurteilung des Nutzens von Maßnahmen zur Verminderung der Kindersterblichkeit (Awa Marie Coll Seck, Gesundheitsministerin, Senegal). Auch die Vorführung von nanomechanischen Eigenschaften neuer Materialien durch Nicola Pugno (Strukturelle Mechanik, Turin) überzeugte sie, ebenso das Plädoyer von Aaron Kaplan (Funkfeuer / Free Net, Wien) für Peer-to-Peer-Netzwerke ohne zentrale Kontrolle.

Die insgesamt 20 Vorträge vermittelten, den Ted-Talks vergleichbar, dank ihrer Inhalte und ihrer großteils professionellen Form ein Gefühl von erweitertem Horizont. Wie die Pausendiskussionen zeigten, waren offenbar genügend Ansprechpartner da, die zudem Verwertungsinteressen signalisierten.

Hannes Androsch wohnte als Chef des Rates für Forschung und Technologieentwicklung der Tagung bei. Ihn faszinierte, "wie hier kurz und launig schwierige, komplexe Inhalte präsentiert werden. Und es zeigt sich, wie wichtig Neugierde als Voraussetzung für Erkenntnisgewinn ist."

Auch Helga Nowotny, Präsidentin des Europäischen Forschungsrats, war als Mitglied des Stiftungsvorstands auf der Tagung. Unabhängig von ihrer Funktion, sagte sie, sehe sie die Konferenz als eine einmalige Veranstaltung: "So dicht, so viel Verschiedenes auf einmal!" Man sehe aber auch den Unterschied zwischen dem Prestige der "Wissenschaft" im Deutschsprachigen und der umstrittenen "Science". Und wo man weiterhin unterschiedlicher Ansicht sein dürfte: Alan Leshner ordnete die Skepsis gegenüber genetisch modifizierten Nahrungsmitteln schlicht dem Aberglauben zu. (mf, DER STANDARD, 14.11.2012)

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