Metropolit von Aleppo: "Das ist kein Bürgerkrieg"

13. November 2012, 19:28
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Gregorios: In- und ausländische Gruppen in Syrien am Werk

Damaskus/Wien - "Das ist kein Bürgerkrieg." Der syrisch-orthodoxe Metropolit von Aleppo, Mar Gregorios Yohanna Ibrahim, sieht in dem Konflikt in seiner Heimat einen Kampf zwischen Gruppen, hinter denen teils auch ausländische Interessen stehen. Im Gespräch mit Journalisten in Wien wandte sich der Erzbischof am Dienstag gegen jede Intervention des Auslands.

In dem "schmutzigen Krieg innerhalb von Syrien" werde es "auf beiden Seiten nur Verlierer" geben, ist Mar Gregorios überzeugt, der zugleich vor einer ethnischen oder religiösen Spaltung Syriens warnte und sich trotz allen Leides gegen einen gezielten Exodus der Christen aus ihrer historischen Heimat aussprach.

"Aleppo ist heute eine tote Stadt", schilderte der Metropolit die "traurige" Lage in der nordsyrischen Metropole. Ein Drittel der Stadt sei bereits zerstört, auf beiden Seiten seien Kämpfer "bereit, einander zu töten". In diese Kämpfe geraten die Christen, die sich weiter mehrheitlich herauszuhalten versuchten. "Ein Viertel bis ein Drittel der Christen hat inzwischen Aleppo verlassen."

In der Stadt Homs seien bereits alle Christen weg. Kirchen und Moscheen Aleppos seien geschlossen. Das Schuljahr konnte nicht beginnen, da Flüchtlinge aus zerstörten Stadtteilen auf dem Uni-Gelände und in Schulen lagern.

Anfangs sind laut dem orthodoxen Kirchenführer einfach syrische Bürger Ziele von Übergriffen geworden, jetzt würden Christen oft aus Bussen und Autos herausgeholt und gegen hohes Lösegeld (bis zu 60.000 Euro) gekidnappt. Die Fluchtwege der Christen führen in die Türkei, in den Libanon, nach Jordanien. Mar Gregorios schätzt die Zahl der syrischen Binnenflüchtlinge generell auf circa zwei Millionen, rund 400.000 seien ins Ausland geflüchtet. Die Fluchtwege der Christen führen meist in die Türkei, nach Jordanien und in den Libanon. Viele Menschen stünden vor einem Winter ohne Unterkunft, Wasser und Nahrung.

Mar Gregorios stellt auch drei Forderungen, um für Syrien und seine Bewohner eine Perspektive zu eröffnen. Feuerpause, humanitäre Hilfe und Verhandlungen. Feuerpause und humanitäre Hilfe seien die Voraussetzung für Verhandlungen zwischen den rivalisierenden Gruppen. Zur Opposition sagte der Metropolit, in der neu gebildeten Koalition fänden sich auch einige Christen. "Das ist gut so." Wenn es dieser Koalition gelingen sollte, Stabilität zu schaffen, wäre dies gut für die Zukunft Syriens.

Die Zahl der ausländischen, vor allem islamistischen Kämpfer, von denen man meist nicht wisse, ob sie ins Land geholt wurden oder auf eigene Faust in den Kämpfen mitmischen, lasse sich nicht beziffern, sagte der Erzbischof. Sie kommen aus Afghanistan, aus Libyen, aus dem Irak und aus der Türkei. Christen würden bedroht und beleidigt. Etlichen der Kämpfer soll vor ihrem Syrien-Einsatz auch gesagt worden sein, sie würden nach Palästina geschickt und dort gegen die Juden kämpfen.

Priester getötet

Für das künftige Syrien wünscht sich der orthodoxe Kirchenführer eine Verfassung, die die ethnischen und religiösen Gruppen schützt. "Niemand beschützt die Christen." Drei Priester seien bereits getötet worden. Ein Zusammenbrechen Syriens würde nicht-lebensfähige Gebilde schaffen.

Mar Gregorios ist aber auch gegen eine Aussiedlung der Christen. Er habe in den USA und in Deutschland Gespräche geführt, und er "rieche das irakische Szenario" (mit gezielter Aussiedlung aller Christen, geplant von USA und Briten). "Wir als Kirchenführer ermutigen den Exodus nicht. Wir fühlen uns als wesentlicher Bestandteil Syriens." Auch er habe Angst, doch: "Ich muss bei meiner Herde bleiben."

Den beiden alewitischen Präsidenten aus der Assad-Familie stellt Mar Gregorios ein gutes Zeugnis aus. Syrien war "ein Modell für Koexistenz", die Christen konnten Kirchen und Schulen bauen. Ab März 2011 änderte sich dies dramatisch. Der Fall Syrien sei aber nicht mit Ägypten oder Libyen vergleichbar. Der Türkei stellte der Bischof hingegen kein gutes Zeugnis aus. "Bis 2011 war die Türkei unser Bruder." Er traf mit dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan im Vorjahr zusammen; zu Syrien sagte dieser "kein Wort". Die Türkei hätte eine Vermittlerrolle spielen können, habe aber im Gegenteil eine negative Rolle gespielt, so der Bischof sinngemäß.

Was er sich von Österreich erwarte? Ja, Österreich wäre als neutrales Land und als Land, das den Dialog zwischen den Religionen pflege, für eine Art Vermittlerrolle geeignet, meinte der Metropolit. "Wir brauchen für Syrien einen Oslo-Prozess" (wie für Nahost-Israel-Palästina, Anm.). Staatssekretär Reinhold Lopatka hatte bei einer Unterredung mit Mar Gregorios am Vortag eine Erhöhung der humanitären Hilfe für Syrien angekündigt und zugleich die Bildung der syrischen Oppositionskoalition in Katar begrüßt. (APA, 13.11.2012)

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