"Der Fisch ist glitschig, das Messer scharf"

Interview17. November 2012, 17:00
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Für "Grenzgänger", eine in die Marchauen transponierte Neuinterpretation des "Weibsteufels" von Karl Schönherr, wurde Andreas Lust zum Aufischer - Severin Corti erklärte er, wie es einem geht, wenn man als urbaner Mensch plötzlich Fische erschlagen muss

STANDARD: Sie spielen in Grenzgänger einen Fischer in den Marchauen. Dafür mussten Sie auch lernen, Netze zu flicken, Fische zu erschlagen, Aale auszunehmen. Wie geht es einem damit als urbanem Menschen des 21. Jahrhunderts?

Andreas Lust: Das war schon alles sehr neu. Ich hatte mit Fischen bis dahin rein gar nichts am Hut. Mein einziges Fischererlebnis hatte ich vor Jahrzehnten auf einer Interrail-Reise in irgendeinem italienischen Yachthafen. Da sind lauter Fischlein herumgeschwommen, worauf wir auf die Schnapsidee gekommen sind, so primitive Handangeln zu besorgen, um uns das Abendessen selber zu angeln. Eine der größten Niederlagen, die man sich als Fischer vorstellen kann: Wir sind stundenlang gesessen und haben die Haken reinhängen lassen, unten sind hunderte Fische herumgeschwommen, die das überhaupt nicht beeindruckt hat. Nach Stunden, endlich, hat sich dann doch einer erbarmt und angebissen. Wir haben uns so geschämt.

STANDARD: Wieso?

Lust: Ich war so traurig. Wir sind vier Mann hoch um dieses kaum zehn Zentimeter große Fischerl herumgestanden, das da um sein Leben zappelt und uns vorgekommen wie die niederträchtigsten Idioten. Wir haben ihn ganz vorsichtig vom Haken gelöst und zurückgeworfen.

STANDARD: Für den Film mussten Sie dann aber etliche erschlagen. Wie ist es, wenn man das, was man sonst mit Gusto zu sich nimmt, erst einmal um sein Leben bringen muss?

Lust: Ganz brutal, ja. Ich bin da schon sehr weich gestrickt. Einer meiner ersten Berufswünsche war nicht zufällig, Tierarzt zu werden. Aber wenn es die Story verlangt, dann überwindet man sich. Ich hab für eine Rolle auch schon Hendln geschlachtet. Für den Film bin ich schon öfter zum Mörder geworden, wobei die Idee vom Töten, um zu essen, im Grunde ja viel Gutes hat: Wenn jeder nur essen dürfte, was er zuvor tatsächlich selbst getötet hat, dann würde wohl wesentlich weniger Fleisch gegessen werden. Wenn das Tier erst einmal Wurst geworden ist, ist der Bezug zur Kreatur kaum noch da.

STANDARD: Im Film surrt es nicht zuletzt auch wegen der vielen Aumücken. Fällt einem das Töten leichter, wenn man selbst gerade als Nahrungsmittel missbraucht wird?

Lust: Es macht aggressiv, ja - wobei wir zum Glück im Frühjahr gedreht haben, da war es noch nicht ganz so schlimm. Aber ich hab tatsächlich angeregt, dass wir so Boxen oder Baustellenklos aufstellen, in die man sich bei Bedarf wie in einen Panic-Room zurückziehen kann. Wenn man stundenlang in dem Gesurre drin steht, wird man ja wirklich wahnsinnig.

STANDARD: Fische sind stumm - erleichtert das das Töten nicht ungemein?

Lust: Nein überhaupt nicht. Wenn so ein Fisch um Luft - oder vielmehr um Wasser - ringt und einen anschaut und ganz stumm den Mund bewegt, das trifft einen eigentlich noch mehr, als wennst einem Hendl den Kopf abhackst. Wenn der Kopf einmal ab ist, weißt du, woran du bist, das Viech ist tot, aus. Beim Fisch hingegen sieht man den Todeskampf, das ist einfach grausam.

STANDARD: Worauf kommt es denn an beim Fischetöten? Was lehren einen die Fischer da?

Lust: Der Tötungsakt muss mit Konsequenz gesetzt werden, damit die Kreatur möglichst wenig leidet. Als Anfänger will man dem Karpfen ja möglichst wenig wehtun und ist deshalb versucht, zu zaghaft zuzuschlagen. Dabei muss der Schlag gerade beherzt gesetzt werden, um das Leiden zu beenden. Sonst wird es zur Blutoper - was es dann spätestens beim Zerlegen der Fische auch wurde: Ich hab mir mehr als einmal wild in den Finger geschnitten. Der Fisch ist glitschig und das Messer scharf - eine Kombination die tödlich ist.

STANDARD: Jetzt können Sie es. Hat sich das auf Ihren Speiseplan ausgewirkt?

Lust: Also fischen war ich seitdem nicht. Und auch das Filetieren überlasse ich immer noch lieber meinem Fischhändler.

STANDARD: Hat sich der Zugang zum Essen geändert, nachdem man erlebt hat, wie es vorher gejagt und getötet werden muss? Unsereins bezieht es in der Regel ja einfach aus dem Kühlregal.

Lust: Auf jeden Fall, ganz massiv. Ich kann das nur jedem empfehlen. Wenn man erfährt, wie das Tier sterben muss, um zu Nahrung zu werden, nimmt einen das ganz anders her. Ich bin deswegen nicht zum Vegetarier geworden, aber sehr wohl zum bewussteren Esser. Das ist ja etwas sehr Schönes und beginnt schon bei der Zubereitung. Eine Speise, der man beim Werden zugesehen hat, wo man selbst Hand anlegt, das Stück Fleisch zurichtet, die Muskelfaser beim Einreiben mit Gewürzen erlebt: Das ist sinnliche Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Wenn man irgendetwas serviert bekommt oder es sich im schlimmsten Fall aus einem Fertigpackerl holt, vergibt man sich viel.

STANDARD: Das ist aber das, was man Sie und Ihre Filmpartnerin Andrea Wenzl im Film essen sieht: Fertigessen aus der Mikrowelle. Wie ist das zu verstehen - ihr seid Fischer, betreibt ein Wirtshaus, aber gegessen wird aus dem Packerl?

Lust: Weil Essen eben eine zutiefst persönliche Angelegenheit ist. Wer so zentral mit der Bereitstellung von Lebensmitteln beschäftigt ist, will den Akt der Nahrungsaufnahme, diesen Moment der Privatheit, nicht auch noch in den Kontext der Arbeit stellen. Auch Köche essen bekanntlich nach getaner Arbeit nur in den seltensten Fällen in der eigenen Küche, selbst wenn ihr Essen noch so gut ist. Da gehen sie lieber zum Würstelstand. Ich habe in der Vorbereitung einen Berufsfischer kennengelernt, der selbst tatsächlich niemals Fisch essen würde. Das mag paradox klingen, anderseits: Ein Schriftsteller wird sich sein eigenes Buch auch kaum aufs Nachtkastl legen.

STANDARD: Aber Sie essen nach wie vor Fisch?

Lust: Absolut, und wie. Ich esse sogar zum Frühstück Fisch, wenn die Gelegenheit sich bietet. Gut geräucherter Fisch, dazu ein Salat, das ist viel eher mein Frühstück als ein Croissant mit Marmelade. (Severin Corti, Rondo, DER STANDARD, 16.11.2012)

"Grenzgänger" startet am 16.11. in den österreichischen Kinos.

>> Auch der Ortskundige übersieht manchmal etwas

  • Schauspieler Andreas Lust musste für seine Rolle als Aufischer und Wirt 
in Florian Flickers "Grenzgänger" lernen, Fische zu töten, Netze zu 
flicken und Aale zu räuchern.
    foto: thimfilm/colin mc pherson

    Schauspieler Andreas Lust musste für seine Rolle als Aufischer und Wirt in Florian Flickers "Grenzgänger" lernen, Fische zu töten, Netze zu flicken und Aale zu räuchern.

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    foto: thimfilm/colin mc pherson
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