Meisterzimmer: Schöne Spinnerei, null Sterne

  • Im "Meisterzimmer" ist Industriecharme mit DDR-Schmäh zu Hause.
    foto: hersteller

    Im "Meisterzimmer" ist Industriecharme mit DDR-Schmäh zu Hause.

In Leipzig leistet man sich den Luxus, eine Pension mit nur zwei Lofts zu betreiben

Gebäude 18, erste Etage, Arbeitsraum Südwest. Mehrmals am Tag standen die Arbeiterinnen an den vier Waschbecken und wuschen sich den Schweiß vom Körper. Man braucht nicht viel Fantasie, um diesen virtuellen Dokumentarfilm im Zeitraffer vor Augen zu sehen. Alles ist wie zu DDR-Zeiten. Der limettengrüne Mattlack, die weißen Hochglanzfliesen, das Schwimmbadblau in den Duschen. Mit einem Unterschied: Heute wird hier keine Baumwolle mehr gesponnen, sondern nächteweise hotelliert.

"Ich bin schon seit 1994 in Leipzig tätig, und damals war das riesige Gelände völlig verwaist", erinnert sich Manfred Mühlhaupt. "Die Produktionsflächen lagen brach, die Maschinen standen still, aber die Potenziale dieses Fabriksareals waren enorm." Der 46-Jährige ist Künstler, Grafiker und Webdesigner. Gemeinsam mit ein paar Freunden hatte er die Idee, die alte Baumwollspinnerei im westlichen Stadtteil Leipzig-Lindenau zu neuem Leben zu erwecken. Kurze Zeit später siedelten sich bereits die ersten Künstler, Handwerker und Galeristen an und verwandelten die 1884 gegründete Fabrik nach und nach in einen der größten Kreativ-Cluster Europas.

"Bitte nicht vom Beckenrand springen!"

Der erste Stock in Gebäude 18 wurde lange Zeit als Atelier, später als Bar und Veranstaltungsraum genutzt. Nachdem sich Künstlerkollegen aus anderen Städten immer häufiger nach einem geeigneten Ort zum Nächtigen erkundigt hatten, beschloss Mühlhaupt vor drei Jahren, das 116 Quadratmeter große Loft zu vermieten. Mittlerweile ist noch ein zweites Zimmer mit 60 Quadratmetern hinzugekommen. Der Name dieser kleinen Pension mit Industrieflair: Meisterzimmer.

Der Boden ist kalt, und man tut gut daran, die Pantoffel von zu Hause mitzunehmen. Der Rest ist perfekt. Sitzgarnitur aus dem Vintage-Shop, Verstärkerradio aus den Zwanzigern, ein umfunktionierter Globus als Loftbeleuchtung, die von der Decke hängt. Und beim Kaffeekochen hat der Gast die Wahl zwischen vier Wasserentnahmestellen. Sehr praktisch. Immer wieder fällt die eine oder andere Kunstinstallation im Raum auf. Das Badezimmer etwa, das wie ein Salon durch ein riesengroßes Fenster belichtet wird, wurde kurzerhand zum Schwimmbad uminterpretiert. An der Mauer ist eine Höhenmarke eingetragen: 8 Meter. Daneben der Warnhinweise: "Bitte nicht vom Beckenrand springen!"

Dorado für Entdecker

Die Spinnerei, rund vier Kilometer von der Leipziger Innenstadt entfernt, ist ein Dorado für Entdecker. Das haben auch die Fremdenverkehrsunternehmen erkannt, die mittlerweile mit ausrangierten Londoner Doppeldeckerbussen in die Fabrik kommen, um den Touristen zu zeigen, wo die Creative Industrials zu Hause sind. Mehr als hundert Ateliers und Betriebe sind auf dem rund zehn Hektar großen Werksgelände beheimatet.

"Die Spinnerei ist eine eigene Kunstmetropole der kurzen Wege", sagt Michael Arzt, Mitarbeiter in der Halle 14. "Bei uns kommen selbst die ausgeflippten Berliner ins Schwärmen." Und die Kunstfotografin Inge Kerber, die hier ein Atelier mietet, schwört auf den gebastelten Charme der Spinnerei: "In gewisser Wiese ist dieses Areal ein typisch ostdeutsches Vermächtnis", sagt sie. "Die Menschen in der DDR haben es verstanden, aus Altem etwas Neues zu machen und die Dinge zu reparieren und weiterzunutzen. In jeder anderen Stadt in Europa wäre ein solches Fabriksgelände längst gentrifiziert und auf Hochglanz poliert. Davon sind wir hier zum Glück meilenweit entfernt." (Wojciech Czaja, Rondo, DER STANDARD, 16.11.2012)

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