Leipzig gedenkt der Völkerschlacht

Konstantin Teske
18. November 2012, 17:05
  • Vor 200 Jahren fand in Leipzig die Völkerschlacht statt, 100 Jahre später, 1913, wurde das Völkerschlachtdenkmal eingeweiht.

    Vor 200 Jahren fand in Leipzig die Völkerschlacht statt, 100 Jahre später, 1913, wurde das Völkerschlachtdenkmal eingeweiht.

2013 gedenkt Leipzig der Völkerschlacht vor 200 Jahren - Dieser Blick in die Vergangenheit von Europa soll Szenarien für die Zukunft ermöglichen

Eine Frage wie ein Achselzucken: "Was bedeuten für mich 200.000 Mann?". Ein Stilmittel, eine Zierde zum Abschluss eines kurzen Exkurses über die manchmal gegebene Notwendigkeit "das eigene und fremdes Leben zu verachten". Dass er es nicht bei bloßer Rhetorik belassen würde, hat Napoleon schon vor dieser Aussage, getätigt im Mai 1813 gegenüber Fürst Metternich, bewiesen.

Kein halbes Jahr später standen sich die Alliierten Österreich, Preußen, Russland und Schweden und die mit Sachsen verbündete Napoleonische Armee in einer in seinen Blutrausch-Dimensionen bisher ungekannten Schlacht gegenüber: bis zu 600.000 Mann waren in Stellung gebracht, ein Sechstel davon verreckte heldenhaft, die französische Armee unterlag.

Doppelgedenkjahr 2013

Was das alles für Gegenwart und Zukunft zu bedeuten hat, fragt sich Leipzig angesichts des 2013 anstehenden Doppelgedenkjahres: Vor 200 Jahren fand hier die Völkerschlacht statt, 100 Jahre später, am 18. Oktober 1913, wurde das Völkerschlachtdenkmal eingeweiht.

An einem sonnenmilden Herbstvormittag 2012 schauen wir auf dieses Denkmal, das mahnen sollte, das vor allem aber bedrückt mit seinen zwölf übermenschlichen, germanisch-mythischen "Freiheitswächtern" an der Frontseite. Ein Ungetüm, das "die meisten wohl nicht unbedingt im Vorgarten stehen haben wollen", wie es Steffen Poser, Leiter der Anlage, ausdrückt. Nach 1945 nur notdürftig saniert, betreiben ein privater Förderverein, die Stadt Leipzig und der Freistaat Sachsen seit 1998 die intensive Restaurierung, um das wiederhergestellte Denkmal nächstes Jahr in einem symbolischen Akt der Öffentlichkeit übergeben zu können.

Derart in neuen Glanz gesetzt, wird es auch einem Aktions-Theater Kulisse sein: "Imagine Europe", in Szene gesetzt von der Gruppe Titanick und dessen Leiter Uwe Köhler, will effektvoll die Geschichte Europas nach der Völkerschlacht erzählen: vom Wiener Kongress als "Schacherei um Europa", vom Immer-schneller-Wahn der Industrialisierung und von einem Europa, das sich in der Welt bedient, als wär's ein "Kolonialwarenladen".

Erprobtes Konzept bewegter Panoramen

Der Künstler Yadegar Asisi setzt zudem auch in Leipzig auf sein mehrfach erprobtes Konzept bewegter Panoramen: Das Innere eines ehemaligen Gasometers wird rundum bespielt mit einer Kombination aus gezeichneten Skizzen und bis zu 50.000 Fotomotiven, die Szenen aus dem Treiben in Leipzig während der Völkerschlacht darstellen. "Panometer" nennt sich diese Installation.

In Rötha, einer kleinen Gemeinde unweit von Leipzig, steht auf einer betonierten Fläche, die nur mehr einen Grundriss nachzeichnet und einzig eine Erinnerungsstele in der Mitte hat, Christian Steinbach, ehemaliger Landesdirektionschef von Leipzig sowie ehemals Pfarrer von Rötha.

Er referiert über jenes Schloss, das 1813 Hauptquartier der Allianz gegen Napoleon war und 1969 der DDR-Erinnerungspolitik zum Opfer fiel: weg damit, weg mit allen Spuren des Feudalismus. "Nachhaltig beschädigt" sei die Seele der Stadt dadurch geworden, sagt Steinbach. Zumindest das rekonstruierte "Allianzzimmer", jener Raum, in dem 1813 wesentliche Entscheidungen getroffen wurden, soll nächstes Jahr präsentiert werden.

"Kriegsspielerei"

"Lebendig" wird Geschichte auf den Feldern um Leipzig aber auch durch die seit 1980 jährlich stattfindenden historischen Schlachtnachstellungen. Mehr als 1500 Teilnehmer aus verschiedenen Ländern nahmen dieses Jahr daran teil, über 3000 werden nächstes Jahr erwartet. Hier sollte denn auch vermieden werden, von "Kostümen" zu sprechen - "Uniformen", heißt es, wird man umgehend korrigiert.

Enthusiasmus, der manchem befremdlich erscheint und von einigen Seiten als "Kriegsspielerei" bezeichnet wird, ist allerdings die Voraussetzung dafür, dass etwa ein junger Mann Mitte zwanzig 3.000 Euro aus eigener Tasche in seine standesgerechte Uniform der "Russischen Jäger" steckt.

"Geschichte zum Anfassen", nennt er das und hebt, wie auch eine "Marketenderin" oder ein "französischer Brigadeoffizier", die "Lagerfeuerstimmung" als wesentlichen Motor der gemeinsamen Tätigkeit hervor. Immerhin: Heute sind das gewissermaßen multinationale Lagerfeuer. (Konstantin Teske, DER STANDARD, Rondo, 16.11.2012)

Anreise & Unterkunft

Flug Wien-Leipzig, zum Beispiel mit Lufthansa oder Austrian Airlines, mehrmals täglich Bahn: Wien-Nürnberg-Leipzig.

Unterkunft: Parkhotel Leipzig, Zimmer im Art-déco-Stil, DZ ab 119 Euro.

Touristische Infos: voelkerschlacht-jubilaeum.de oder leipziger-freiheit.de

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25 Postings

...wie üblich verluste und gefallene/tote verwechselt...

bezüglich letzterer gibt es von napoleon noch ein zitat bezüglich der bedeutung von menschenleben: "Une nuit de Paris réparera tout ça" (nach der schlacht von eylau)
bezüglich "blutrausch" [wer schreibt eigentlich sowas?!]: neben den schlachten von borodino (like "a fully-loaded 747 crashing, with no survivors, every 5 minutes for eight hours.") und waterloo kann man da auch wagram nennen: 300.000 mann und fast 1000 stück artillerie auf einem praktisch deckungslosen schlachtfeld. kann man sich als wiener leicht persönlich von überzeugen...
wird mir immer - zumindest dezent - ein rätsel bleiben wie man sowas veranstalten konnte ohne fanatische ideologie dahinter.

ich freue mich unfassbar auf leipzig.und seine umgebung.

>ein Sechstel davon verreckte heldenhaft<

danke, helden sind unsere dümmsten

Das Völkerschlachtdenkmal

ist so ziemlich der irrste Steinhaufen, den ich jemals gesehen habe.
Leipzig ist im übrigen eine höchst sympathische Stadt und eine Reise allemal wert.

Hätte ein beeindruckenderes Denkmal verdient,

aber Anfang des 20.Jh. war das halt der Zeitgeschmack. Immerhin wird einmal dem Ende der größten Agression in Europa vor A.H. gedacht und wenn man den Wiener Kongress mit den Endkonferenzen der WK I und WK II vergleicht, dann waren die Politiker damals schon klüger: Frankreich wurde nämlich NICHT platt gemacht und Grenzen wurden auch NICHT so willkürlich gezogen!

sie haben bemerkenswerte

ansichten zur geschichte.. sie sollten mal das mit den willkürlich gezogenen grenzen nach wk I und wk II näher ausführen..

Brennergrenze (von Hitler & Mussolini bestätigt)

Jugoslawien, Palästina, ach, wieso erkläre ich jemandem wie Ihnen sowas...

wieso ?

was für einer bin ich denn in ihren augen ?

Also ohne mich verdächtig machen zu wollen:

nach dem WK1 definitiv die Brennergrenze, die der Sieger (und 1915 Kriegserklärer) Italien weit in deutschsprachiges Gebiet als Beute bekam.

Bestimmte Teile von Polen und westlicher Tschechoslowakei fallen sicherlich auch darunter, das ist natürlich eine schwierige Frage.
Jedenfalls war es für A.H. ein gefundenes Fressen.
Die Grenzen nach WKII waren dann vollendete Tatsachen.

und in 50 Jahren stellen wir den Weltkrieg nach. Mit den Kzs und dergleichen.

Der Strache geht auf Übung und man pfeift ihn aus - und so etwas steht dann im Rondo. Nahja

Naja

sag ich auch in Anbetracht Ihres Postings. Es ist vielleicht ein bissel überzogen...

Findens? Bis Hitler war Napoleon immerhin der Mann, der die meisten Kriegstoten auf seinem Gewissen (?) hatte - und zwar mit einigem Abstand.

zu weit

enstchudligen Sie bitte, aber das geht jetzt zu weit. bitte die geschichte der napoleonischen zeit genauer betrachten, diese schuldzuweisung hat nichts mit der wirklichkeit zu tun, sondern ist einer der übelsten - und eben in der breiten öffentlichkeit bis heute unkorrigierten - fälle, dass "die sieger die geschichte schreiben". "die kriegaschuldgfrage in der zeit nepoeleons" ist leider bis heute unegschrieben, auch wuirklich keine aktuelle frage mehr, aber wir vergeben uns mit dem blinden nachbeten der monarchie-propaganda die chance auf wichtige einblicke und lernmöglichkeiten. nur ganz leicht überzogen ist zu sagen: nicht ein feldzug von 1797 bis 1815 war von bonaparte verschuldet.

Die Antwort auf dieses posting

gibt Ihnen Dominic Liven in 'Russlands Krieg gegen Napoleon', bzw. Uwe Schultz in seiner Doppelbiografie 'Der König und sein Richter', in welcher auch die sehr zögerliche Haltung der europäischen Mächte bezüglich einer Kriegserklärung an Frankreich verdeutlicht wird.

bedauere, die "antworten zu diesem posting" gibt mir die genaue analyse der damaligen ereignisse. was oportun ist an geschichtsschreibung, ist mir bekannt. wer wie oft aus der offiziellen lehre abschreibt sagt leider nichts darüber aus.

Es scheint Ihnen nicht bekannt zu sein,

denn gerade das Liven Buch stützt sich auf neueste Dokumente aus bisher unzugänglichen russischen Archiven.

Ist das jetzt beißende Ironie oder ernst gemeint?

Beides ist für mich gleich schwer zu glauben. Z.B. der Russlandfeldzug 1812 - nicht von Napoleon verschuldet? Hat ihn der Zar etwa dazu gezwungen? Und das war mit über einer Million Toten vermutlich einer der bis dahin verlustreichsten Kriege.

ja, ...

... hat der zar durch seinen vertragsbruch "erzwungen".

ach ja, entschuldigung, es fehlt die klarstellung: restlos ernstgemeint. die unsicherheit in der verschuldensfrage bezieht sich vor allem auf hayti.

Die Toten des 1. Weltkriegs verteilen sich ja beruhigend gleichmäßig auf viele Gewissen.

Das trifft gewiss zu - etwaige ironische Zweifel sind hier nicht angebracht. Allerdings gestehe ich zu, dass es im 1. Weltkrieg zwei herausragende Großverbrechen gab:

Zum einen die völkerrechtswidrige, aber für den Kriegsfall nichtsdestotrotz von vorneherein geplante Seeblockade Großbritanniens, die auf die Zivilbevölkerungen der Feinde abzielte und über Jahre hinweg konsequent durchgehalten wurde. Im Ergebnis kam es zu jeweils rund 700.000 Hungertoten unter der Zivilbevölkerung in Deutschland und Österreich-Ungarn und zu einer unbekannten, möglicherweise noch höheren Zahl an "Verlusten" im Osmanischen Reich - allein im Libanon starben 100.000 der damals 450.000 Einwohner. Dass zweite Großverbrechen war freilich der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. Mit diesen beiden Kriegsverbrechen konnten die übrigen Kriegsteilnehmer nicht mithalten.

erstens wissen wir das nicht genau,

zweitens gab es nun mal das Dritte Reich und mit diesem derartige Vergleiche anzustellen ist - gelinde gesagt - problematisch.

Das wissen wir SEHR genau!

Übrigens nicht nur Napoleon - seit Franz I. (Valois) hat Frankreich nahezu jeden Krieg in Europa angezettelt und sich aus imperialistischen Gründen (gegen den Kaiser) sogar mit den Türken verbündet. In der Quantität noch schlimmer als Friedrich II. Bezüglich Napoleon kann ich Ihnen 'Rußlands Krieg gegen Napoleon' von Dominic Lieven empfehlen.

Wobei ich noch ergänzen möchte:

direkt nach der franz. Revolution war zwar Frankreich der formale Kriegserklärer 1792, die Aggression ging aber von den anderen Monarchien aus, die Angst vor der Revolution im eigenen Land hatten.

Bezogen auf Bevölkerungszahlen

war es bis dahin vermutlich Timur Lenk (Tamerlan).
Bei Napoleon waren es "wenigstens" direkte Kriegstote, er natürlich als Auslöser und Aggressor.

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