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vergrößern 645x176Zwei Objekte von insgesamt 30, die Wilcox innerhalb seines Designmarathons schuf. Ein Regal aus vielen, verklebten Buntstiften...

...und ein Spontan-Sofa aus aufblasbaren Bällen, wie man sie sonst eher am Badestrand findet. Darauf lümmelt sein Erschaffer.
Keine Ahnung, ob Dominic Wilcox ins Stadion geht. Ob er Chelsea oder den Gunners die Daumen drückt. Aber zumindest tritt der Londoner gelegentlich selbst einen Fußball - den er allerdings vorsorglich mit Früchten befüllt. Genau: Erdbeeren, Orangen, Bananen. Je nachdem, welchen "Footy Smoothie" er später, wenn der Inhalt endlich zu Saft gehämmert ist, schlürfen will. Frischen Saft kann der De-signer gebrauchen, und vor allem noch jede Menge Kraft. Denn immerhin markiert der Moment, in dem Wilcox seinen soeben erfundenen Saftpressefußball tritt, gerade Tag 15. Tag 15, das bedeutet Halbzeit. Denn genauso viele Tage stehen ihm im Rahmen seines ungewöhnlichen Designexperiments noch bevor ...
"Speed Creating" heißt dieses. Doch erst die Unterzeile "Variations of normal" verdeutlicht, worauf es Wilcox ankommt. Nämlich auf das Hinterfragen professioneller Denkraster im Rahmen der Produktentwicklung und aufs Unterlaufen der öden Routine, die sich bei eingeübten Herangehensweisen zwangsläufig einstellt. Um einen kreativen Kraftakt handelt es sich bei "Speed Creating" allemal: ein Designprojekt pro Tag, einen ganzen Monat lang, mit bewusst einfach gehaltenen Mitteln durchdekliniert.
Das sind die Eckdaten eines Projekts, das in seiner Radikalität mit dem herkömmlichen Kanon in Sachen Produktentwicklung nicht viel am Hut hat. Oder an der Krawatte, womit wir uns gleich wieder in situ befinden. Augenzwinkernd fällt die Arbeit von Tag 3 aus, die sich recht redlich an der phallischen Symbolik des Themas "Krawatte" abarbeitet. Wilcox' soeben erfundener "Card Presenter" beweist jedenfalls ironisierende Businesspotenz - in Form eines, sich tadellos und wie beim indischen Seiltrick aufrichtenden Herrenbinders, an dessen Unterseite schließlich das Visitenkärtchen auftaucht. Der Memoryeffekt bleibt da kaum aus: "Card Presenter"-Träger sind Männer, deren Kärtchen man sich merkt.
Auch Wilcox ist ein Mann, den man sich merkt. Ein Steher ist er sowieso: Denn Designer Wilcox hat durchgehalten, alle dreißig "Speed Creating"-Tage lang. Auch als er aus Brotteig zuerst eine Leuchte (Tag 5) und dann eine Blumenvase (Tag 26) backen musste. Die Luft ging ihm auch dann nicht aus, als er fast schon im Finish einen Ballon plus darübergestülptem Ringelsocken zu "Balloon lights" (Tag 28) aufblasen musste. Dabei war ja schon Tag 9 des Kreativmarathons die pure Härte. Wilcox hatte soeben den "Workercise" erfunden, und am eigenen Bizeps ausprobiert: Zwei Gummiexpander, die sich Schreibtischtäter um die Handgelenke legen, während sie die anderen Expanderenden an den Schreibtischrändern fixieren. Eine Idee, die Hirn- und Muskelschmalz zusammenschweißen soll. Verwandelt sich harmloses Tastaturhämmern doch plötzlich zu Gummibandgymnastik.
Dreißig innovative Designideen locker aus dem Ärmel zu schütteln fordert Respekt. Wilcox verklebt Buntstifte zum knalligen Regalbrett. Er bekritzelt die weiße Rückseite eines Maßbandes in Comics-Strip-Manier als Tagebuch, was nebenbei auch das Thema Chronologie visualisiert.
Das Platzieren von Reminder-Fähnchen ("Remember to eat") will abgetauchte Bildschirmarbeiter und Workaholics am Leben halten. Unorthodox fallen die Ideen des Briten dabei aus. Denn trotz der Ad-hoc-Manier, die ihnen anhaftet, sind sie von - oft verquer angelegtem - semantischem Tiefgang geprägt.
Doch zugleich umspielt ein durchgängiges Motiv die einzelnen "Speed Creating"-Sequenzen. Nicht zufällig stellte Wilcox seinen Designmarathon im Rahmen des Londoner Anti-Design-Festivals vor - in einem Umfeld, das der prinzipiell unpolitischen Haltung konsumistisch gefärbten Mainstreamdesigns bewusst Gegenpositionen vor den Label-Latz knallt. Wir erinnern uns: Memphis war vor Jahrzehnten mit ähnlichem Lärmen angetreten, rieb sich an der Enge gängiger Vorstellungen von Perfektion. Klar: Die Leute, die je auf Ettore Sottsass Möbeln saßen, halten sich bis heute in engen Grenzen. Die wenigen, die es dabei bequem hatten, in noch engeren. Auch ob man seine nächste Leuchte selbst bäckt oder aufbläst, ist eher ungewiss. Doch darum geht es Designern wie Wilcox nur am Rande. Was zählt, ist die prinzipielle Möglichkeit, all das tun zu können. Und wichtiger noch: Der relaxte Umgang mit den optischen Resultaten, hässliche Beulen inklusive.
Spartakus der Ästhetizismus-Sklaven, der den Konsumerismus-Treibern bestenfalls die geölte Schulter zeigt - dafür sieht Wilcox zu dürr aus. Aber Position bezieht er allemal. Und zwar auf eine ebenso einfache wie verblüffende Art und Weise. Formale Kriterien - die mögen sich an der Kasse ganz hinten anstellen, ohnehin sind sie viel zu oft als Erste dran. Mit guten Ideen ist das schon etwas anderes. Der große Vico Magistretti sagte mal: Sie wären mit zwei Wörtern zu beschreiben. Nachsatz: Man kann gute Ideen umwerben, aber nicht zwingen. Außer, und im Falle eines Findigen wie Dominic Wilcox, zum 30-tägigen Kreativmarathon. (Robert Haidinger, Rondo, 16.11.2012)
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