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Kenzo-Designer Carol Lim und Humberto Leon in ihren Tigersweatern.

Spurensuche: Bei Kenzo sieht zwar alles sehr heutig aus, viele Designs sind aber Interpretationen einstiger Entwürfe.

Designs aus der Kenzo Frühling-Sommer Kollektion 2013...

...die im September auf der Pariser Modewoche präsentiert wurden.
Kein Modeblog ohne den Tigersweater von Kenzo: Moderedakteurinnen sind dem eng sitzenden bunten Pullover mit dem Tiermotiv derzeit genauso verfallen wie Models oder Bloggerinnen. Und wie das schon damals in den 1980ern, der Zeit der schreienden Markenlogos war, darf auf dem Baumwollsweater der markante Kenzo-Schriftzug in Blockbuchstaben nicht fehlen. Der ist zwar alles andere als dezent, erweist sich aber für das in Paris ansässige Modehaus als richtig praktisch: Kenzo ist wieder da.
Der Verkaufserfolg des Kenzo-Sweaters, den einmal ein Tiger, dann wieder der Eiffelturm ziert (Bild Seite 8), illustriert den momentanen Höhenflug des Labels, mit dem Kenzo Takada in den 1970ern mit einem verspielten Mix aus Street- und High-Fashion in Paris für Furore sorgte: 1970 eröffnete der japanische Designer, der einige Jahre zuvor von Tokio in die französische Modehauptstadt kam, seine erste Boutique "Jungle Jap" in der Galerie Vivienne, einer historischen Geschäftspassage - erst seit 1976 arbeitete Kenzo Takada dann unter dem Firmennamen Kenzo.
Vor etwas mehr als einem Jahr trat nun das Designduo Humberto Leon und Carol Lim in die Fußstapfen des Japaners, der gut 40 Jahre zuvor viel Farbe und neue Ideen nach Paris brachte. Eine neue Käufergeneration soll angesprochen werden - und genau das scheint bestens zu funktionieren. Dessen scheint sich auch Pierre-Yves Roussel, Chef der Modesparte bei LVMH, sicher - und das bereits seit der ersten Präsentation von Leon und Lim: "Das ist genau das, was wir wollten", ließ er im Oktober 2011 nach der Modeschau verlautbaren.
Die Chemie mit dem Pariser Modehaus, das Takada 1993 an den französischen Luxusgüterkonzern LVMH verkaufte, scheint zu stimmen. Dass sich das Erfolgsduo mit den asiatischen Wurzeln, das in Kalifornien aufgewachsen ist, mit dem Aufbau des innovativen wie erfolgreichen Verkaufskonzeptes "Opening Ceremony" einen Namen gemacht hat, ist dabei sicher kein Hindernis. 2001 eröffneten Humberto Leon und Carol Lim ihren ersten Shop in New York, es folgten Ableger in Los Angeles, Tokio und London. Nicht verwunderlich, dass die beiden Verkaufsgenies den Umgang mit den Bedürfnissen einer jungen, trendbewussten Klientel scheinbar mühelos beherrschen.
Und so, wie sie stets für "Opening Ceremony" noch nicht etablierte Designer und Labels entdeckt, eine eigene Modelinie aufgezogen und dabei meist den richtigen Riecher bewiesen haben, verstehen Humberto Leon und Carol Lim nun die Geschichte des Kenzo Takada, des Japaners in Paris, neu zu interpretieren. "Wir versuchen, die Story rund um das Label Kenzo durch unsere Kollektionen zu erzählen", betont Humberto Leon in Interviews immer wieder. Das obsessive Erforschen des Archivs scheint wie das geradezu geniale Sampling modischer Details aus vergangenen Kollektionen den Zeitgeist junger Konsumentinnen und Konsumenten zu treffen.
Bestes Beispiel: das Tigermotiv. Das ziert einige Oberteile der jetzigen Winterkollektion und erinnert dunkel an ein bekanntes Schwarzweiß-Bild von Kenzo Takada aus den 1970ern, das unlängst auf dem hauseigenen Blog, dem "Kenzine", gezeigt wurde. Auf dem sieht man den Designer in der Pariser Boutique Vivienne lachend auf einer Trittleiter sitzen, in der Hand einen Farbpinsel. Hinter ihm das noch nahezu farbtropfende Wandbild, ein üppiges Dschungelszenario, das sich auf ein rund 100 Jahre altes Bild Henri Rousseaus bezieht: links ein liegender weiblicher Akt, dem Kenzo Takada - so viel Humor muss sein - Schal und Mütze angelegt hat. Hinter dem Grün lugt, natürlich, ein Tiger hervor.
Das Dschungelmotiv und die Arbeitsweise Takadas haben Humberto Leon und Carol Lim bis ins Detail verinnerlicht: Zuletzt haben sie auf den Spuren Takadas sogar die thailändische Insel Phuket bereist, um dann ihre Interpretation des Dschungels in der Modemetropole an der Seine umzusetzen.
Das Ergebnis: fluoreszierende Leopardenprints im Camouflagestyle und digital bearbeitete Prints einer üppigen Dschungelvegetation. Die Atmosphäre während der Präsentation der Sommerkollektion 2013 für die Frauen: mitreißend. Während Kenzo Takada seine Modeschauen Ende der Siebziger auch einmal in ein Zirkuszelt verlagerte, entführen über drei Jahrzehnte später Humberto Leon und Carol Lim in digitale Welten. Ihre multimedialen Präsentationen sollen Spaß verbreiten - der kommt angesichts der engen Schauenpläne der Fashionweek-Professionals oftmals zu kurz.
Was die beiden Mittdreißiger unter Spaß verstehen? Knackige wie umwerfende Videoprojektionen zum Beispiel. Engagiert werden dafür die besten und die lässigsten Spezialisten ihres Genres. Der Videokünstler Kenzo Digital, dessen Arbeiten für Beyoncé die beiden kalifornischen Designer beeindruckten, projizierte zuletzt während der Show Farbspielereien und Musterorgien auf einen riesigen Kubus. Überhaupt partizipieren Humberto Leon und Carol Lim gerne vom coolen Image derer, die sie zur Zusammenarbeit überreden. Ob die Schauspielerin Chloé Sevigny, Jason Schwartzman oder Produzent und Filmregisseur Spike Jonze, die beiden schöpfen aus einem Pool vor allem in New York lebender Kreativer, deren Image den Nerv der Zielgruppe trifft.
So hat das Designerduo nicht zuletzt ihrem netzwerkerischen Talent den Erfolg von "Opening Ceremony" und jetzt eben Kenzo zu verdanken. Sonst würde die Hysterie um die bunten Tigersweater, die im kommenden Jahr sicher schon wieder ganz hinten in den Kleiderschrank gedrückt werden, ganz sicher nicht so wahnsinnig gut funktionieren. (Anne Feldkamp, Rondo, DER STANDARD, 16.11.2012)
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