Schuhbänder offen lassen

Offene Schuhbänder müssen kein Nachteil sein, aber zugebunden stolpert es sich nicht so leicht

Pro: Weil's schnell gehen kann
Von David Krutzler

Mit offenen Augen durch die Welt gehen, die Ohren gespitzt, die Hände nicht verschränkt, der Mund allzeit bereit, olfaktorische Genüsse, die die geblähten Nasenflügel eingefangen haben, zu verarbeiten: Und ausgerechnet bei den Füßen soll Schluss sein mit gepflegter Offenheit?

Zugeknöpft war vorgestern! Lose wehende Schuhbänder bedeuten, sich zuvor nicht bücken zu müssen, wenn man der Welt auf der Straße entgegentreten will. Kein Zu-Kreuze-Kriechen mehr, bevor sich die Tür zum Alltag öffnet. Einfach rein in den Schuh und den Blick nicht länger zum Boden schweifen lassen. Offene Schnürsenkel sind nicht nur Protest gegen das zugeknöpfte System. Sondern auch Hilfe zur Selbsthilfe, alte Weisen aus der Kindheit zu verscheuchen.

"Hasenohr, Hasenohr, einmal rum und dann durchs Tor." "Bändchen hin, Bändchen her, Schuhebinden ist nicht schwer!" Außerdem: Wenn's einmal schnell gehen muss, sollte man flexibel sein. Und da sind offene Schuhbänder nicht unbedingt ein Nachteil.

Kontra: Run DMC versus Aerosmith
Von Karl Fluch

Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Das gilt für große Dinge wie für die kleinen, und für jene ganz unten, an den Füßen. Als sich die Hip-Hopper Run DMC 1986 mit den Hardrockern Aerosmith über den Song Walk This Way hermachten, war das ein historischer Moment für die Wahrnehmung von Hip-Hop.

Einer, den Erziehungsberechtigte bis heute verdammen. Denn das Video zeigte Run DMC in ungeschnürten Sneakern, und diese Torheit breitete sich epidemisch aus. Heute ist es scheint's wieder angesagt, sich mit Fallstricken das Leben zu erschweren, indem man Schuhbänder offen trägt. Das wird sich nicht ändern. Es sei nur bemerkt, dass Run DMC schon lange nicht mehr existieren, während die züchtig bis in den Schritt hochgebundenen Raulederstiefelträger von Aerosmith immer noch viril um die Welt ziehen.

Gut, ästhetisch muss man sich da zwar auf ein Unentschieden einigen, aber zugebunden stolpert es sich nicht so leicht. Auch wenn Steven Tyler von Aerosmith das trotzdem schafft. (Rondo, DER STANDARD, 16.11.2012)

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