Die nüchterne Bilanz der "Abfertigung neu"

14. November 2012, 08:47
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Die Mitarbeitervorsorgekassen können nicht nur wegen der Krise die hohen Renditen-Erwartungen nicht erfüllen

Dass die "Abfertigung neu" ein voller Erfolg werde - daran bestand für Reinhold Mitterlehner nicht der geringste Zweifel: "Über die Jahre hinweg wird der Kapitalmarkt durchaus das Veranlagungsziel von sechs Prozent erzielen. Das zeigen uns die historischen Erfahrungswerte. Gerade ein Einstieg bei heute niedrigen Aktienkursen wird mittelfristig hohe Renditen abwerfen", sagte der derzeit amtierende Wirtschaftsminister im September 2002, in seiner damaligen Funktion als stellvertretender Generalsekretär der Wirtschaftskammer.

Für Arbeitnehmer, die mit oder ab 1. Jänner 2003 einen Job angenommen haben, beziehungsweise annehmen, gilt die "Abfertigung neu". Es war ein sozialpolitischer Wendepunkt: Anstelle eines leistungsorientierten Systems wurde ein beitragsorientiertes installiert. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, monatlich 1,53 Prozent des Brutto-Entgelts eines jeden Mitarbeiters an eine der zehn existierenden Mitarbeitervorsorgekassen abzuführen, wo der Betrag auf einem Konto gespeichert wird. Im Jahr 2008 wurde das Tätigkeitsfeld der Vorsorgekassen auf die freie Dienstnehmer, Selbständige, Freiberufler sowie Land- und Forstwirte ausgeweitet.

Rucksack zum Mitnehmen

Vereinfacht gesagt hat der Arbeitnehmer (wird ihm von der Geschäftsleitung gekündigt) nach frühestens drei Jahren im Unternehmen Anspruch auf Auszahlung der Abfertigung. Macht er von diesem Recht nicht Gebrauch, wird das Geld mitgenommen. Den dadurch entstandenen "Vorsorgerucksack" könne der Beschäftigte dann "als Zusatzpension ansparen", frohlockte seinerzeit der damalige Wirtschaftsminister Martin Bartenstein. Die schwarz-blaue Regierung wollte mit der Maßnahme nicht zuletzt die betriebliche Altersvorsorge stärken. Sie bildet zwischen der staatlichen und der privaten die zweite Säule des Pensionssystems.

Eine Zwischenbilanz zehn Jahre später fällt ernüchternd aus. Die "sechs Prozent Veranlagungsziel" und die "hohen Renditen" blieben ein Traum; die durchschnittliche Performance aller Mitarbeitervorsorgekassen in den Jahren 2004 bis 2011 liegt bei 2,6 Prozent. Im Vorjahr lag die Performance gar nur bei 0,2 Prozent.

Auch die Aufwertung der zweiten Säule des Pensionssystems kommt eher schleppend voran. Noch vor zwei Jahren lag der Anteil der staatlichen Altersvorsorge bei den Pensionen bei 91 Prozent. In der Schweiz macht dieser Wert lediglich 42 Prozent aus. Die Eidgenossen setzen stark auf betriebliche und private Altersvorsorge, haben das Drei-Säulen-Pensionssystem bereits 1972 in der Verfassung verankert.

Auswirkungen der Euro-Krise

Aber zurück zu den Mitarbeitervorsorgekassen, die es momentan nicht einfach haben. Sie verwalteten im Jahr 2011 das Vermögen von bereits 2,7 Millionen Berechtigten. Die Einlagen werden heuer die Grenze von fünf Milliarden Euro überspringen. Der Gesetzgeber schreibt den rechtlichen Rahmen vor, wie und wo das Geld anzulegen ist. Das Gros der Beiträge (91,36 Prozent) ist derzeit in Anleihen in Euro investiert.

Etwa 30 Prozent dieser Anleihen in der europäischen Gemeinschaftswährung sind Staatsanleihen, erklärt Andreas Csurda, Vorstand bei der BAWAG Allianz Vorsorgekasse AG. Ein weiteres knappes Drittel machen Pfandbriefe (auf Immobilien und Liegenschaften) aus. Der Rest der Summe steckt in Anleihen von Banken (25 Prozent) und Unternehmen (15 Prozent).

An den Märkten haben die Staatsanleihen der Euro-Mitgliedsländer in den vergangenen Jahren eine wahre Kursrally hingelegt. Während es um die Anleihen der "Peripheriestaaten" - zum Beispiel Griechenland, Portugal oder Spanien - schlecht bestellt war, mussten Anleger für die Sicherheit von deutschen Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit sogar Verluste hinnehmen.

Für heuer allerdings sieht es Experten zufolge ein wenig rosiger aus. "Die Entwicklung in diesem Jahr ist bisher gut verlaufen", sagt Engelbert Dockner vom Institute for Finance, Banking and Insurance der Wirtschaftsuniversität Wien. "Die Politik der EZB hat eine Stabilisierung auf den Anleihenmärkten gebracht." Die Europäische Zentralbank hatte reihenweise Anleihen von Krisenländern aufgekauft. Die Konsequenz daraus ist laut dem Professor, dass die Risikoaufschläge bei den Anleihen der "Peripheriestaaten" gesunken seien.

Die Entwicklung bei den Staatsanleihen sind nicht die einzige Probleme, mit denen die Mitarbeitervorsorgekassen derzeit zu kämpfen haben: In letzter Zeit komme zum Zins- und Kreditrisiko wieder verstärkt das Bankenrisiko hinzu, sagt Csurda von der BAWAG Allianz Vorsorgekasse. Die Ratingagenturen stuften die Bonität vieler europäischer Banken - darunter auch große Kaliber wie die spanische Banco Santander - heuer herunter. Die EZB hat Geldinstituten deswegen die unglaubliche Summe von einer Billion Euro in Form von billigen, langfristigen Krediten zur Verfügung gestellt.

Kapitalgarantie

Aber auch ohne den Turbulenzen auf den Finanzmärkten könnten die Vorsorgekassen heute kaum die von der Politik versprochenen sechs Prozent erwirtschaften, sagt Csurda. Wie war man vor einem Jahrzehnt eigentlich auf diesen Wert gekommen? Csurda: "Die Berechnung fußt auf den Entwicklungen in den 90er-Jahren. Damals waren im Anleihenbereich fünf bis sieben Prozent Rendite zu erzielen."

Für Mitarbeitervorsorgekassen gelten zudem strenge gesetzliche Auflagen. Zum einen die Kapitalgarantie für Arbeitnehmer, die sich zusammensetzt aus der Summe der in die MV-Kasse eingezahlten Abfertigungsbeiträge, übertragenen Altabfertigungsanwartschaften und aus übertragenen Abfertigungsanwartschaften, die von anderen Vorsorgekassen mitgenommen wurden.

Keine sicheren Häfen

Zum anderen müssen die Produkte, in die Investitionen erfolgen, laufend Erträge oder Dividenden abwerfen. So genannte "sichere Häfen" wie Gold oder Rohstoffe fallen aus diesem Grund weg. Erschwerend hinzu kommt, dass die Liegedauer sehr kurz ist, da Mitarbeiter theoretisch schon nach drei Jahren in einem Arbeitsverhältnis Recht auf Auszahlung der Abfertigung haben. Was dazu führt, dass die Vorsorgekassen dem Gesetz nach zwar 40 Prozent der Beiträge in Aktien anlegen könnten, der Aktienanteil am Portfolio de facto aber nur bei sechs Prozent liegt, wie Csurda erläutert: "Der Aktienanteil hat nur strategische Bedeutung. Er ist da, um eventuelle Kursschwankungen auszugleichen und zur Diversifikation."

Das ideale Finanzprodukt müsste also Sicherheit bieten, hohe Erträge bringen und das auch noch in kurzer Zeit - und solche Vehikel derzeit zu finden, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. (Philip Pfleger, derStandard.at, 13.11.2012)

  • Das damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und seine Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer 2002. Serviert wurden die Details zur "Abfertigung neu".
    foto: reuters/bader

    Das damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und seine Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer 2002. Serviert wurden die Details zur "Abfertigung neu".

  • Heute schaut die Sache nicht mehr ganz so rosig aus.

    Heute schaut die Sache nicht mehr ganz so rosig aus.

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