ÖBB-Auslagerung droht zu entgleisen

13. November 2012, 19:19
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Nach dem Einreiseverbot für Güterwagen nach Italien kündigt die ÖBB an, die Kooperation mit ŽOS Trnava zu prüfen, räumt aber eigene Schwächen ein

Seit Auffliegen der Achsprobleme bei rund zweitausend Güterwagen der ÖBB-Güterdivision Rail Cargo Austria (RCA) geht es rund in der Staatsbahn. Und auf den Zentralverschiebebahnhöfen Wien-Kledering und Villach.

Dort gibt es lange Schlangen an Wagons, die ihrer Reparatur harren. Diese "Aufarbeitung" sollte in den ÖBB-Werkstätten in Knittelfeld und beim langjährigen Partner ŽOS Trnava in der Slowakei erfolgen. In Knittelfeld wird für 800 Radsätze ein zentraler Radsatzumschlagpunkt eingerichtet. Auch ŽOS bereitet einen Tauschpool für den Radsatztausch vor. Ob der gebraucht wird, ist offen, denn die ÖBB will erst untersuchen und dann entscheiden, ob bei ŽOS repariert wird.

Bis Ende Oktober 2013 sollten 3462 Radsätze überprüft und repariert sein, die 1804 dringlichsten (sie erfüllen nicht die internationalen Normen UIC, Anm.) bereits früher. Allerdings: Noch sind nicht alle Wagons mit schadhaften Radsätzen aufgespürt. An die hundert Radsätze konnten laut ÖBB-internem "Ergebnisprotokoll" noch keinen Fahrzeugen zugeordnet werden. Das seien aber nur 25 Wagons, sagt ÖBB-Sprecherin Sonja Horner. Auch rechtliche Fragen seien noch zu klären.

Verlagerung

Gestoppt ist bis auf Weiteres die Ende Oktober angekündigte Verlagerung von weiteren bis zu 400 Güterwagenrevisionen pro Jahr von ÖBB-Technische Services (TS) nach Trnava. Man werde bis zur vollständigen Aufklärung und Aufarbeitung der Probleme nur in der ungarischen TS-Tochter in Miskolc (ehemals MavCargo) revisionieren lassen, sagte ÖBB-Sprecherin Sonja Horner und betonte, dass die - nach der Entgleisung eines Güterzugs in Brixen von italienischen Behörden festgestellte - Normunterschreitung bei den Radsätzen "nie eine akute Sicherheitsgefährdung dargestellt hat."

Faktum ist: Die ÖBB-Werkstättentochter TS nach der Untersuchung des Brixener Unglücks in einem internen Bericht vom 22. Oktober "Schwachstellen bei TS" ein, die auch den Umgang mit ihrem Joint Venture mit ŽOS Trnava betreffen. Demnach wurde die Übergabe der ÖBB-Regelwerke nicht ausreichend dokumentiert, teilweise nur per Mail an die Zulieferer übermittelt; Schulungen des Personals seien nicht ausreichend gewesen; Mitarbeiter, die sicherheitsrelevante Arbeiten am Wagen verrichten, "kennen die Ril (technischen Standards der ÖBB, Anm.), wenn überhaupt, nur zum Teil". Und: Mangels Ressourcen sei die technische Überprüfung durch TS lückenhaft gewesen, heißt es im "Ergebnisprotokoll" der ÖBB-TS. Von diesen Schwächen sind "betroffen alle Fertigungsbereiche in denen Fahrzeuge von RCA instandgesetzt werden! D. h. auch externe Werkstätten (TS Slovakia, ŽOS, TS Hungaria, MAV)."

Auch die wegen der Brixener Entgleisung (es gab zwei Verletzte) ermittelnde Staatsanwaltschaft Bozen und die italienische Sicherheitsbehörde ANSF fordern derartige Nachweise und Dokumentationen von RCA. Sie wurden bis jetzt aber nicht beliefert.

Vor diesem Hintergrund scheinen die im Oktober fixierten Auslagerungen von Reparatur- und Servicearbeiten problematisch. Die ÖBB-Führung kündigte an, ihre Kooperation mit ŽOS auf den Prüfstand zu stellen: "Wir haben den Vorfall zum Anlass genommen, unsere Geschäftsbeziehungen mit ŽOS genau überprüfen, Erst wenn entsprechende Maßnahmen gesetzt wurden, dass so etwas nicht mehr passiert, wird das Geschäft weitergeführt." Bei den Reparaturkosten will man sich mit ŽOS vergleichen. (ung, DER STANDARD, 14.11.2012)

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    Vor allem die Spätfolgen der Güterzugentgleisung in Brixen im Juni 2012 sind gravierend für den ÖBB-Güterverkehr.

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