Affäre Petraeus: Sex, Lügen und IP-Adressen

Kommentar |

Petraeus war weder im Weißen Haus noch in der CIA beliebt

Zum Glück findet sich zumindest ein wenig Sex in dieser bizarren Geschichte. Denn die außereheliche Affäre zwischen David Petraeus, Paula Broadwell und der dazugehörigen rätselhaften Dritten, Jill Kelley, ist das einzig einigermaßen "Normale" in dieser Angelegenheit: So etwas kommt quasi in den besten Familien vor, das ist der Stoff, aus dem Romane sind. Dann allerdings hört es sich auch schon auf mit dem Skandal gewöhnlicher Art.

Allein wegen Petraeus' Profession fällt es schwer, daran zu glauben, dass Zufälle in dieser Geschichte tatsächlich Zufälle sind. Das Zweite ist das Timing: Warum wird die Sache, in der das FBI seit Monaten ermittelt, wenige Tage nach der Präsidentschaftswahl öffentlich? Und drittens: Cui bono? Wer könnte etwas davon haben, den CIA-Chef und nebenbei - quasi als amourösen Kollateralschaden - den kommenden Nato-Oberkommandierenden für Europa, John Allen, abzuservieren? Keine dieser Fragen ist bisher auch nur annähernd schlüssig beantwortet.

Faktenlage ist: Petraeus war weder im Weißen Haus noch in der CIA beliebt. Dem Republikaner wurden neben seinen persönlichen Ambitionen auch gute Chancen für eine Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur 2016 nachgesagt. Das ist nun alles passé, weil der US-Chefspion nicht in der Lage oder willens war, seine IP-Adresse, seine Spuren im Internet zu verwischen. Dieses "Manuskript" ist - vorerst - so abstrus und eindimensional, dass es jeder Verleger anspruchsvoller Spionagethriller abgelehnt hätte. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 14.11.2012)

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