So viel Forschung, so wenig Zeit

13. November 2012, 17:45
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Wo werden die nächsten Durchbrüche geschafft? 100 junge Forscher aus aller Welt haben beim Berliner "Falling Walls Lab" Gelegenheit, ihre Projekte zu kommunizieren - mit Aussicht auf viel Gehör

Oft geht Forschung den Weg der kleinen Schritte, meistert routinehaft die Mühen der Ebene. Manchmal aber schafft sie einen Durchbruch. Dann stürzen, bildlich gesprochen, Mauern ein.

"Falling Walls" nennt sich eine Stiftung, die sich mit der Aussicht auf solche Durchbrüche beschäftigt. Sie ist in Berlin beheimatet, aus einem mehr als bildlichen Grund: Ihr jährliches Treffen findet am 9. November statt, dem Tag des Berliner Mauerfalls.Ihr Ziel ist die Förderung von Wissenschaft und deren Kommunikation mit Politik und Wirtschaft.

Zum zweiten Mal ging am vergangenen Donnerstag, also am Vortag der großen Konferenz (siehe den Beitrag unten), das Falling Walls Lab über die Bühne. Dieses Labor bietet Nachwuchsforschern aus aller Welt Gelegenheit, ihre durchbruchsverdächtigen Arbeiten einem Fachpublikum, den Medien und einer Jury zu präsentieren. Drei Gewinner bekommen am Folgetag nochmals Gelegenheit zu einer Vorstellung ihrer Studien.

Unterschiedlichste Materien

100 potenzielle Innovatoren kamen also in der European School of Management and Technology, einem aufwändig restaurierten Siebzigerjahre-Bau aus DDR-Zeiten am Berliner Schlossplatz, zusammen. Etliche wurden in Vorausbewerben in mehreren Städten ausgewählt, unter anderem am vergangenen Juni in Wien (wir berichteten), andere kamen auf Empfehlung von Institutsleitern oder Technologieexperten. Es waren Pre- und Postdocs unter ihnen, aber auch findige Menschen abseits des Akademischen. Und jeder hatte genau drei Minuten Zeit zur Präsentation.

Nun sind drei Minuten nicht viel. Die Herausforderung des hauptsächlich von der Stiftung und von dem Beratungsunternehmen A. T. Kearney gesponserten Labs bestand aber genau darin, eine Idee innerhalb dieser kurzen Zeit verständlich zu kommunizieren.

Unter dem Titel "Breaking the Wall of ..." führten denn die unterschiedlichsten Forscher aus, auf welches Ziel sie hinarbeiteten. Tyler Grant aus Kanada zeigte eine neue Methode auf, in Körperzellen regenerativ zu arbeiten. Sinead Griffin aus Irland wies auf eine Möglichkeit hin, die Big-Bang-Theorie im Labor zu simulieren. Jabadurai Jayapaul aus Indien fand neue Wege, molekulares Imaging durch Kontrastmittel zu verbessern. Paul Steinheuer aus Deutschland entwickelte eine Onlineplattform für gewaltfreie Konfliktlösung.

Man merkte als Zuhörer, wie viele Initiativen und Ideen an allen Ecken und Enden der Welt gedeihen. Man merkte auch, wie unterschiedlich schwer sich die Vortragenden taten, ihre Ideen verständlich zu präsentieren. Das lag zum Teil an der Materie - Stadtviertel zu verschönern ist leichter kommunizierbar als das stammzellenbasierte phänotypische Krankheitsmodell bei ALS -, zum Teil an der unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Vertrautheit. Englisch war die "lingua franca", und man konnte annehmen, dass sich angelsächsische und im weiteren Sinn westliche Redner leichter tun würden.

Juryvorsitzender Reinhard Hüttl von der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften wies jedoch darauf hin, "dass letztes Jahr ein Nachwuchsforscher aus Schanghai mit mittelmäßigem Englisch gewonnen hat" . Wichtig sei, sekundierte Martin Sonnenschein (Jury und Direktor, Central Europe, Kearney), dass Relevanz erkennbar sei und dass die Vielfalt der Wissenschaft widergespiegelt würde. Würde er alles verstehen, was vorgetragen wurde? "Sicher nicht." Aber dafür gebe es ja in der Jury Vertreter aus allen Gebieten der Forschung.

Stabilisierte Gülle

Drei Preisträger wurden von der Jury gekürt: Mai-Thi Nguyen-Kim, Deutsche vietnamesischer Herkunft an der RWTH Aaachen, arbeitet in der Nanomedizin an winzigen Wirkstoff-Transportern, die durch Zellwände hindurch Krebszellen attackieren können, ohne den gesunden Zellen zu schaden. Das Beste an dieser ihrer ersten großen Präsentation sei gewesen, "dass ich hier unmittelbar Kontakte zu Leuten in aller Welt auch außerhalb meines engen Fachgebiets bekommen habe".

Quirin Kainz von der Uni Regensburg präsentierte ebenfalls ein Projekt aus dem Nano-Bereich. Es geht um die Reinigung chemischer Produkte mithilfe winziger magnetischer Partikel statt in Form energieintensiver toxischer Katalysatoren.

Der Sieger, Thomas Rippel aus Österreich und in Zürich von Student auf Bauer umsattelnd, führte seine Arbeit mit dem Dia einer landwirtschaftlichen Anlage und mit den Worten ein: "This is shit", nämlich Jauche, die üblicherweise ihre Nährstoffe bei der Lagerung verliert und außerdem giftige Gase freisetzt. "Ich habe eine uralte Methode neu angewendet und erprobe zurzeit den Zusatz von Sauerkrautsaft, eigentlich ein Abfallprodukt." Mit der Gülle kombiniert, stabilisierten sich deren Nährstoffe, ein ungiftiger und nachhaltiger Kreislauf sei gegeben, man erspare sich chemische Düngung. Zurzeit wird die organische Vorgangsweise in Deutschland und der Schweiz erprobt.

Biomedizinische und naturwissenschaftliche Projekte herrschten aber nicht systematisch vor, sagte Hüttl. Ihn selber habe etwa ein politologisches Projekt aus der Ukraine beeindruckt, die "Mauer der mentalen Stagnation in Osteuropa zu durchbrechen". (Michael Freund, DER STANDARD, 14.11.2012)

  • Wo sind die Vorbilder, wer findet die richtige Kombination? Memory-Karten als 
Anreiz für den Nachwuchs.
    fotos: falling walls

    Wo sind die Vorbilder, wer findet die richtige Kombination? Memory-Karten als Anreiz für den Nachwuchs.

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