Spanien: Armut und Ausweglosigkeit

Reportage |

Mangels staatlicher Hilfen sind acht Millionen auf Armenküchen, Sozialeinrichtungen und ihre Familien angewiesen

Die Olivenernte steht in Südspanien bevor. Und auch der studierte Ökonom Manuel Emilio Porras (32) aus Granada wird heuer, wie im letzten Winter auch, die kleinen, schwarzen Ölfrüchte von zahllosen Bäumen schütteln. " Ein jeder Job ist mir willkommen", sagt Porras zum Standard. Er weiß: " Ohne Beziehungen wird man nicht einmal zur Ernte geholt."

Der Knochenjob ist sehr begehrt. Kein Wunder, bei einer Massenarbeitslosigkeit, die an der Sechs-Millionen-Marke kratzt. Doch soll die Ernte mangels Niederschlägen schlecht ausfallen. Nur die Hälfte des Vorjahresertrags wird erwartet. "Vor wenigen Jahren riss sich kein Andalusier darum, sich für 50 Euro am Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu martern", sagt Porras, "in erster Linie Immigranten machten das." Nun würden immer mehr Spanier mit Studienabschluss als Erntehelfer arbeiten. "Freie Tage gib es keine. Kein Weihnachten, kein Neujahr. Außer es regnet, dann bekommt man aber auch kein Gehalt."

Zurück ins Elternhaus

2005, als Spaniens Wirtschaft zum letzten Luftsprung vor dem Krisental ansetzte, hatte Porras sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen. Er arbeitete einige Jahre bei Banken wie der Unicaja oder ING und bei Versicherungen als Buchhalter. 2009 beschloss er, sich als Berater selbstständig zu machen, ehe Mitte 2011 die Krise den Jungunternehmer zur Aufgabe und zurück von der eigenen Wohnung ins Elternhaus zwang.

Anspruch auf Arbeitslosengelder hatte Porras nie. Er war wie viele Altersgenossen bei keinem Unternehmen ausreichend lange unter Vertrag. Als sein eigener Chef entschloss er sich zu spät, die empfindlich höheren Beiträge, die nach zwölf Monaten einen Anspruch ergeben würden, zu bezahlen. Jobangebote vom Arbeitsamt erhielt er keine. Doch denkt Porras weder an Emigration noch an Schwarzarbeit. Viele Handwerker spielen jenes riskante Spiel. Prüft doch die Steuerbehörde verstärkt, ob offiziell Arbeitslose nicht am Fiskus vorbei am Pfuschen sind.

"Spanien kommt aus der Krise", versprüht Fátima Báñez von der rechtskonservativen Volkspartei (Partído Popular, PP) dagegen Optimismus. Die spanische Arbeitsministerin ortet "erste Hoffnungsschimmer" nach jüngsten Reformen und gibt die steigende Zahl der Neuen Selbstständigen als Beleg an. Dem stehen andere Fakten gegenüber. Mit knapp 26 Prozent verzeichnet Spanien die höchste Arbeitslosigkeit in der EU, das Land kämpft zudem mit rapide steigender Selbstmordrate und Obdachlosigkeit.

Vom "sozialsten Budget der spanischen, demokratischen Geschichte", spricht gar Finanzminister Cristóbal Montoro (PP) zum Unmut der Oppositionsparteien. Nicht weniger als 63 Euro von 100 Euro, die der Staat 2013 aufwendet, fließen ins Sozialwesen - mehrheitlich in Pensionen und Arbeitslosengelder. Letztere belaufen sich auf stattliche 27 Milliarden Euro. Nach Kürzungen erhalten Bezieher der Unterstützung ab dem sechsten Monat nur noch 50 statt bisher 60 Prozent ihres Anspruchs ausbezahlt.

Ausländerfeindlichkeit steigt

Maximal zwei Jahre fließen Arbeitslosengelder. Bis Februar 2013 werden Arbeitslose, die ihren Anspruch längst verloren haben, noch 426 Euro monatlich - eine Art Notstandshilfe - erhalten. Wer ohne Job im Elternhaus lebt, muss mit Einbußen rechnen, wenn andere Haushaltsmitglieder verdienen. Mehr als 400.000 Familien mussten seit 2008 ihre Wohnungen räumen, weil sie Kreditraten nicht bezahlen konnten. Selbst der starke Rückhalt der spanischen Familien hat seine Grenzen. Mehr als acht Millionen Spanier sind mittlerweile von Sozialeinrichtungen wie der Caritas abhängig. Die Schlangen vor Armenküchen werden stetig länger.

Noch ein Phänomen wird von der hohen Arbeitslosigkeit verstärkt: Ausländerfeindlichkeit. Die Einstellung der Spanier gegenüber Migranten habe sich "besorgniserregend verschlechtert", heißt es in einem Länderbericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Vier von fünf Spaniern sind der Meinung, dass Zuwanderung zu Lohndumping führe. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs stieg die Zahl der Migranten auf 5,5 Millionen Personen, EU-Bürger inklusive. Die Politik reagiert nun mit Abschiebungen, deren Zahl sich heuer auf 24.000 verdoppeln dürfte. (Jan Marot aus Granada, DER STANDARD, 14.11.2012)

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