Spanien: Armut und Ausweglosigkeit

Reportage | Jan Marot aus Granada
13. November 2012, 17:34

Mangels staatlicher Hilfen sind acht Millionen auf Armenküchen, Sozialeinrichtungen und ihre Familien angewiesen

Die Olivenernte steht in Südspanien bevor. Und auch der studierte Ökonom Manuel Emilio Porras (32) aus Granada wird heuer, wie im letzten Winter auch, die kleinen, schwarzen Ölfrüchte von zahllosen Bäumen schütteln. " Ein jeder Job ist mir willkommen", sagt Porras zum Standard. Er weiß: " Ohne Beziehungen wird man nicht einmal zur Ernte geholt."

Der Knochenjob ist sehr begehrt. Kein Wunder, bei einer Massenarbeitslosigkeit, die an der Sechs-Millionen-Marke kratzt. Doch soll die Ernte mangels Niederschlägen schlecht ausfallen. Nur die Hälfte des Vorjahresertrags wird erwartet. "Vor wenigen Jahren riss sich kein Andalusier darum, sich für 50 Euro am Tag von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang zu martern", sagt Porras, "in erster Linie Immigranten machten das." Nun würden immer mehr Spanier mit Studienabschluss als Erntehelfer arbeiten. "Freie Tage gib es keine. Kein Weihnachten, kein Neujahr. Außer es regnet, dann bekommt man aber auch kein Gehalt."

Zurück ins Elternhaus

2005, als Spaniens Wirtschaft zum letzten Luftsprung vor dem Krisental ansetzte, hatte Porras sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen. Er arbeitete einige Jahre bei Banken wie der Unicaja oder ING und bei Versicherungen als Buchhalter. 2009 beschloss er, sich als Berater selbstständig zu machen, ehe Mitte 2011 die Krise den Jungunternehmer zur Aufgabe und zurück von der eigenen Wohnung ins Elternhaus zwang.

Anspruch auf Arbeitslosengelder hatte Porras nie. Er war wie viele Altersgenossen bei keinem Unternehmen ausreichend lange unter Vertrag. Als sein eigener Chef entschloss er sich zu spät, die empfindlich höheren Beiträge, die nach zwölf Monaten einen Anspruch ergeben würden, zu bezahlen. Jobangebote vom Arbeitsamt erhielt er keine. Doch denkt Porras weder an Emigration noch an Schwarzarbeit. Viele Handwerker spielen jenes riskante Spiel. Prüft doch die Steuerbehörde verstärkt, ob offiziell Arbeitslose nicht am Fiskus vorbei am Pfuschen sind.

"Spanien kommt aus der Krise", versprüht Fátima Báñez von der rechtskonservativen Volkspartei (Partído Popular, PP) dagegen Optimismus. Die spanische Arbeitsministerin ortet "erste Hoffnungsschimmer" nach jüngsten Reformen und gibt die steigende Zahl der Neuen Selbstständigen als Beleg an. Dem stehen andere Fakten gegenüber. Mit knapp 26 Prozent verzeichnet Spanien die höchste Arbeitslosigkeit in der EU, das Land kämpft zudem mit rapide steigender Selbstmordrate und Obdachlosigkeit.

Vom "sozialsten Budget der spanischen, demokratischen Geschichte", spricht gar Finanzminister Cristóbal Montoro (PP) zum Unmut der Oppositionsparteien. Nicht weniger als 63 Euro von 100 Euro, die der Staat 2013 aufwendet, fließen ins Sozialwesen - mehrheitlich in Pensionen und Arbeitslosengelder. Letztere belaufen sich auf stattliche 27 Milliarden Euro. Nach Kürzungen erhalten Bezieher der Unterstützung ab dem sechsten Monat nur noch 50 statt bisher 60 Prozent ihres Anspruchs ausbezahlt.

Ausländerfeindlichkeit steigt

Maximal zwei Jahre fließen Arbeitslosengelder. Bis Februar 2013 werden Arbeitslose, die ihren Anspruch längst verloren haben, noch 426 Euro monatlich - eine Art Notstandshilfe - erhalten. Wer ohne Job im Elternhaus lebt, muss mit Einbußen rechnen, wenn andere Haushaltsmitglieder verdienen. Mehr als 400.000 Familien mussten seit 2008 ihre Wohnungen räumen, weil sie Kreditraten nicht bezahlen konnten. Selbst der starke Rückhalt der spanischen Familien hat seine Grenzen. Mehr als acht Millionen Spanier sind mittlerweile von Sozialeinrichtungen wie der Caritas abhängig. Die Schlangen vor Armenküchen werden stetig länger.

Noch ein Phänomen wird von der hohen Arbeitslosigkeit verstärkt: Ausländerfeindlichkeit. Die Einstellung der Spanier gegenüber Migranten habe sich "besorgniserregend verschlechtert", heißt es in einem Länderbericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Vier von fünf Spaniern sind der Meinung, dass Zuwanderung zu Lohndumping führe. In der Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs stieg die Zahl der Migranten auf 5,5 Millionen Personen, EU-Bürger inklusive. Die Politik reagiert nun mit Abschiebungen, deren Zahl sich heuer auf 24.000 verdoppeln dürfte. (Jan Marot aus Granada, DER STANDARD, 14.11.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 741
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16

Sofern man nicht in einer faschistischen Diktatur lebt oder auf Teufel komm raus mit ungedeckten Krediten die Gegend zubetoniert, ist eine hohe Arbeitslosigkeit also Normalzustand in Spanien.

alternativloses Chaos

In vielen EU-Krisenländern fahren die Regierungen – notgedrungen – einen scharfen Sparkurs.

Der von oben aufgesetzte Sparkurs wäre nicht notwendig und dient nur zur Rettung des Schuldzinsgeldsystems, welches aber nicht zu retten ist.

Das daraus enstehende Chaos ist gewollt. Hier soll als "Lösung" eine faschistische Finanzdiktatur errichtet werden.

Die einzig wirkliche Lösung ist der Plan B der Wissensmanufaktur.

Fragt euch mal wer oder was der erreger der spanischen grippe überhaupt ist. Warum will die ezb span staatsanleihen kaufen? Diese elite von dominanten männern, diese sog mãnnerklubs versuchen es durch die hintertür. Span befindet sich weit mehr als in einer rezession is schon ne depression. Zu hoche zinsen haben spanien kaputt gemacht. Jetzt kriegen die grossbanken via esm staatsgelder....

Es klingt zwar hart, aber die Leute müssen innerhalb Europas mobiler werden..

Schauen wir uns mal um hier in Österreich.

Hier findet die Wirtschaft immer schlechter ausgebildetes Personal, welches zum Teil gar nicht arbeitswillig ist.

Als Beweise für das Geschriebene kann hergenommen werden, daß hier in Wien bestimmte Tätigkeiten gar nciht mehr von österr. Staatsbürgern verrichtet werden.

Und wenn dann das mal so ist, bleibt ja als Alternative die Hereinnahme von ausländischen Mitbürgern.

Und für unsere Problembären muss man auch noch eine Lösung finden, welche zwischen Fördern und Fordern liegen muss.

Diese Leute regen sich auf, wenn sie durch das AMS vermittelt werden und folglich ARBEITEN müssen.

Andere wären froh..

es gibt nicht nur österreichische arbeitslose,

genaugenommen ist es sogar ein bissl umgekehrt (wenn man die "Ö mit migrationshintergrund" mitrechnet) => was die weitere "hereinnahme" ja wohl ad absurdum führt

Wir betrachten Menschen als Material, unterteilen sie in Gruppen und dichten jeder Gruppe bestimmte Eigenschaften an. Die eine Gruppe bezeichnen wir als faul und die andere als fleißig. Je nachdem welche der Gruppen "wir" wie bezeichnnen, dürfen "wir" - als Einteiler und Bewerter - uns selbst dann als links oder rechts bezeichnen... (-;

Das "liberale" System der Leistungsträger lässt nach und nach Europa verelenden.

Ich vermute, dass der Bogen bald überspannt sein wird - und das macht mich ehrlich gestanden nervös.

Schnarchnasen

Würde der Staat, das Volk, wie es ihm eigentlich zustände, sein Geld selber aus der Luft schöpfen, und dieses ungerechtfertigte Monopol nicht den Privatbanken überlassen, hätte der Staat keine Schulden.

Unser Geldsystem ist darauf ausgerichtet, die Menschen zugunsten der Eliten zu versklaven. Mit dem ESM wurde dieses Versklavungssystem von der BRD auf EU Ebene gehoben.

Der Euro ist das Instrument dazu. Europa wird gerade in eine Bankendiktatur transferiert.

Die Politiker fürchten den Zusammenbruch des jetzigen Geldsystems wie der Teufel das Weihwasser. Aus gutem Grund. Ist nämlich erst mal das Geldschöpfungsmonopol von den Privatbanken zum Staat gewandert, bräuchten wir alle keine Steuern mehr zu bezahlen.

Diese Umstellung auf ein ande

der satz

mit der versklavung durch den euro stimmt. alles andere finde ich als sehr ziemlich phantasievoll.

der euro schafft extreme gläubiger // schuld verhältnisse in europa. aus guten nachbarn werden missgünstige neider.

das soll den friedensprojekt dienen ? dass ich nicht lache - raus aus diesem €-götzendienst, wiederum rein in die eigenverantwortung ! "one size fits nobody !" das hat sich klar gezeigt, die politik will das nur einfach ignorieren - welche spannungen müsses zwischen den geber- und nehmerländern noch aufgebaut werden, bis dieser irrsinn geordnet zurückgefahren wird ? noch 10 jahre gefangenschaft des südens ? kann ich mit nicht vorstellen.

der herr dr kann gern zu mir

gurken ernten kommen - die gratisstaatlich ausgebildete intelligenzbestie wird sicher 10% schneller arbeiten als die anderen und somit 10% mehr verdienen.

...der herr ökonom wird das sicher verstehen; lediglich die postende gutmenschengemeinde meint - dass einem nach dem kunstgeschichte-gratisstudium noch ein warmes platzerl in einem amterl zuverfügung stehen sollte.... ....selbstverständlich zum dreifachlohn des finanzierenden tischlergselln.

Sie sind wohl eins der seltenen Exemplare, die ihre sämtliche Bildung selbst bezahlt haben oder sich gar selbst gebildet haben, Arzt- und Krankenhausbesuche selbst bezahlen, auf selbst gebauten Straßen fahren und überhaupt alles ablehnen, was "gratis" ist...

Gratuliere! (-;

...dann sollen sie eben kuchen essen...

Auch das wiederholte Posten macht Ihren Stuss nicht wahrer.
Ernten Sie Ihre Gurken alleine!

Der totale Zwangsversteigerungs - Wahnsinn...

... werden einem Spanier die Wohnung/Haus versteigert und der Erlös deckt nicht die Schulden bei der Bank ab, haftet man weiterhin für den offenen Differenzbetrag.
Bei uns sind mit einer Zwangsversteigerung die Schulden bei der Bank für die Wohnung, das Haus erledigt. Spanische Politiker, die dahingehend auf eine neue Gesetzgebung drängen (gab es schon) werden, auf Druck der Finanzhaie, von den eigenen Reihen, voll abgeschossen.
!!! SAUEREI sowas !!!

in spanien wird nicht versteigert, damit die preise nicht noch weiter in den keller rasseln. stattdessen gehen die immobilien ins eigentum der bank über. resultat: die "eigentümer" sitzen auf der strasse, die banken müssen unsummen an betriebskosten für hunderdtausende wohungen zahlen und die preise bleiben künstlich hoch. normalverdiener können sich unmöglich eine wohung leisten. täglich werden um die 500 wohungen zwangsgeräumt.

eine klassische loose-loose-loose situation.

Bei uns sind mit einer Zwangsversteigerung nur im (Privat-)konkursfall die Ansprüche erledigt, ansonsten ist der Erlös aus der Versteigerung in voller Höhe zur Abdeckung der Schulden heranzuziehen, wenn dies nicht reicht, bleibt eine Restverbindlichkeit bestehen.

Und im nicht-privaten?
In wessen Bücher stehen die Verbindlichkeiten, wenn die Firma in Konkurs gegangen ist?
Von wem wollen Sie sich die Schulden zurückholen?

eben.

Sie haben mich missverstanden, ich bezog das "Privat-" vor Konkurs auf das Beispiel mit der Wohnung, die offenbar im Privatvermögen steht(s. Vorposter).
Natürlich wird im Unternehmenskonkurs auch kein Restvermögen, außer der Quote, zu holen sein.
Sehr gescheit!

Ende der Schuldenparty: was ist ungerecht wenn dutsche steuerzahler nicht mehr füer spanische privilegien zahlen ?

ich finde es schlimmer, dass wir in ganz europa die folgen des deutschen bildungsdesasters tragen müssen. und damit meine ich (ausnahmesweise) nicht die unischmarotzer.

wann werden die armen wohl beginnen bei den tueren der reichen daheim anzuklopfen

und wann klopfen sie dann nicht mehr an sondern holen sich einfach das zurück das ihnen unrechtens enthalten worden ist??

Irgendwann werden die ganzen linken Poster auch verstehen müssen,

dass Jobs nur von Unternehmern geschaffen werden. Wenn man die bekämpft, ist das das Resultat.

Nicht nur einfach von "Unternehmern"

Ich würde mal besser so formulieren:

Von "nach- und werthaltig Schaffenden"

Vier von fünf Spaniern sind der Meinung, dass Zuwanderung zu Lohndumping führe..

wo bleibt leitls händeringendes dementi?

Die spanischen Leistungsbilanzdefizite 2004-2011 in USD

2004 -30,890,000,000
2005 -83,140,000,000
2006 -98,600,000,000
2007 -145,300,000,000
2008 -131,800,000,000
2009 -80,380,000,000
2010 -63,650,000,000
2011 -55,100,000,000

Das wurde Jahr für Jahr weniger gehackelt als konsumiert.

Genau das "ÜBER DIE VERHÄLTNISSE LEBEN" in nackten Zahlen.

Völlig überraschend geht das nicht ewig so weiter...

Posting 1 bis 25 von 741
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.