Eine Todesehe mit Kindern der Angst

Premiere von Glucks "Alceste" an der Wiener Staatsoper: Regisseur Christof Loy stellt ein kinderreiches Kammerspiel des Todes auf die Bühne

Dirigent Ivor Bolton unterstützt mit fulminantem Orchester.

Wien - Christoph Willibald Glucks "Alceste" wäre als Geschichte von Todesnähe - ob der Unsterblichkeit des Themas Dahinscheiden - für einen Regisseur an sich leicht aufs Podest der Plausibilität zu hieven. Doch wie die Verzweiflung der Gattin Alceste der Wut ihres Gatten Admete weicht, als er begreift, dass er nur lebt, da sie sich für ihn opfern will, erscheint dieser Hercule, um beide der Todeszone zu entreißen. Und nachdem Resignation und Verzweiflung die Seelen lange Opernzeit gefoltert haben, ist plötzlich Happy End angesagt. Und beim Drama dramaturgisch alles kaputt, da eben alles gut.

Regisseur Christof Loy hat sich da manches überlegt. Bei ihm ist Hercule ein reicher Vetter, der Geschenke verteilend in das Bürgerhaus hineinrast, ein vitaler Gockel (souverän Adam Plachetka), dem allerdings von der melancholischen Gemeinde keine Beachtung geschenkt und dem auch keine Rettungskompetenz zugebilligt wird. Loy behält die Tonart des Ernsten bei, zerknirscht bleiben alle Kinder der Angst - in mehrfacher Hinsicht.

Loy schart ja um Alceste nicht nur ihre Kleinen. Auch das Volk (solide: der Mahler-Chor) findet sich in jene Phase des Lebens zurückverjüngt, da man vielleicht nicht mehr an antike Götter, sicher jedoch an Autoritäten glaubte. In verzweifelter Ratlosigkeit klammern sich die Kleinen an die ihrem Ende entgegenleidenden Erwachsenen, wobei: Auch die Alten finden keinen Modus Vivendi mit dem Sterben. Wie Admete (solide: Joseph Kaiser) registriert, um welchen Preis er überlebt, ist Ehekrach bis zur Körperattacke angesagt. Elegant zeigt Loy, wie Hilflosigkeit in Aggression umschlägt. Wie er überhaupt - als subtiler Opernpsychologe - aus dem Chor der Kinder eine Menge individueller Geschichten herausmodelliert.

Das Kabinett der Puppen

Allein, da wäre noch immer jenes lästige Happy End, das man mit dem permanenten Opernblick in den Todesabgrund zusammenschweißen muss. Und siehe da: Bei Loy geht die Schiebetür dieses weißen Einheitsraumes (Bühnenbild: Dirk Becker) auf, und sichtbar wird ein Puppenspiel. Die Kinder versuchen, die Geister des Untergangs mit ihren Spielmitteln in einer grellen Kostümszene zu bannen, was offenbar nur vorläufig gelingt. Wo Puppenkammer war, ist plötzlich nur noch ein schwarzes Raumloch. Und langsam wandern sie alle hinein, wobei Alceste (trotz kleiner Schwankungen eine profunde Leistung: Veronique Gens) nicht mehr an die Beziehung zu Admete zu glauben scheint. Zögerlich geht sie in Richtung Admete, hält inne und wendet sich schließlich eher von Gatten ab, als dass sie mit ihm über die Schwelle zur dunkeln Ungewissheit geht.

Loy hat das Familiendrama also mit Mitteln der Vieldeutigkeit angereichert. Das geht sich aus. Nur diese Fixierung auf das Kindliche, das sich auch vor der Geistlichkeit fürchtet (intensiv: Clemens Unterreiner als Oberpriester), wirkt doch ein wenig bemüht.

Am überzeugendsten jedenfalls das Freiburger Barockorchester unter Ivor Bolton: Ein Klang voll kühler Wucht dominiert die sehr prägnante Umsetzung, die auf knappe Phrasierung und auf Terrassendynamik setzt und die Musik dann doch ausschweifend atmen lässt. Präzision und Intensität gehen hier eine produktive Beziehung ein, sind die treibende Kraft der akklamierten Produktion. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 14.11.2012)

15., 18., 22. und 26. 11., 19.00

  • Verzweiflungsgesänge angesichts des drohenden Todes: Veronique Gens (als Alceste), umgeben von ängstlichen Jugendlichen. vergrößern (800x573)
    foto: apa/hans klaus techt

    Verzweiflungsgesänge angesichts des drohenden Todes: Veronique Gens (als Alceste), umgeben von ängstlichen Jugendlichen.

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