Eine Todesehe mit Kindern der Angst

  • Verzweiflungsgesänge angesichts des drohenden Todes: Veronique Gens (als Alceste), umgeben von ängstlichen Jugendlichen.
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    foto: apa/hans klaus techt

    Verzweiflungsgesänge angesichts des drohenden Todes: Veronique Gens (als Alceste), umgeben von ängstlichen Jugendlichen.

Premiere von Glucks "Alceste" an der Wiener Staatsoper: Regisseur Christof Loy stellt ein kinderreiches Kammerspiel des Todes auf die Bühne

Dirigent Ivor Bolton unterstützt mit fulminantem Orchester.

Wien - Christoph Willibald Glucks "Alceste" wäre als Geschichte von Todesnähe - ob der Unsterblichkeit des Themas Dahinscheiden - für einen Regisseur an sich leicht aufs Podest der Plausibilität zu hieven. Doch wie die Verzweiflung der Gattin Alceste der Wut ihres Gatten Admete weicht, als er begreift, dass er nur lebt, da sie sich für ihn opfern will, erscheint dieser Hercule, um beide der Todeszone zu entreißen. Und nachdem Resignation und Verzweiflung die Seelen lange Opernzeit gefoltert haben, ist plötzlich Happy End angesagt. Und beim Drama dramaturgisch alles kaputt, da eben alles gut.

Regisseur Christof Loy hat sich da manches überlegt. Bei ihm ist Hercule ein reicher Vetter, der Geschenke verteilend in das Bürgerhaus hineinrast, ein vitaler Gockel (souverän Adam Plachetka), dem allerdings von der melancholischen Gemeinde keine Beachtung geschenkt und dem auch keine Rettungskompetenz zugebilligt wird. Loy behält die Tonart des Ernsten bei, zerknirscht bleiben alle Kinder der Angst - in mehrfacher Hinsicht.

Loy schart ja um Alceste nicht nur ihre Kleinen. Auch das Volk (solide: der Mahler-Chor) findet sich in jene Phase des Lebens zurückverjüngt, da man vielleicht nicht mehr an antike Götter, sicher jedoch an Autoritäten glaubte. In verzweifelter Ratlosigkeit klammern sich die Kleinen an die ihrem Ende entgegenleidenden Erwachsenen, wobei: Auch die Alten finden keinen Modus Vivendi mit dem Sterben. Wie Admete (solide: Joseph Kaiser) registriert, um welchen Preis er überlebt, ist Ehekrach bis zur Körperattacke angesagt. Elegant zeigt Loy, wie Hilflosigkeit in Aggression umschlägt. Wie er überhaupt - als subtiler Opernpsychologe - aus dem Chor der Kinder eine Menge individueller Geschichten herausmodelliert.

Das Kabinett der Puppen

Allein, da wäre noch immer jenes lästige Happy End, das man mit dem permanenten Opernblick in den Todesabgrund zusammenschweißen muss. Und siehe da: Bei Loy geht die Schiebetür dieses weißen Einheitsraumes (Bühnenbild: Dirk Becker) auf, und sichtbar wird ein Puppenspiel. Die Kinder versuchen, die Geister des Untergangs mit ihren Spielmitteln in einer grellen Kostümszene zu bannen, was offenbar nur vorläufig gelingt. Wo Puppenkammer war, ist plötzlich nur noch ein schwarzes Raumloch. Und langsam wandern sie alle hinein, wobei Alceste (trotz kleiner Schwankungen eine profunde Leistung: Veronique Gens) nicht mehr an die Beziehung zu Admete zu glauben scheint. Zögerlich geht sie in Richtung Admete, hält inne und wendet sich schließlich eher von Gatten ab, als dass sie mit ihm über die Schwelle zur dunkeln Ungewissheit geht.

Loy hat das Familiendrama also mit Mitteln der Vieldeutigkeit angereichert. Das geht sich aus. Nur diese Fixierung auf das Kindliche, das sich auch vor der Geistlichkeit fürchtet (intensiv: Clemens Unterreiner als Oberpriester), wirkt doch ein wenig bemüht.

Am überzeugendsten jedenfalls das Freiburger Barockorchester unter Ivor Bolton: Ein Klang voll kühler Wucht dominiert die sehr prägnante Umsetzung, die auf knappe Phrasierung und auf Terrassendynamik setzt und die Musik dann doch ausschweifend atmen lässt. Präzision und Intensität gehen hier eine produktive Beziehung ein, sind die treibende Kraft der akklamierten Produktion. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 14.11.2012)

15., 18., 22. und 26. 11., 19.00

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16 Postings
Szenisch - die übliche Blamage à la Loy,

musikalisch jedoch beeindruckend vermittelt!
Es gilt also die schon seit Jahren übliche Lösung:
auf den Partitur-Sitzen Musik und Stimmen genießen und sich die optischen "Eindrücke" (nach einer Erstbegegnung) ersparen. Dass die ständig über die Bühne trampelnden "Kinder" akustisch dabei recht stören, ist der Preis dafür, dass ein Herr Loy seinen Schmarrn nun auch von der Staatsoper finanziert bekam...

Schüleraufführung

Diese Alceste erinnert mich an eine fleissig geprobte Schüleraufführung auf hochwertigem musikalischen Niveau...

Liebe Leute!

Ich will mich für meinen Opernbesuch einhören und versuchte, die Radio-Stream aufzunehmen. Leider ist mir die Aufnahme verstorben (WLAN abgerissen). Hat irgend jemand eine Kopie?

Leider nein, aber

es gibt jedenfalls DVD-Mittschnitte von zwei sehr guten Produktionen (Paris und Stuttgart).

Zumindest Paris (von Otter, Gardiner) ist weitgehend auf youtube zu finden. Ist halt nicht exakt diese Produktion, aber zum einhören sollte es passen.

Schade, aber danke.

sind die treibende Kraft der akklamierten Produktion. (Ljubiša Tošic,

mensch haben sie die buhs nicht mehr abgewartet?

Marelli ist der einzige Regisseur, der in der Staatsoper in den letzten 15 Jahren NICHT mit Buhs bedacht wurde

Und das sagt wohl mehr über das Premierenpublikum aus als alles andere. Wobei ich dem Mann solides Handwerk nicht absprechen will.

Es ist auch müßig zu betonen, dass in Wien schon Produktionen ausgebuht wurden, die andernorts Begeisterung auslösten (und nicht nur bei einer "Kritikerelite") - oder dass ehemalige Skandalinszenierungen in der Nachbetrachtung als Meilensteinen des Musiktheaters erkannt wurden (Chereaus "Ring" als bestes Beispiel).

Ups, stimmt - Pellys Regimentstochter erhielt ebenfalls ungeteilte Zustimmung.

Also:

Publikum austauschen, Regietheater beibehalten;-) (Oder sollte vielleicht doch massiv am Geschmack der Subventionszahler vorbei inszeniert werden?)

Ach ja - Subventionszahler

Oper - und klassische Musik allgemein - wird am Geschmack der überwiegenden Menge der Subventionszahler vorbei"inszeniert". Denn die gehen da gleich gar nicht hin.

Wir beide heben uns mit den Subventionszahlungen vermutlich auf - und das wird sich insgesamt bei Gegnern und Anhängern des sogenannten "Regietheaters" auch die Waage halten.

Leseverständnis ist nicht ihre starke Seite, oder...

Und ich glaube auch nicht, dass ausgerechnet sie mir ernsthaft einreden wollen, Publikumszuspruch wäre das entscheidende Beurteilungskriterium im Opern- und Klassikbereich.
Tosca und Zauberflöte wird in Wien immer voll sein - wurscht wer das wie inszeniert oder wer singt. Und bei Janacek oder Britten bringt auch das Beste keine Überbuchung.

Mal abgesehen davon, dass der Publikumszuspruch trotz(?) des ach so bösen "Regietheaters" durchaus passt.

Adhoc erinnere ich mich

an einen 'Sommernachtstraum' welcher sehr gut ankam und lange auf dem Spielplan stand. Auch 'Rakes Progress' konnte sich behaupten, solange A. Rothenberger die Anne sang. 'Jenufa' in der Inszenierung von O. Schenk war ein Sensationserfolg, ähnlich der Zeffirelli-Boheme musste man um Stehplätze anstehen. Solange dermaßen hohe Subventionen fließen hat nicht eine kleine, elitäre Gruppe zu entscheiden, was dafür gemacht wird! Finden Sie einen Sponsor ist das was anderes.

Staatsoper? In den letzten 15 Jahren?

Sommernachtstraum an der Staatsoper? Wann bitte?

Rothenberger im "Rake" - da brauch ich nicht zu fragen, wann das war.

Und Schenks Jenufa ist - so sie an der Staatsoper gespielt wurde - auch kein Kinder der 90er-Jahre.

Vielleicht haben sie aber auch nur mein Ausgangsposting einfach nicht gelesen (Die "Boheme" näherst sich ja quasi schon dem Pensionsalter).

Und nochmal:
Die Opernbesucher sind an sich schon eine kleine ("elitäre") Gruppe in der Gesellschaft und also unter den Subventionsgebern. Und diese sind keineswegs einheitlich oder überwiegend ihrer Ansicht.

Zudem - Mozart, Gluck oder Wagner haben deutlich "gegen" ihr Publikum komponiert; Wieland Wagners inszenierungen wurden zunächst auch abgelehnt (wie später Chereau).

Dann haben Leute

wie Glenn Gould, Karajan und auch Abbado eben unrecht, wenn sie verurteilen, was von der Musik ablenkt, bezw. sie konterkariert. Könne Sie bei R. Osborne nachlesen. Übrigens, Oper gibt es nicht erst seit 15 Jahren, auch wenn Sie keine Vergleichsmöglichkeiten haben. Heutige Protagonisten müssen sich eben an früheren messen lassen und Pech für die Regiefuzzis, daß es schlüssige und 'endgültige' Interpretationen, resp. Referenzproduktionen gibt. Wie auch die 'Jenufa' aus der gleichen Saison, wie die 'Bohème'. Wieland Wagner hat der Fantasie Raum gegeben aber nicht verfremdet und damit das Publikum verwirrt. Ich für mich versuche JEDES Kunstwerk aus seiner Zeit heraus zu verstehen, Reimann genauso wie Mozart. Anderes gibt Konfusion!

Früher war halt alles besser.

Mich würde es ja interessieren, wie die Kritiker aus Prinzip es finden würden, wenn wir wirklich wieder Opernbetrieb wie im 18.Jh oder 19Jh hätten mit Zwischenrufen, Zwischenklatschen, ;-)

Dabei weiß doch jeder, dass ein Abend ohne Buh in Wiens Opernhäsuern nur zeigt, dass man seine Arbeit nicht ordentlich erledigt hat!

Sein Hörgerät

hat halt technische Probleme - die blöde durch die Szene hüpfenden Gschrappen entsprechen wohl seiner Sichtweise von Akklamation....

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