"Wir haben uns ineinander verknallt"

Interview |
  • Journalistin Luisa Rey kommt 1973 einem Killer in die Quere: Halle Berry in "Cloud Atlas" von Tom Tykwer und Lana und Andy 
Wachowski.
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    Journalistin Luisa Rey kommt 1973 einem Killer in die Quere: Halle Berry in "Cloud Atlas" von Tom Tykwer und Lana und Andy Wachowski.

  • Tom Tykwer (47) wurde als Regisseur von "Lola rennt" (1998) international 
bekannt, zuletzt veröffentlichte er den Thriller "The International" und die 
Beziehungstragikomödie "Drei".
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    Tom Tykwer (47) wurde als Regisseur von "Lola rennt" (1998) international bekannt, zuletzt veröffentlichte er den Thriller "The International" und die Beziehungstragikomödie "Drei".

Tom Tykwer hat "Cloud Atlas" mit den Geschwistern Wachowski ("Matrix") inszeniert. Der deutsche Filmemacher übers Regieführen zu dritt im 24. Jahrhundert

Wien - David Mitchells Roman Der Wolkenatlas ist keine leichte Lektüre. Der Autor wählt für die sechs zwischen 1849 und 2321 angesiedelten Episoden verschiedene literarische Stilformen und die Sprache der jeweiligen Epoche. Der schwierige Stoff bildet die Grundlage für das 104-Millionen-Dollar-Epos Cloud Atlas von Regisseur Tom Tykwer und seinen US-Kollegen und Matrix-Machern Lana und Andy Wachowski.

Mit einem in allen Epochen in unterschiedlichen Rollen wiederkehrenden Ensemble, darunter Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Ben Whishaw, Hugh Grant und Jim Sturgess, gelingt es dem Film, die sprunghaft montierten Einzelszenen zu einem großen Ganzen zu verbinden. Leider bleibt bei dem fast dreistündigen erzählerischen Experiment die Schlüsselidee wie schon im Roman eher Behauptung: Den Beweis, dass alles miteinander verbunden ist und Liebe, Kreativität und Freiheitsdrang über die Jahrhunderte hinweg wirken, bleibt auch der handwerklich bemerkenswerte Film letztlich schuldig.

STANDARD: Warum haben Sie "Cloud Atlas" mit den Wachowski-Geschwistern gemacht?

Tykwer: Wir waren schon eine Weile auf der Suche nach einem Projekt, das wir zusammen machen können. Als unsere Freundschaft begann, merkten wir bald, dass die sich nicht so einfach pflegen lässt. Andy und Lana drehten sogar zwei Filme in Babelsberg, auch weil sie hofften, wir könnten uns dann öfter sehen - aber jedes Mal bin ich am Tag ihrer Ankunft ins Flugzeug gestiegen, zu einem Dreh geflogen und war ein halbes Jahr einfach weg.

STANDARD: Wie haben Sie sich kennengelernt?

Tykwer: Unser erstes Rendezvous - und so muss man das nennen, wir haben uns ja quasi ineinander verknallt - fand 2002 in Los Angeles statt. Andy und Lana arbeiteten an den Matrix-Fortsetzungen, ich war wegen Heaven da. Wir hatten uns zuvor schon Nachrichten zukommen lassen, weil ich von Matrix und sie von Lola rennt so begeistert waren - beide Filme kamen in den USA im gleichen Monat in die Kinos. Wir gingen in ein Restaurant und hörten nicht mehr auf zu reden, bis man uns um fünf Uhr rauswarf. Am nächsten Morgen haben sie mir Blumen geschickt und ich ihnen einen Liebesbrief. Wir waren alle drei an einem etwas erschöpften, ausgelaugten Punkt in unserem Verhältnis zur Arbeit, und die Begegnung war wie eine Wiederbelebung.

STANDARD: Woher kam die Idee, David Mitchells Roman zu verfilmen?

Tykwer: Der ursprüngliche Impuls kam von einer gemeinsamen Freundin, Natalie Portman. Und dann gab es so etwas wie einen Domino-Effekt: Wir lasen den Roman nacheinander, riefen uns an und jubelten uns ins Ohr, wie verrückt und genial das ist.

STANDARD: Von der erzählerischen Anordnung der Vorlage, bei der die jeweiligen Epochen erst zur Hälfte und chronologisch fortlaufend, ab Buch-Mitte dann zeitlich rückwärts und zu Ende erzählt werden, haben Sie sich aber getrennt.

Tykwer: Wir waren der Meinung, dass man im Film nicht nach 90 Minuten ein völlig neues Kapitel aufschlagen kann. Mitchell hat uns erst kürzlich schockierenderweise gestanden, wie er zur Struktur des Buchs gefunden hat: Er hat alle Geschichten einzeln und als Ganzes geschrieben und die ersten fünf ganz zum Schluss, als alles fertig war, in der Mitte durchgeschnitten. Wir haben gefragt, wie lang er für diese Aufteilung gebraucht hat. Er meinte: "Ach, so 20 Minuten."

STANDARD: "Cloud Atlas" ist eine sehr aufwändige Produktion - war es ein Vorteil, dass sie fast vollständig in Babelsberg entstanden ist?

Tykwer: Projektiert hatten wir 120 Drehtage, das ist schon sehr lang, für diese Zeit hätten wir die Schauspieler nicht bekommen. Also haben wir 60 Drehtage daraus gemacht, indem wir mit zwei Haupt-Kamerateams arbeiteten. Wir sprangen einfach hin und her, das war in Babelsberg kein Problem; man geht durch eine Tür und kommt vom 19. ins 24. Jahrhundert. In einem Set saß ich, im anderen Lana und Andy, das war schon sehr miteinander verstrickt.

STANDARD: Sie haben die Episoden gedreht, die 1936, 1973 und 2012 spielen, die Wachowskis jene von 1849, 2144 und 2321. Wie kam es zu dieser Aufteilung?

Tykwer: Wir haben nicht sehr lange darüber diskutiert, wer welche Epoche drehen würde. Das ergab sich aus einem notwendigen Aufteilungsvorgang: Wir haben jedes Wort zusammen geschrieben, alle Designs, jedes Set gemeinsam besprochen, natürlich immer auch mit unseren Leuten, das war ein sehr starker Gruppenprozess. Uli Hanisch und Hugh Bateup, die Produktionsdesigner, haben sich natürlich über alle möglichen gestalterischen und technischen Details ausgetauscht; Uli hat ein Set für 1936 gebaut, Hugh hat es in eines fürs 21. Jahrhundert verwandelt. Das war toll, selbst bestimmte Raumformen tauchen immer wieder auf, auch wenn man das nur unterbewusst registriert.

STANDARD: Auch die Darsteller kehren in allen Epochen wieder.

Tykwer: Irgendwann gab es einen großen Klick und wir haben gesagt: Ein und dasselbe Ensemble führt durch alle Geschichten. Das entsprach unserem Wunsch, das Gefühl zu erzeugen, dass man ein singuläres Narrativ hat. Die Schauspieler waren begeistert, weil sie ja nicht sechs verschiedene Figuren spielen, sondern einem genetischen, charakterlichen Strang folgen - ob als Evolution oder Devolution, moralisch geht es ja nicht nur bergauf. Wenn man es spiritueller formulieren will: Sie spielen jeweils eine Seele. Man spürt im Film, mit welcher Lust und Wollust sich die Schauspieler auf ihre Figuren gestürzt haben. (Thomas Klein, DER STANDARD, 14.11.2012) 

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