Die Ausgebremsten

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  • Für Bewegung brauchen Kinder vor allem Freiräume - und unverplante Zeit.
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    foto: derstandard.at/ped

    Für Bewegung brauchen Kinder vor allem Freiräume - und unverplante Zeit.

Die Forderung nach der täglichen Turnstunde ist sinnvoll, greift aber zu kurz: Das Problem kindlicher Bewegungsarmut liegt tiefer

In den westlichen Industrienationen sitzen Vierjährige rund 15 Stunden wöchentlich vor dem Fernseher. Die empfohlenen 60 Minuten Bewegung täglich schafft nur ein Fünftel der Elf- bis 15-Jährigen. Die Folgen von ungesundem Essen und zu wenig Bewegung sind bekannt - und allerorts sichtbar: Viele Kinder sind zu dick und werden immer dicker. Die griffige Forderung nach der täglichen Turnstunde kommt da gerade recht. Doch sie greift zu kurz: Bewegungsförderung muss auf mehreren gesellschaftlichen Ebenen ansetzen und kann nicht auf die Schule reduziert werden. 

Die Sozialmedizin buchstabiert seit Jahren vor, was es braucht, damit Heranwachsende zur Bewegung finden: Eltern oder Erziehungsberechtigte als Vorbilder, die Sport und Bewegung selbstverständlich in ihren Alltag einbauen - und nicht nur vor dem Badeurlaub widerwillig einen Fat-Burning-Kurs besuchen. Außerdem ein Wohnumfeld, das zum Gehen, Laufen, Rad- oder Skateboardfahren einlädt.

Dazu gehören kindersichere Straßen und Schulwege mit wenig Autoverkehr, gut gesicherte Kreuzungen, öffentlich zugängliche Grünflächen, abwechslungsreiche Spielplätze und kostenlose oder günstige Bewegungsangebote. Selbst die Infrastruktur im Kleinen spielt eine Rolle: Kinder fahren Studien zufolge eher mit dem Fahrrad in die Schule, wenn es dort leicht zugängliche und sichere Absperrmöglichkeiten gibt. 

Appelle ans Gesundheitsbewusstsein bringen jedenfalls kein Kind zu Sport und Bewegung. Kinder leben im Jetzt, der Vorsorgegedanke ist ihnen fremd. Die gut gemeinte Warnung, dass frühe Adipositas das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöht, wird kein Kind zum Wandern motivieren.

Eltern und Erziehungsberechtigte müssen Bewegungsvorbilder sein. Ein Staat, der gesunde Kinder will, muss dafür sorgen, dass sie ihren Bewegungsdrang spielerisch ausleben können, indem er die nötigen Strukturen und Freiräume schafft - und zwar für alle sozialen Schichten. Neben einem bewegungsfreundlichen Umfeld - in der Familie oder am Fußballplatz - und genügend Raum braucht es vor allem unverplante Zeit, um Kinder zu bewegen.

Der Trend zur Reglementierung der Kindheit und zum straff organisierten Freizeitprogramm widerspricht lustvoll-zielloser Bewegungsfreude. Wer Kindern zuerst Raum und Zeit für freie Bewegung nimmt und ihnen die Lust am Toben und Laufen austreibt, muss sich nicht wundern, wenn sie lieber vor dem Fernseher sitzen, als Fußball zu spielen. Kinder brauchen Zeit für Neugierde, Kreativität und Entdeckungslust; sie brauchen Raum zum Ungestümsein und für ungeplante Erlebnisse, um ihre körperlichen und geistigen Potenziale zu entwickeln. 

Politik und Eltern müssen diese Bedingungen bereitstellen. Tägliche Turnstunden und Appelle ans Gesundheitsbewusstsein sind zu wenig. (Lisa Mayr, derStandard.at, 13.11.2012)

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