Sex und Sinnlichkeit im Hörsaal

Gastkommentar |

Sexuell aufgeladene Situationen kommen überall vor. Der Hörsaal ist keine Ausnahme. Reden wir drüber

Leopold Federmairs STANDARD-Artikel über sexuelle Belästigung an japanischen Universitäten erweckt den Eindruck, dass sich da jemand sehr unwohl fühlt, ohne recht benennen zu können, was ihn eigentlich stört.

Verdeckter Diskurs hinter den Stereotypen

Der Autor flüchtet sich in Stammtischfloskeln: Verführerische Studentinnen machen ihren Professoren schöne Augen, während eine vertrocknete Karrierefrau als Institutsleiterin für klinisch-lustlose Ordnung sorgt. Das zeichnet - trotz aller gegenteiliger Behauptungen des Autors - ein klischeehaftes Frauenbild, in dem eine Frau an ihrer Fähigkeit, sexuell zu erregen, gemessen wird. Insofern liegt es nahe, Federmair als reaktionär und sexistisch zu verteufeln, wie es Thomas Schmidinger in seiner Replik tut.

Dennoch ist Federmair mit seinem Unbehagen wohl nicht allein, auch wenn er die Problematik nicht richtig zu erkennen scheint. Es geht natürlich weder um die Unterhöschen der Studentinnen noch um die mangelnde Sinnlichkeit seiner Chefin. Letztendlich verdecken diese Stereotype einen darunterliegenden, durchaus ernst zu nehmenden Diskurs, anstatt ihn zu beleuchten.

Es ist eine Tatsache, dass Sexualität ein Faktor ist, mit dem gerechnet werden muss, wenn erwachsene Menschen interagieren. Die Universität ist keine Ausnahme. Die Auflösung traditioneller Geschlechterrollen im sexuellen Werbeverhalten hat zu einer Individualisierung des sexuellen Umgangs miteinander geführt. Das ist auf der einen Seite sehr positiv, weil Einzelne dadurch in ihrer sexuellen Lebensgestaltung wesentlich autonomer sind.

Aber starre Konventionen dienten auch als verlässliche Wegweiser durch den Dschungel der sexuellen Codes und Andeutungen. Sie haben erklärt, welche Geste wie zu interpretieren ist. Durch ihre Aufweichung entstand eine gewisse Ratlosigkeit, was ein Gegenüber denn nun genau will, und was selbst gewollt werden darf. Noch komplizierter wird es, wenn ungleiche Machtverhältnisse bestehen, wie das zwischen Lehrenden und Studierenden der Fall ist. Aber die bloße Möglichkeit einer sexuell aufgeladenen Situation zu verleugnen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ist kontraproduktiv und verkennt die soziale Wirklichkeit. Die moralische Erregung verhindert dann jede differenzierte Auseinandersetzung.

Verstärkung durch Tabuisierung des Themas

Studentinnen und Studenten sind in der Regel erwachsene Menschen mit sexuellen Wünschen und Begierden. Es kann durchaus vorkommen, dass eine Studentin einen Lektor nach der Vorlesung anzüglich anlacht, oder dass ein Student mit einem Professor recht eindeutig flirtet. Es ist nicht weiter erstaunlich, dass Lehrende dann mit verwirrenden Gefühlen kämpfen, die durch die Tabuisierung des Themas noch verstärkt werden. Viele neigen dazu, den Studierenden in so einer Konstellation automatisch die sexuelle Selbstverantwortung abzusprechen und sie reflexartig als Opfer darzustellen. Gleichzeitig werden selbst bei einer erwiesen unwillkommenen Belästigung oft Bemerkungen à la "Sie wollte es ja so, hast du gesehen, wie sie sich immer anzieht?" laut.

Das erinnert nur allzu schmerzlich an die traditionalistischen, seltsam widersprüchlichen Darstellungen weiblicher Sexualität: Einerseits wurde Frauen die Fähigkeit abgesprochen, selbstständige sexuelle Entscheidungen treffen zu können. Männliche Verwandte, meist Väter oder Brüder, mussten sie vor ihrer eigenen Lust beschützen. Auf der anderen Seite wurde ihnen unterstellt, einen sexuellen Übergriff ja eigentlich insgeheim selber gewollt oder sogar provoziert zu haben und daher die Verantwortung dafür zu tragen.

Vermischung verschiedener Ebenen

Federmair versäumt es, sich von solchen Aussagen zu distanzieren. Das ist schade, denn einige seiner Punkte sind durchaus interessant. Er argumentiert, dass eine sexuell aufgeladene Situation nicht an sich verwerflich sei, sondern im Gegenteil auch zu einer positiven Spannung führen könne. Diese im Grunde diskutierenswerte Behauptung führt ihn dann aber zu einer apologetischen Haltung gegenüber Professoren, die tatsächlich ihrem Impuls folgen und ein sexuelles Verhältnis beginnen - und zwar offenbar gegen den Willen der Betroffenen. Hier vermengt er drei verschiedene Ebenen: Erstens die Tatsache, dass unklare, sexuell aufgeladenen Situationen auch auf der Universität vorkommen. Zweitens die Frage, wie Lehrende generell darauf reagieren sollen (oder dürfen). Und drittens die Grenzziehung zwischen einer einvernehmlichen und einer nicht einvernehmlichen sexuellen Handlung, die innerhalb einer Autoritätsbeziehung manchmal schwer zu fassen ist.

Es stimmt, dass die realen Machtverhältnisse auf der Universität einen denkbar schlechten Nährboden für eine gleichberechtigte sexuelle Beziehung darstellen. Dennoch existieren solche Beziehungen; manchmal enden sie auch in einer Ehe. Dieses "Happy End" legitimiert dann im Nachhinein die unordentlichen, schwer zu kategorisierenden Verhältnisse, weil damit sozusagen der Beweis erbracht ist, dass es sich von Anfang an um eine wahre, von beiden Seiten selbstbestimmte Liebe gehandelt hat. Das Dazwischen wird totgeschwiegen, weil es Unbehagen verursacht.

Aber was ist mit Beziehungen, die nicht durch eine Eheschließung oder jahrelanges Zusammenleben weit über den Hörsaal hinaus geadelt werden? Ist ein Flirt in Ordnung? Ein One-Night-Stand? Dürfen sexuell angehauchte Gedanken nur im stillen Kämmerlein und mit schlechtem Gewissen zugelassen werden? Spielt Sexualität ausschließlich eine negative Rolle, oder gibt es auch positive Aspekte? Was ist etwa dagegen einzuwenden, wenn sich eine Professorin, motiviert durch die Anziehung zu einem ihrer Studenten, beim Lehren besonders ins Zeug liegt? Ist schon die Motivation an sich verwerflich? Ob die Professorin dann nach dieser Anziehung handeln darf oder nicht, ist eine andere Frage, die getrennt behandelt werden sollte.

Einvernehmlichkeit ist wichtig

Für verschiedene Menschen hat Sexualität eine sehr unterschiedliche Funktion. Eine US-Studie aus dem Jahr 2003 hat gezeigt, dass weibliche Arbeitnehmerinnen auf viele Arten und Weisen mit sexuell aufgeladener Kommunikation umgehen. Einige fühlen sich von zweideutigen Situationen bedrängt und eingeschüchtert, andere begreifen ein gewisses Maß an Spannung aber auch als inspirierend, verbindend oder bestärkend. Wichtig ist die Einvernehmlichkeit. Hier scheint großer Diskussionsbedarf zu bestehen; leider erschöpft sich die Diskussion aber oft im (mehr oder weniger empörten) Verweis auf rechtliche Verbote.

Doch das Recht tritt erst auf den Plan, wenn eine Grenze überschritten wurde, und ist insofern nur bedingt geeignet für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen Sexualität. Es formuliert sexuelle Handlungen vor allem negativ, als eine Gefahrenquelle. Es ist äußerst wichtig, dass den Schwächeren in einer hierarchischen Struktur das Recht als Verbündeter zur Seite steht, mit dem sie sich gegen ungewollte Eingriffe wehren können. Wenn eine Studentin die oft demütigende Prozedur einer Anzeige wegen sexueller Belästigung auf sich nimmt, dann sollte das unbedingt ernst genommen werden. Und ein Minirock ist keine Einwilligung.

Eine Tabuisierung macht gar keinen Sinn

Aber das Recht gibt keinen Aufschluss darüber, wie mit weniger schwarz-weißen Situationen umgegangen werden soll - und der Großteil der sexuell aufgeladenen Begebenheiten auf der Universität bewegt sich in einem Graubereich, den das Recht gar nicht zu fassen bekommt. Und womöglich auch nicht zu fassen bekommen sollte.

Eine emotionslose Debatte ist in diesem Bereich sicher sehr schwierig. Dennoch macht eine Tabuisierung keinen Sinn. Die Sexualität ist ein Teil der menschlichen Kommunikation und wird nicht an der Tür zum Hörsaal abgestreift. Einfache Lösungen gibt es bei diesem Thema keine, und dieser Kommentar kann auch keine anbieten - doch es ist wichtig, erst einmal das Problem zu verstehen. Eine weitergehende konstruktive und ehrliche Auseinandersetzung wäre wünschenswert. Abseits von vorgestrigen Klischees, aber auch jenseits überzogener und undifferenzierter Empörung. (Marion Guerrero, derStandard.at, 14.11.2012)

Marion Guerrero ist Juristin und forscht derzeit im Rahmen des Doktoratsprogramms am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz.

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