BBC-Skandal: "Die Geschichte war viel zu gut"

Das Flaggschiff des kritischen Journalismus kommt nicht mehr aus den Schlagzeilen: Nun wird die BBC auch noch wegen der hohen Abfindung für ihren Ex-Chef kritisiert - und auch die Politik mischt sich ein

Die BBC kommt nicht aus der Krise. Nach dem Rücktritt des Generalintendanten George Entwistle rückte am Montag der Vorsitzende des Rundfunkrates, Chris Patten, ins Zentrum der Kritik. Abgeordnete aller Parteien empörten sich im Unterhaus darüber, dass der Rundfunkrat Entwistle für 55 Tage Amtszeit eine Abfindungszahlung von einem Jahresgehalt (562.000 Euro) zugesprochen hat. "Das ist schwer zu rechtfertigen", sagte Kulturministerin Maria Miller. Die finanzpolitische Sprecherin der Labour-Opposition, Rachel Reeves, forderte den zurückgetretenen BBC-Boss auf, das Geld nicht anzunehmen: " Das wäre nicht ehrenwert."

Unterdessen hat Entwistles Interims-Nachfolger die Chefs der Nachrichtenredaktion ausgewechselt (siehe Chronologie) und hartes Durchgreifen versprochen. "Ich werde klare Kontrollen installieren", versprach Tim Davie im eigenen Sender.

Patten, 68, war in den 1990er- Jahren konservatives Kabinettsmitglied und letzter britischer Gouverneur von Hongkong. Derzeit amtiert er als Kanzler der Universität Oxford, gilt als bestens vernetzt und genießt das Vertrauen von Premierminister David Cameron. Wegen seiner glänzenden Karriere auf dem linken, EU-freundlichen Flügel der Partei ist er vielen Parteifreunden ein Dorn im Auge. Sein kompromissloses Eintreten für die BBC hat zudem viele konservative Zeitungen aufgebracht, die ausländischen EU-Feinden wie Rupert Murdoch ("The Times", "The Sun") gehören.

Vertraglich wäre Entwistle nur ein halbes Jahresgehalt zugestanden. Mit der höheren Abfindungssumme sei ein Eingeständnis des Rundfunkrates verbunden, glaubt Medienexperte Steve Hewlett: "Damit sagen sie: Wir tragen Mitschuld, weil wir den falschen Mann in den falschen Job befördert haben."

Demontage eines Denkmals

Die BBC steht wegen ihres im Oktober 2011 verstorbenen Stars Jimmy Savile seit Wochen in der Kritik. Savile soll mehr als 300 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht und vergewaltigt haben. Ein BBC-Produzent seiner Radiosendung in den 1970er-Jahren wurde am Sonntag von der Kripo zu einschlägigen Vorwürfen befragt. Der Mann beteuert seine Unschuld: "Es muss sich um eine Verwechslung handeln."

Ganz gewiss war eine Verwechslung im Spiel, als das BBC-Magazin "Newsnight" vor zehn Tagen einen hochrangigen früheren Politiker der Vergewaltigung von männlichen Jugendlichen beschuldigte. Es stützte sich dabei auf die Erinnerung eines Opfers, obwohl dessen Aussage in den 1990er-Jahren als zweifelhaft eingestuft worden war - und sie zeigten dem Opfer nicht einmal ein Foto des angeblichen Täters. "Die Geschichte war viel zu gut, um sie gründlich zu überprüfen", vermutet der Londoner Bürgermeister Boris Johnson, ein ehemaliger Journalist, dessen Recherchemethoden selbst mehr als einmal ins Zwielicht geraten sind. " Schließlich ging es um einen Tory, einen Lord und dazu noch um einen Vertrauten von Premierministerin Margaret Thatcher." Inzwischen haben sich das Opfer und die BBC bei dem Politiker entschuldigt.

Hochrangige BBC-Leute wie der News-Anchorman David Dimbleby, 74, wiesen erneut auf die Einsparungen der letzten Jahre hin. Dabei seien überproportional Journalisten entlassen worden, die Bürokratie sei hingegen stetig gewachsen. Dimbleby: Mit dieser "Kabale von Managern, die Marketing-Kauderwelsch sprechen", müsse jetzt aufgeräumt werden. (Sebastian Borger, DER STANDARD, 13.11.2012)

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