Selbstverbrennungen überschatten Chinas Parteitag

  • Zur Schau gestellte Macht mit makabrem Anstrich: Mobile Feuerwehrteams 
stehen für den Fall von Selbstverbrennungen am Platz des Himmlischen 
Friedens bereit. 
    foto: standard/erling

    Zur Schau gestellte Macht mit makabrem Anstrich: Mobile Feuerwehrteams stehen für den Fall von Selbstverbrennungen am Platz des Himmlischen Friedens bereit. 

Die KP-Führung tagt seit vergangener Woche in Peking

Peking hat sich auf makabre Weise auf das Schlimmste vorbereitet. Zum Parteitag haben mobile Spezialteams der Feuerwehr Position auf dem Tienanmen-Platz bezogen. Sie bilden die letzte Front der Abwehr, sollte das eintreten, was die Behörden befürchten: Tibeter könnten den Platz des Himm lischen Friedens zum Ort einer spektakulären Selbstverbrennung machen. Die Behörden wollen mit allen Mitteln verhindern, dass Tibeter ein dramatisches Zeichen des Protests gegen Chinas Politik in Tibet und die Unterdrückung ihrer Klöster setzen könnten.

Die Behörden glauben, Anlass für ihre Befürchtungen zu haben: Innerhalb von nur 48 Stunden steckten sich gleich nach Beginn des KP-Parteitages am 8. November mehrere Gläubige in tibetischen Regionen in Sichuan und Qinghai in Brand, während sie die Rückkehr des Dalai Lama forderten. Die erschütternde Serie an Selbstverbrennungen bringt nun die Zahl der Tibeter, darunter auch Mönche, die sich seit 2009 anzündeten, auf 69 Opfer.

Seit vergangenem Freitag sind die Kontrollen auf dem für Besucher geöffneten Tienanmen-Platz nochmals verschärft worden, Touristen müssen lange vor den Sicherheitsschleusen warten.

Auch tibetische Hauptstadt Lhasa in Alarmbereitschaft

Zum ersten Mal bestätigte Lhasas tibetischer Stadt-Parteichef Zizara bei einer Pressekonferenz am Rande des Parteitages, dass auch die tibetische Hauptstadt in ständiger Alarmbereitschaft zur Abwehr der Protestverbrennungen steht. Die Behörden hätten sie mit einem Netzwerk von "Rettungsteams" überzogen, die im Ernstfall innerhalb von zwei Minuten zur Stelle sein können - egal, wo und wann. Es ist ein bizarres Eingeständnis, wie gespannt die Lage zwischen Chinesen und Tibetern auf dem Dach der Welt ist.

Seit Anfang des Jahres muss jeder Tibeter, der aus den Nachbarprovinzen nach Lhasa kommt, Ausweispapiere bei sich haben und mehrere Checkpoints überwinden, sagte Zizara. 90 Prozent der Selbstverbrennungen tiefgläubiger Tibeter hätten sich in den Regionen Qinghai, Gansu oder Sichuan, aber nicht direkt im extrem scharf kontrollierten Lhasa oder anderen Städten des tibetischen Hochlandes ereignet.

Die tibetische Bloggerin Tsering Woeser hat indes jüngst geschrieben, dass Tibeter jetzt auch noch im eigenen Land zu Fremden gemacht werden. Seit 2009 dürfen ausländische Korrespondenten nicht mehr nach Lhasa reisen. Sie sind auf offizielle Nachrichten Chinas oder Berichte der Exiltibeter angewiesen.

"Schuld" soll freilich einzig und allein der Dalai Lama sein. Peking wirft dem im indischen Exil lebenden geistlichen Oberhaupt der Tibeter und "seiner Clique" vor, "Sezessionisten" zu sein und zu den Selbstverbrennungen anzustiften. Sie würden von den Exiltibetern "idealisiert" und die "Opfer als Helden verklärt".

Abgeordneter: Tibeter waren "noch nie so glücklich"

Auch der Vorsitzende des tibetischen Volkskongresses, Xiangba Puncog, der gemeinsam mit Zizara und 26 weiteren Funktionären als tibetische Delegation am Parteitag teilnimmt, schiebt die Schuld an den Selbstverbrennungen dem Ausland in die Schuhe.

Und Zizara erklärte sogar, dass die Tibeter heute so "glücklich wie noch nie leben" und Lhasa seit vier Jahren im innerchinesischen Ranking die "Nummer eins unter den glücklichen Städten" Chinas sei. Zudem häuften sich Selbstverbrennungen und zahlreiche andere Formen von Selbsttötungen auch in den USA und Japan. Hinter den "medialen Übertreibungen" der chinesischen Fälle stünden "üble Absichten".

Keine Untersuchung der Selbstverbrennungen

Die chinesische Regierung erlaubt weder eine öffentliche noch eine unabhängige oder gar internationale Untersuchung der Selbstverbrennungen, die im Februar 2009 mit dem Tod eines Mönches aus dem Kloster Kirti begannen. Er hatte aus Protest gegen die Unterdrückung der Mönche und des Klosters gehandelt.

Inzwischen hat sich auch die UN-Menschenrechtsbeauftragte Navi Pillay hochbesorgt an China gewandt. Am 2. November forderte sie die Pekinger Regierung auf, mit den Tibetern in einen Dialog zu treten. "Soziale Stabilität lässt sich nicht mit scharfen Sicherheitsmaßnahmen und der Unterdrückung von Menschenrechten erzielen." Das Pekinger Außenministerium wies die Intervention brüsk zurück. "Wir sind entschieden gegen diese Erklärung und mit ihr unzufrieden." Pillay solle aufhören, sich in die "inneren Angelegenheiten Chinas einzumischen." (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 13.11.2012)

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