Erster Schultag in der Klasse der Flüchtlinge in Traiskirchen

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  • Klassenpremiere im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen.
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    Klassenpremiere im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen.

  • Wie stark der Wunsch nach Bildung bei vielen der Kinder und Jugendlichen ist, vermittelt das Gemälde eines 15-jährigen unbegleiteten Flüchtlings aus Afghanistan.
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    Wie stark der Wunsch nach Bildung bei vielen der Kinder und Jugendlichen ist, vermittelt das Gemälde eines 15-jährigen unbegleiteten Flüchtlings aus Afghanistan.

Im Flüchtlingslager Traiskirchen war Anfang November Schulbeginn. Lehrerinnen und Helferinnen versuchen, rund 50 Volks- und Hauptschülern nach Monaten auf der Flucht ein wenig Normalität zu vermitteln - aber leider nur einer Minderheit

Traiskirchen - Buntbemalte Wände, niedrige Sessel und Bänke, zwei Dutzend aufgeregte Kinder und jede Menge Schultüten: Rein optisch unterscheidet sich der erste Schultag im Flüchtlingslager Traiskirchen in Nichts von derartigen Tagen anderswo.

Und dennoch ist hier vieles anders: "Jetzt heben wir alle die Hände!", fordert Sozialarbeiterin Ina (Name geändert) von der in Traiskirchen beauftragten Betreuungsfirma ORS die Schüler für die Fotografen auch. Erst auf Deutsch, dann auf Russisch, dann auf Dari: In dieser Volksschulklasse sitzen Buben und Mädchen aus Tschetschenien und Afghanistan, die auf Deutsch derzeit gerade eben die Farben benennen können.

Für viele von diesen Kindern sei der am Montag gestartete, von drei Traiskirchener Pädagoginnen und Helferinnen bestrittene, Unterricht "das erste Mal seit einem Jahr oder länger, dass sie eine Schule von innen sehen. Für viele ist es überhaupt das erste Mal", sagt Franz Schabhüttl, Leiter der Erstaufnahmestelle Traiskirchen. Dazwischen hätten die Sechs- bis Zehnjährigen monatelang im Ausnahmezustand gelebt, mit ihren Eltern auf der Flucht durch die halbe Welt.

Ein wenig Normalität vermitteln

Das Lernen und Beisammensein im Klassenverband, werktags jeweils von acht bis elf Uhr, sei geeignet, den Kindern ein wenig Normalität zu vermitteln, hofft Schabhüttl. Doch das gilt unter den Minderjährigen in Traiskirchen nur für relativ wenige.

Tatsächlich besuchen nur rund 50 der Unter-15-Jährigen auf freiwilliger Basis die insgesamt drei dislozierten Volks- und Neue-Mittelschulklassen im Lager: Laut Rechtsmeinung des Innenministeriums gilt die Unterrichtspflicht für Flüchtlingskinder erst nach sechs Monaten - während man im Unterrichtsministerium von einem Recht auf Schulbesuch schon nach wenigen Tagen in Österreich ausgeht.

Für die vielen anderen Minderjährigen hingegen, die in den großteils renovierten Gebäuden auf dem ehemaligen Kasernengelände leben, sind die Betreuungsangebote nach wie vor wenig üppig. Da gibt es etwa Haus 24, ein Holzbau mit Ausschank, in dem an sich nur Frauen und Kinder tagsüber betreut werden sollten. Doch um einen Tisch sitzen acht junge Burschen von etwa 17 Jahren und bemalen die abgeschnittenen unteren Hälften von Einliterplastikflaschen mit bunten Fantasiesymbolen.

"Wir basteln Laternen für einen Umzug im Lager", erklärt eine Betreuerin. Die Burschen, unbegleitete Minderjährige aus Afghanistan, dürften mitmachen, "so lange sie sich gut benehmen".

Hier findet mancher sogar den Freiraum, um seine Talente zu entdecken: So Zaker, ein 15-jähriger unbegleiteter Afghane, der beeindruckende Bilder malt, etwa über seine Sehnsucht nach Schule und Dazugehören (siehe Fotos).

Doch fest steht, dass Zaker und ein Großteil der anderen 547 unbegleiteten unter 18-Jährigen, die am Montag in Traiskirchen lebten, eigentlich nicht hier sein sollten - sondern in Länderbetreuung. Doch Wohnplätze in ausreichender Zahl sind drei Wochen nach der Platzzusage der Länder beim Asylgipfel weiterhin nicht in Sicht.

Länder setzen auf Zeit

Auch nicht für die zum Asylverfahren Zugelassenen unter den 974 erwachsenen Flüchtlingen in Traiskirchen: "Hier rächt sich, dass Asylwerber über Jahre nur mit Kriminalität in Verbindung gebracht wurden. Jetzt sperrt sich jeder Bürgermeister", erklärt dies Andreas Babler, Leiter des Traiskirchner Bürgermeisteramts. Die Suche nach Unterkünften gelang laut internen Informationen auch beim Treffen des Grundversorgungskoordinationsrats Montagnachmittag nicht. Die Länder forderten mehr Zeit fürs Vorbereiten. (Irene Brickner, DER STANDARD, 13.11.2012)

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