Drive Style: Abgefahren in Kasachstan

Fotoreportage14. November 2012, 13:36
27 Postings

Sowjetische Kaleschen und ein goldener Benz: Sorgfältig restauriertes Altmetall ist in Zentralasien als Trend angekommen. Der Fotograf Maxim Shatrov hat die Szene dokumentiert

Kasachstan: Unendliche Weiten. Rustikale Fußballer. Problematische Politik. Seit ewig gibt Nursultan Nasarbajew den autokratisch herrschenden Staatschef dieser in Zentralasien gelegenen Demokratur. Der Reichtum des Landes ist nicht wirklich gleichmäßig verteilt: Obwohl Öl und Erdgas sprudeln, beträgt das monatliche Durchschnittseinkommen gerade einmal 622 Euro.

Dennoch ist das Wort des selbst ernannten "Führers der Nation" Gesetz - so auch der Erlass des Meisters, gegen Besitzer ungewaschener Autos vorzugehen. Nasarbajew gedachte so vor einem halben Jahr der hohen Kriminalitätsrate in der Hauptstadt Astana beizukommen. Prompt wurden bei einer einzigen Polizeiaktion mehr als tausend Fahrer mit je 41 Euro Bußgeld abgestraft, weil ihre Fahrzeuge gegen das neue Sauberkeitsedikt des Präsidenten verstießen.

Von GAZ bis Moskwitsch

Die Motive des kasachischen Fotografen Maxim Shatrov hat dieser Aktionismus wohl weniger betroffen. Schließlich rangieren diese Automobile im Rang liebevoll gepflegter Preziosen. Dazu zählen weder gepanzerte Range Rovers noch aufgepimpte BMWs, sondern mehr oder wenig aufwendig restaurierte Retro-Ware mit Baujahren deutlich vor dem Zusammenbruch der UdSSR. Begehrt in der feinen, kleinen Szene sind sowjetische Marken wie GAZ, Lada und Moskwitsch, aber auch ausgewählte West-Importe. Ein Trend, der zurzeit auch in Russland Blüten treibt.

Seit einigen Jahren trägt Maxim Shatrov, mittlerweile wohnhaft in Dubai und eigentlich auf Sport-, Landschafts- und Architekturfotografie spezialisiert, diese Schmuckstücke und ihre Besitzer zusammen. Hier eine kleine Auswahl:

Mukhtar setzt auf "Made in Germany" und ein mondänes Mercedes 280 SE Coupé. Der Wagen hat eine erstaunliche Reise hinter sich. Als US-Version in die Vereinigten Staaten verschifft, wurde der Klassiker später nach Japan verkauft. Dort griff ein Kasache zu und verfrachtete das 160-PS-Coupé nach Pawlodar.

1

In der Industriemetropole im Norden des Landes sollte der Benz bei Hochzeiten und Firmenevents zum Einsatz kommen. Die Idee floppte - doch dann kam Mukhtar, verliebte sich in das Coupé und griff zu. 30.000 US-Dollar löhnte der Geschäftsmann für die neue Liebe.

2

Simbek wuchs weitab der Zivilisation in einem Aul auf, einem in der kasachischen Steppe gelegenen Dorf. Nach dem Dienst in der Armee wurde er Fahrer in seinem Heimatort. Damals restaurierte er seinen ersten Wagen, einen Schiguli aus dem Jahr 1974. Bei uns ist die Marke besser als Lada 1200 bekannt.

3

Nach dem Zusammenbruch der UdSSR vernarrte er sich in einen GAZ M 21. In Sowjetzeiten war diese Limousine meist Staatsbeamten und hoch dekorierten Veteranen vorbehalten. Simbek investierte 15.000 US-Dollar in die Renovierung. Die laufenden Kosten dürften eher nachrangig sein: Dem auch "Wolga" genannten Wagen wird ein enormer Spritverbrauch nachgesagt. Dafür nimmt der Motor alles, was Benzin zumindest ähnelt.

4

Simbeks Großvater kam übrigens mit diesem GAZ M1, Baujahr 1937, aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Doch die miserablen Straßen in und um Simbeks Aul machten den Wagen zu einem selten ausgefahrenen Schaustück. Bis vor sieben Jahren witterte die Limousine in Großvaters Garten vor sich hin, bis sich der Kasache an die Restaurierung wagte. Ein aufwendiges Projekt: Ersatzteile waren Mangelware, insgesamt steckte der Autonarr 35.000 US-Dollar in die Instandsetzung. Der M1, im Volksmund "Emka" genannte, war die erste Eigenentwicklung von GAZ, zuvor baute man in Lizenz diverse Fords des amerikanischen Klassenfeinds.

5

Andrei erwarb vor zwölf Jahren einen Schrotthaufen, genauer die Überreste eines Moskwitsch.

6

12.000 Dollar später war die Anschaffung wieder als Auto erkennbar, und zwar als sehr exaltiert aufgepimpter Moskwitsch M 401, Baujahr 1946. Der Originalzustand der Opel-Kadett-Kopie ist zwar nur noch schemenhaft erkennbar, aber nun passt der Wagen zu den Augen seines Besitzers.

7

Pawel hingegen geht es dezenter an. Vor zehn Jahren schaffte er sich diesen ZAZ 965A an. Die ukrainische "Saporisky Awtomobilebudiwny Sawod" hielt das Fiat-600-Plagiat Jahrzehnte im Programm. In Österreich wurde der frugale Russe in den 1960ern unter dem schönen Namen "Eliette" angeboten.

8

Pawels Modell aus dem Jahr 1965 hat drei Jahre Restaurierung hinter sich und steht nun zum Verkauf.

9

Anonym ist der Besitzer dieses GAZ 13, besser bekannt als "Tschaika". Der Bonze unter den Genossen erfreute ab 1959 Partei als auch Günstlinge, das Proletariat durfte die Freude von außen teilen. Bis Ende der 1970er lief das V8-Schwermetall vom Band.

10

1978 gab's einen Nachfolger, von dem sich unser Sammler ebenfalls einen in die Garage gestellt hat. Der Mann bewies Geschäftssinn: Als er die Wagen Anfang der 1990er kaufte, waren sie ein Schnäppchen, heute werden für gut erhaltene Tschaikas der ersten Serie 50.000 Euro aufwärts verlangt.

11

Noch am Anfang seiner Edelmetall-Karriere steht hingegen dieser junge Mann. Gleb träumte seit Jahren von einem VAZ 2101 "Schiguli" der ersten Baureihe. Vor einem Jahr kaufte der Kasache einem behinderten Mann den Traumwagen für 1.500 US-Dollar ab. Trotz seines Alters (Baujahr 1973) hatte das senffarbene Gerät erst 60.000 Kilometer auf der Uhr. 600 Dollar investierte der Neo-Besitzer in eine Motor-Überholung und einen Satz Weißwand-Reifen.

12

Nun fährt Gleb einen sowjetischen Lowrider. "Nur der Teufel lebt ohne Träume", weiß ein kasachisches Sprichwort. Eben. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 14.11.2012)

Link

Maxim Shatrov

13
Share if you care.