"Die Ermittlungen sind mörderisch"

Interview

Wettbetrüger-Jäger Rudolf Stinner über Grenzen der polizeilichen Ermittlung, den Kampf um Wettmärkte und ein Rapid-Spiel

ballesterer: Seit wann beschäftigen Sie sich mit Spielmanipulationen?

Rudolf Stinner: Zum ersten Mal ist mir das Thema 2005 in der Sondereinheit für organisierte Kriminalität des Landeskriminalamts Steiermark untergekommen. Damals hat es erste Hinweise gegeben, dass in Südosteuropa manipuliert wird. Plötzlich ist dieser Fall mit Sturm Graz durch Ermittlungen der Frankfurter Behörden in unsere Hände gekommen. Den habe ich übernommen.

Ist bei dem Fall etwas herausgekommen?

Stinner: Es war sehr schwierig zu vermitteln, was sich da abgespielt hat; dass man schon lange nicht mehr nur auf Sieg, Niederlage oder Remis setzt. Da kann der Favorit gewinnen, und trotzdem hat er geschoben, weil er statt drei Toren nur zwei erzielt hat oder weil er jemandem die Wette auf ein Unentschieden zur Pause ermöglicht.

Aber es gibt doch ein Urteil aus Frankfurt.

Stinner: Da steht in etwa drin: »Dragan Antic hat Petrovic und Filipovic Geld übergeben, damit diese das und das machen.« Das heißt noch lange nicht, dass das in Österreich auch so gesehen wird.

Hat sich das Frankfurter Gericht geirrt?

Stinner: Meines Wissens gibt es laufende Ermittlungen in Österreich, das werden sie dann schon herausfinden. Dragan Antic ist übrigens kürzlich im Zusammenhang mit dem aktuellen Skandal in Italien wieder aufgetaucht.

Warum gibt es so wenige aufgeklärte Fälle?

Stinner: Stellen Sie sich einmal vor: Auf einem Fußballplatz in Österreich macht einer etwas, was er nicht tun sollte, und bekommt dafür Geld. Mit 90-prozentiger Sicherheit kann man davon ausgehen, dass der Auftraggeber nicht in Österreich sitzt. Und der Geldgeber sitzt überhaupt ganz woanders. Aus meiner Zeit bei der Polizei kann ich Ihnen sagen: Diese Ermittlungen sind mörderisch.

Was macht die Ermittlungen so schwierig?

Stinner: Da kommt zum Beispiel jemand mit einem Quotenverlauf von einem dieser unzähligen Frühwarnsysteme und meint, das müsste eine Manipulation sein. Was soll ein Staatsanwalt damit machen? Der kann maximal zu einer Polizeibehörde gehen und sagen: »Fragt die Spieler des Vereins, ob sie manipuliert haben.« Die werden sagen: »Nein, haben wir nicht.« Und dann? Nur wegen eines ungewöhnlichen Quotenverlaufs bekommen Sie keinen Gerichtsbeschluss für eine Telefonüberwachung oder Hausdurchsuchung.

Welche Rolle können Quotenüberwachungssysteme dann spielen?

Stinner: Sie können das nur als zusätzliches Werkzeug verwenden. Für weitere effiziente Ermittlungen brauchen Sie Hintergrundinformationen. Kein einziges der in Bochum verdächtigten Spiele ist von einem Frühwarnsystem angezeigt worden - da muss ich nicht mehr viel dazu erklären. Es gibt Methoden, mit denen Betrüger diese Systeme umgehen.

Indem sie zur Ablenkung parallel auf nicht manipulierte Spiele wetten?

Stinner: Ich kann Ihnen das nicht öffentlich im Detail sagen, ich will ja keine Anleitung zum Betrug geben.

Welche Rolle spielt Asien beim internationalen Wettbetrug? Stimmt es, dass der ostasiatische Sport so stark an Glaubwürdigkeit verloren hat, dass die großen asiatischen Wettanbieter jetzt nach Europa schauen und dort auch Manipulationen verbreiten?

Stinner: Das ist eine gewagte These. Das klassische Wettland ist natürlich England. Die europäischen Wettanbieter matchen sich mit den asiatischen darum, wer der Gute und wer der Böse ist. Das hat ökonomische Gründe: Die Asiaten drängen auf den europäischen Markt, und die Europäer sehen sich gefährdet. Meine letzten Informationen sind, dass ein großes Unternehmen am asiatischen Markt an einem Wochenende acht bis zehn Milliarden Dollar umsetzt. Dort hängt der Gewinn hauptsächlich vom Umsatz ab, in Europa mehr vom Ergebnis. Wenn Sie hier bei einem Wettanbieter immer gewinnen, fliegen Sie als Kunde bald hinaus, in Asien passiert das nicht. Deshalb ist es den asiatischen Anbietern auch relativ egal, wie die Spiele ausgehen.

Die brauchen dann auch keine Quotenüberwachungssysteme?

Stinner: Nein, die haben die Wettverläufe ja auch selbst in der Hand. Die haben auch Wettvermittler, die sie mit Informationen versorgen. In Europa hat niemand so weitreichende Informationen wie die großen Anbieter in Asien. FIFA und UEFA versuchen, dort an Informationen zu kommen. Aber sie kriegen nur ab und zu einen Happen, weil die ja ihre Kunden bloßstellen würden. Die großen asiatischen Anbieter sind jedenfalls nicht die Bösen. Gefährlich und anfällig für manipulierte Wetten sind die illegalen Vermittler, die sich online mit Telefon- und No-Limit-Wetten breitmachen. Auch die sind nicht alle korrupt, aber man muss schon überlegen: Wie kann ein Anbieter ohne Limit überleben? Den kann man ja mit einer gewonnenen Wette ruinieren.

Wie werden Sie als Ermittler auf mögliche Manipulationen aufmerksam?

Stinner: Durch das systematische Erfassen meiner Informationen in Datenbanken weiß ich, wo gewisse Spieler spielen, wie bestimmte Vereine zuletzt gespielt haben. Dann kann es passieren, dass ein Quotenverlauf für ein Spiel auffällig ist. Die besten Informationen sind die, die mir direkt zugetragen werden. Vor einigen Monaten hat mich ein Informant am Vortag eines Europa-League-Qualifikationsspiels angerufen und gesagt: »Schau dir morgen dieses Spiel an. Ich war gestern an dem Ort XY, dort ist gesagt worden, dass das Spiel x:y ausgeht, weil Gelder geflossen sind.« Dann habe ich mir den Quotenverlauf angeschaut, die Historie der involvierten Spieler und Vereine. Das war insgesamt verdächtig.

Wie ist das Spiel ausgegangen?

Stinner: So, wie es mir der Informant angekündigt hat. Sehr spektakulärer Spielverlauf.

Und was passiert dann? Gehen Sie zur Polizei?

Stinner: Nichts passiert. Zu welcher Polizei soll ich denn gehen? Zu der in dem Land, in dem das Spiel stattgefunden hat? Wer zahlt mir dann meine entstandenen Kosten?

Was würde passieren, wenn Sie sich an die Polizei bei Ihnen in Graz wenden würden?

Stinner: Nichts. Der Tatort ist im Ausland, die Täter sind Ausländer. Unter Umständen wird so eine Meldung gar nicht entgegengenommen und man wird in das Tatortland verwiesen. Das höchste der Gefühle wäre eine Meldung des Grazer Inspektors über den Vorfall, die könnte bis zum Bundeskriminalamt gehen. Wenn das passiert, könnte das BKA über Interpol eine Meldung an dieses Land machen. Eventuell würde dieses Land die Meldung behandeln, aber höchstwahrscheinlich würde nichts passieren.

Seit einigen Monaten gibt es eine spezielle E-Mail-Adresse des Innenministeriums für Hinweisgeber. Eigentlich könnten Sie in solchen Fällen einfach E-Mails verschicken. Würde das auch nichts bewirken?

Stinner: Weiß ich nicht, ich habe das noch nie gemacht.

Sie könnten es einmal probieren.

Stinner: Ja, aber dann müsste ich dort dauernd E-Mails hinschicken. Ich habe schon Zweifel, dass das irgendetwas bringt. Vor allem bei Dingen, die im Ausland passieren. Aber natürlich: Wenn die BMI-Sondereinheit von mir etwas wissen will, dann werde ich ihr wahrscheinlich weiterhelfen.

Hat noch niemand nachgefragt?

Stinner: Ich glaube, dass die österreichische Polizei die Möglichkeit hätte, gewisse Dinge zu wissen und zu bearbeiten. Nachdem mir jemand von der Polizei an höherer Stelle gesagt hat, dass die Bekämpfung des Wettbetrugs in Österreich in sehr guten Händen ist, glaube ich, dass sie nicht auf mich angewiesen ist. Mich hat in den letzten zwei Jahren noch nie eine behördliche Stelle in Österreich angerufen. Das zeigt mir: Es ist in Österreich alles in besten Händen, sie brauchen mich nicht. Mit ausländischen Behörden gibt es dagegen sehr gute Kontakte.

Drei mögliche Schlussfolgerungen: Man nimmt das so hin, weil das Ausmaß an Manipulationen noch erträglich ist und die verstärkte Bekämpfung zu teuer wäre. Oder, zweite Möglichkeit: Die Exekutive müsste aktiver werden. Oder: Die Politik muss sich stärker engagieren und viel mehr Mittel beisteuern.

Stinner: Meine Schlussfolgerung ist eine andere: Alle Institutionen, die mit dem Thema befasst sind, müssten sich vernetzen. Ich glaube, dass momentan noch zu viele Institutionen gegeneinander beziehungsweise nebeneinander arbeiten. Eine ganz wesentliche Stelle wäre für mich Europol, das in seinem Wirkungsbereich schon Waffen gegen Manipulationen im Sport hätte.

Welche Rolle können Private wie Sie spielen?

Stinner: Eine Behörde ist an Vorschriften, Staatsgrenzen, juristische Formalitäten gebunden. Ich habe da eine ganz andere Bewegungsfreiheit. Wenn ich heute eine Information aus Skopje, Istanbul oder Singapur bekomme, dann wird man mit E-Mails nicht weiterkommen, weil die Leute diese Kommunikationsform in heiklen Angelegenheiten scheuen. Welche Behörde kann morgen jemanden in ein Flugzeug setzen und außer Landes weiterrecherchieren? Ein Privater tut sich da leichter.

Welche Beweismöglichkeiten gibt es bei Manipulationen überhaupt? Ob ein Spieler einen Fehler absichtlich gemacht hat, weiß ja nur er selbst mit Sicherheit. Was können Ermittler außer Geständnissen noch in die Hand bekommen?

Stinner: Sie fragen nach Sachbeweisen. Im Bochumer Fall gab es Sachbeweise in Form von Kontenverdichtungen. Da mussten per Gerichtsbeschluss Konten geöffnet werden. Die Tatsache, dass eine Person einem Spieler oder Schiedsrichter Geld überwiesen hat, kann schon ein Beweis sein. Ansonsten hat man aber mit Sachbeweisen in diesem Bereich eher Pech.

Worauf kann man sich am ehesten verlassen?

Stinner: Telefonüberwachungen spielen natürlich eine Rolle. Die Erfahrung zeigt allerdings, jetzt auch wieder beim aktuellen italienischen Fall, dass die Leute nicht mehr so klar reden. Da wird sehr oft symbolhaft gesprochen.

Sie bringen als Beispiel für Spielmanipulationen immer wieder das Europa-League-Qualifikationsspiel zwischen Rapid und dem albanischen Verein Vllaznia Shkoder. Wie sind Sie darauf gekommen, dass da geschoben wurde?

Stinner: Da ist eine Information von dritter Seite gekommen, dass etwas gelaufen sein soll. Und dann hat sich noch ein albanischer Wettbürobesitzer an mich gewendet.

Weil er sich als Geschädigter gefühlt hat?

Stinner: Ja, so in der Art. Der musste dann ja auszahlen. Der hat nähere Hinweise geliefert, und dann habe ich mich mit dem Spiel beschäftigt. Gleichzeitig waren die Bochumer Ergebnisse bekannt, wo Beteiligte über dieses Spiel ausgesagt haben, dass sie auf ein Zeichen gewartet haben. Und das passt zu meiner Beobachtung mit der Flasche - die liegt zuerst wie üblich am äußersten Rand im Tornetz und nach über 60 Minuten auf einmal mitten im Tor. Zwei Minuten später geht es los: Der Tormann springt auf die Seite, die Verteidiger rutschen daneben, sind zu langsam - vier Tore.

Macht man sich solche Zeichen auch aus, damit man nicht durch zu frühes Manipulieren und Wetten die Quote beeinflusst und Nachahmer findet?

Stinner: Es könnte so sein, das habe ich aber noch nie erlebt. Ich habe erlebt, dass die Betrüger die Quote beobachten und dann reagieren, wenn sie günstig ist. Da gab es diesen Fall, vielleicht den allerersten, mit dem ich konfrontiert war: Panionios Athen gegen Dynamo Tiflis in Griechenland. Aus einem 0:1 ist ein 5:2 geworden, der gesamte Spielverlauf war ausgemacht. Am nächsten Tag waren alle Wettbüros in Griechenland zu, weil sie bankrott gewesen wären. Inzwischen werden den Spielern in vielen Ligen Handys in der Kabine abgenommen, damit nicht mehr so leicht manipuliert werden kann. Interessant ist zu diesem Spiel auch, dass Jahre später zwei Spieler von Tiflis, die damals dabei waren, von einem österreichischen Bundesliga-Verein verpflichtet worden sind, bei dem sie allerdings jetzt auch nicht mehr sind. Wenn ich damals gefragt worden wäre, hätte ich dem Verein diese Verpflichtungen nicht empfohlen.

Wäre es naiv anzunehmen, dass die österreichische Bundesliga heute manipulationsfrei ist?

Stinner: Ja, das wäre naiv. Das passiert aber eher in der zweiten Spielstufe. In Kroatien sind zuletzt wieder Spieler verurteilt worden, die früher in unseren Regionalligen gespielt haben. (Klaus Federmair, 13.11.2012 )

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