Charles Stross spekuliert über die Welt in 500 Jahren

17. November 2012, 16:51
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    coverfoto: heyne

Vom Verschwinden der heutigen Nationalstaaten bis zum dauerhaften Erfolg des Feminismus

Der britische SF-Autor Charles Stross bekennt sich - wie im übrigen die meisten seiner Kollegen - dazu, für seine Romane entweder Szenarien aus der unmittelbaren oder einer sehr weit entfernten Zukunft zu bevorzugen. Für erstere braucht man nur sein Ohr am Puls der Zeit zu haben und gegenwärtige Trends ein oder zwei Schritte weiterzuschreiben (wie in Stross' Roman "Du bist tot"), für letztere hat man mehr oder weniger die totale Freiheit.

Schwierig ist das Dazwischen, die mittlere Zukunft. Nachdem Stross in seinem Blog "Charlie's Diary" bereits nicht-literarische Spekulationen über die Welt in 30 bzw. 80 Jahren angestellt hatte, wagte er sich zuletzt auch auf dieses Gelände. Unvorhersehbare einschneidende Veränderungen bleiben in seinem Szenario 2512 ausgespart - auch etwaige technologische Singulariäten, wie er sie in seinen Erfolgsromanen "Accelerando" oder "Singularität" schon selbst entworfen hatte.

Statt dessen versucht Stross eine lineare Entwicklung weiterzuschreiben - was schwierig genug ist, wenn man auf der Zeitskala einen ebenso langen Zeitraum zurückgeht und sich ansieht, wie wenige Institutionen von 1512 bis heute überdauert haben. Mit ein Grund wohl, warum Stross eher daran glaubt, dass es 2512 noch das japanische Kaiserhaus gibt, als dass Staaten wie die USA, Großbritannien und China dann noch existieren würden. Klimawandelbedingte Veränderungen im Lebensraum würden sich auf die geopolitische Aufteilung der Welt auswirken - und überhaupt sei der Nationalstaat ein Konzept des 19. Jahrhunderts und werde schon den heutigen Gegebenheiten einer global vernetzten Welt nicht mehr gerecht.

Der bereits in zahlreichen Postings kommentierte Blogeintrag dreht sich weiters um den Einsatz von Biotechnologie, um mit den Folgen einer massiven Klimaerwärmung fertig zu werden (in Sachen menschliche Vernunft und Abkehr von fossilen Brennstoffen ist Stross mehr als skeptisch). Doch nicht nur die Pflanzenwelt der Zukunft würde heutigen Betrachtern exotisch erscheinen, ganz generell wäre die Welt von 2512 laut Stross kaum noch wiederzuerkennen. Und das, obwohl Stross auf wilde Spekulationen - seien es der Kontakt mit Aliens, Singularitäten und ähnliches SF-Inventar - komplett verzichtet.

Bliebe aus unserer Gegenwart also gar nichts erhalten? Zumindest eines doch, glaubt Stross und nennt ein wenig überraschend den Feminismus: Solange der demografische Übergang (von hohen zu niedrigen Geburts- und Todesraten) nicht durch irgendwelche Katastrophen rückgängig gemacht werde, sei die gesellschaftliche Entwicklung zur Gleichstellung von Mann und Frau ein historischer "one-way shift" wie einst in der Jungsteinzeit der Übergang von Jäger-Sammler-Gesellschaften zur Landwirtschaft.

--> Charlie's Diary: "2512"

(red, derStandard.at, 17. 11. 2012)

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November 2512

- GRE bekommt ein weiteres Rettungspaket von 5000 Mrd. Euro und das Ziel auferlegt, die Verschuldung bis 2520 auf 1032% der Wirtschaftsleistung zu senken.

- Der Semmering fällt nach 28 gescheiterten Basistunnelbohrungen in sich zusammen.

- Noriaki Kasai hängt noch eine Saison an.

- die Arbeitgeber erwarten ein Abschwächen der Konjunktur, weshalb Lohnerhöhungen über 2% für heuer leider nicht drin sind.

- Da im 2513 zwei Feiertage auf einen Samstag fallen, beginnt das Weihnachtsgeschäft schon im März.

- Der Jackpot bei Schlag den Raab liegt bei 3004 Millionen €.

- Gerüchten zufolge kommt das iPhone 466 im September.

- Neben einem Blogeintrag von Fr. Brickner ist zu erfahren, dass sie 2012 den Renner-Publizistikpreis gewonnen hat

und Greechenland bekommt seine letzte Tranche von Hilfzahlungen.

... letzte, weil den Deutschen geht es auch nicht mehr gut.

eines haben sie vergessen:

auf standard.at ist auch noch im november 2512 zu lesen, dass die unternehmen hääänderiingendd nach it-fachkräften suchen!

aber HÄÄNDERINGENDD!!!!!

Der menschlichen Entwicklung sind Grenzen gesetzt. Alles Weitere sind nicht wir.

Who we are is but a stepping stone to what we can become.

In 500 Jahren wird die Justiz noch immer versuchen KHG was anzuhängen, wenn auch möglicherweise posthum.

Diese Umfrage find ich interessant

http://physics.ucsd.edu/do-the-ma... hysicists/

Physik-Studenten, Absolventen und Lehrkörper befragt über 20 Zukunftsthemen.

vielen, vielen dank!

ganz toller blog!

super link! danke!

Danke,

Das war einer der interessantesten Links denen ich seit langen gefolgt bin. Danke!

im jahr 1400

hätte niemand auch nur annähernd prognostizieren oder auch nur halbwegs ahnen können wie die welt im jahr 1900 aussieht.

das ist das wesen von science fiction ;-)

Im Buch Die Welt in 100 Jahren ...

von Arthur Brehmer können sie nachlesen, wie sich die Leute vor 100 Jahren die Gegenwart vorgestellt haben.

Das ist ein sehr interessantes Buch

Bertha von Suttners Vision des quasi- Weltfriedens ausgelöst durch die gegenseitige Angst vor Massenvernichtungswaffen ist erstaunlich nahe an der heutigen Realität und dann gibt es noch einen Autor, der bis ins kleinste Detail Internet(shopping) und Smartphones voraussieht.

Wenn man noch mehr drüber wissen will wie sich vergangene Generationen die Zukunft vorgestellt haben, kann man mal einen Blick auf die Seite von Popular Science machen, die haben nämlich ihr 140 Jahre umfassendes Archiv freigegeben.
http://www.popsci.com/archives

Ich habe nichts gegen die Frauenbewegung - solange sie Rhythmisch ist!

Über sowas zu meditieren hat keinen Sinn.

Es genügt eine epochale Endtdeckun in Biologie, Chemie der in Physik, und die ganze Welt geht in eine unvorhersehbare Entwicklung.
Auch die Philosophen sollten mit den Problemen
von heute und der nahen Zukunft (10-50 Jahre) beschäftigen. Geld für Prognosen, "wie die Welt in 500 Jahren ausschaut" auszugeben ist Verschwendung. Träumen soll man auf eigene Kosten tun.

Unsinn. Science fiction kann auch rückblickend sehr interessant sein.

Sie sagt natürlich immer mehr über die jeweilige Zeit aus, in der sie geschrieben wurde. Aber das ist ja das spannende daran.

ich schätze mal

Da bin ich nicht mehr

In 500 Jahren wird die FPÖ

gegen Ansiedlung von Außerirdischen auf der Erde agitieren.

In 500 Jahren werden MacBooks Pro doppel so schnell, 10 mal so groß, und so teuer sein, das nur die zehn reichten Könige von Euro sich einen leiten können!

Also bei Android hät' ich am ehesten eine Verbindung mit Sciencefiction - so auf die Art
"... Sch...e! Der Reparaturdroide am Bug meines Raumgleiters ist wiedermal ausgefallen ..."

:)

Da scheint die Einordnung von Apple Artikeln in den Innovationsbereich bei Ihnen gegriffen zu haben wenn sie bei Science Fiction gleich mit Apple anfangen. Ohje...

In 500 Jahren

wird noch immer über die Abschaffung der Wehrpflicht diskutiert. Zum 20sten mal!

In 500 Jahren werden Archäologen anfangen, in Gorleben zu buddeln, nachdem sie dort eine Tafel mit seltsamen Schriftzeichen entdeckt haben.

in 500 jahren

gibt die övp ihre blockadepolitik auf und stimmt einem regional begrenzten 20-jährigem schulversuch zur gesamtschule zu.

ok - ich gebs zu. ich bin optimist. :-)

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