Universitäre Lehre: Opfer zwischen Exzellenz und Bürokratismus?

Blog |
  • Günter Trettenhahn ist Assistenzprofessor am Institut für Physikalische 
Chemie der Universität Wien.
    foto: privat

    Günter Trettenhahn ist Assistenzprofessor am Institut für Physikalische Chemie der Universität Wien.

Die Lehre muss endlich dieselbe Bedeutung erhalten wie die Forschungsleistung

Die Lehre ist eine der Hauptaufgaben der Universitäten. Ihr wesentliches Merkmal ist, dass sie von Menschen getragen wird - Lehre von Menschen für Menschen - und nicht von "einem System". Universitäre Lehre gibt es in vielen Qualitäten: hervorragend, zeitgemäß, interessant, motivierend und so weiter bis ans andere Ende der Skala. Leider zu oft am anderen Ende der Skala.

Jede/r wird diese oder ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Da stellt sich zwangsläufig die Frage, warum das so ist. War das immer so? Wird das so bleiben? Kann man das ändern, gar verbessern? Warum tut dann das eigentlich keiner?

Opfer der Exzellenz?

Haken wir beim Stellenwert der Lehre im gegenwärtigen Universitätsbetrieb ein. Formal wird diese auf die gleiche Stufe mit der Forschung gestellt (und heute auch mit dem damit einhergehenden Einwerben von sogenannten Forschungsdrittmitteln, kurz: Geld) und soll eine Art Kenngröße für alle forschenden und lehrenden HochschulwissenschaftlerInnen ergeben. Hört sich ja gar nicht so schlecht an!

In der harten Realität des Universitätsalltags ist das allerdings schnell relativiert: Im Schatten der Implementierung des UG 2002 und unter dem Diktat von neuer "Exzellenz" haben die heimischen Universitäten ihren hoffnungsvollen Weg zu Eliteuniversitäten im Kontext des europäischen Hochschulraumes eingeschlagen, und Exzellenz beziehungsweise Elite, so glaubt man hierzulande vielfach, sind ausschließlich an den Forschungsleistungen zu messen.

Und tatsächlich: Impaktfaktoren und eingeworbene Forschungsdrittmittel sind verglichen mit der Lehrleistung sehr einfach zu berechnen, da genügen die Grundrechnungsarten. So verwundert es nicht, wenn Neo-ProfessorInnen mitunter um verringerte Lehrdeputate verhandeln - und diese auch bekommen -, damit sie ihre Zeit nicht verschwenden müssen, sondern mehr Forschungsleistung erbringen können. Daran misst sich dann ja auch die Exzellenz der gesamten Universität, so der offensichtliche Schluss der Universitätsleitungen. Doch wer trägt dann die Lehre?

Perspektiven der Evaluierung

Berechnung der Lehrleistung ist schwieriger. Aber es gibt einen Ausweg: Wir evaluieren die Lehre, denn beim Evaluieren haben wir wiederholt viel Erfahrung gemacht. Das mag ja zweifellos stimmen - die Erfahrungen im Evaluieren sind vorhanden. Beim Umgang mit den Evaluierungsergebnissen sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Zumal hier eine knifflige Frage dazukommt: Wer darf, kann, soll, muss denn die Lehrleistung prüfen beziehungsweise messen? Die Kollegenschaft, die oft fast hoffnungslos in kurialen Strukturen gefangen ist? Die Studierenden! Diese beurteilen in mehr oder weniger regelmäßigen größeren Abständen von einigen Semestern mittels anonymer und maschinell auswertbarer Fragebögen auf zwei Seiten die/den Lehrende/n, den Inhalt, die Qualität der Präsentation, die Räumlichkeiten und so weiter.

Das Ergebnis bekommt die/der Lehrende und der/die Studienprogrammleiter/in. Jetzt aber beginnt das Karussell der Beratungen, Besprechungen, Verbesserungsvorschläge und Entscheidungen sich hurtig zu drehen - oder etwa nicht? Nein, es dreht sich nicht. Es ruckt vielleicht mal ein wenig, kommt aber nicht vom Fleck. Leere Kilometer also? Oft sieht es nicht nur so aus. Ein Dilemma zeichnet sich ab: Die Fakten sind da, die Verantwortlichen sind auch nicht unbekannt, mangeln tut es an der Kommunikation. Unangenehme Fragen stellen sich: Wie sag ich es der lieben Kollegin, dem lieben Kollegen NN, dass sie/er sich ein wenig mehr um die Qualität der Lehre kümmern soll? Soll/kann ich etwa warten, bis sich das Problem von selber löst? Durch Pensionierung (bei den Älteren)? Oder durch Abgang an eine andere Hochschule (bei den nicht so Alten)? Kann ich es verantworten, dass vielleicht noch drei oder vier Jahrgänge die bekannt miese Lehre aufgetischt bekommen? Zögern macht sich breit und wird da und dort zur Routine. Schade. Unverantwortlich!

Qualität in der Lehre

Bisher haben wir im Wesentlichen über negative Beispiele gesprochen. Wie sieht es auf der anderen Seite aus? Es gibt ja auch viele Lehrende, die sich mehr als bemühen, die kreativ und zeitgemäß die Dinge anpacken. Die eine komplexe Materie phänomenal gut vermitteln können. Denen es in der Tat Freude macht, "vorne zu stehen", um ihr Wissen und Können zu vermitteln, die den Humboldt'schen Zugang zu dem, was eine Vorlesung eigentlich sein soll, verstanden haben und das auch umsetzen können.

Wie geht man mit denen um? Antwort: oft gar nicht. Man schweigt darüber. Könnte es sein, dass man, wenn man beginnt, über die Guten zu reden, zwangsläufig auch über die "weniger Guten" stolpern muss? Und genau das ist unangenehm. Daher lässt man es lieber bleiben. Somit hat sich die Hälfte an Gewicht, das jede/r Universitätslehrer/in als Bonus auf seinen/ihren Karriereweg mitnehmen kann, von jeder wägbaren Größe bis zur Bedeutungslosigkeit entkoppelt. Also macht es ja vielleicht gar keinen Sinn, sich um die Lehrqualität zu bemühen?

In Bürokratismus und Recht gefangen

Dazu kommen noch folgende Begleitumstände, mit denen jede/r Lehrende schon konfrontiert war: der überfüllte Hörsaal - nicht angenehm, keine Frage! Was macht man in dem Fall? Man fragt, wie viele Personen in den Hörsaal dürfen! Zählt nach und schickt den Rest der Studierenden hinaus? Mit dem Hinweis auf Sicherheitsbestimmungen, Freihalten von Fluchtwegen et cetera? Da hat man dann sicher die Massen hinter sich! Also lassen wir diese Frage und beißen in den sauren Apfel der Verantwortung - in der Hoffnung, dass eh nichts passieren wird. Fein, denken wir und verharren in der Grauzone.

Dann haben wir noch Unterlagen wie Skripten und Ähnliches, die wir verteilen. Dürfen wir eine Abbildung aus einem Lehrbuch mit/ohne Zitierung in unsere Unterlagen aufnehmen? Müssen wir uns da vielleicht durch die in einer oft "eigenen" Sprache verfassten Gesetzestexte quälen und uns detailliertes juristisches Wissen zum Urheberrecht aneignen? Vermutlich schon, denn Informationen über diese Fragen haben wir Lehrenden wahrscheinlich in den seltensten Fällen von irgendeiner "Zentralstelle" erhalten. Was wir dann im Selbststudium erfahren, ist eine ebenso klare wie nicht zeitgemäße gesetzliche Regelung: Als Hardcopy dürfen wir das. Dieselbe Seite zum Download bereitzustellen - als beliebtes und zeitgemäßes Service gedacht und von den Studierenden auch gefordert - sieht schon wieder ganz anders aus. Auch wenn seitens des Dienstgebers dazu E-Learning-Plattformen bereitgestellt werden. Der zieht sich lieber auf Allgemeinplätze zurück und überlässt die Lehrenden ihrem Schicksal beziehungsweise den Anwälten der Verlage, die ihre Urheberrechte einklagen. Fein, denken wir und verharren in der zweiten Dunkelgrauzone. 

Angenommen, wir halten ein Seminar und wollen unsere Teilnehmer in bestimmten Abständen über deren aktuellen Zwischenstand eine Information zukommen lassen, weil wir dies als ein nicht zu unterschätzendes Steuerungselement ansehen. Jetzt schlägt er zu, der Datenschutz: Also Namen und Punktestand auf einer Liste sind streng verboten. Auch die Matrikelnummer ist da keine Hilfe. Wir fragen KollegInnen, wie sie das machen, und stellen ernüchtert fest: Alle sind in der Grauzone. Kommt der Tipp in einem dazu passenden Weiterbildungsseminar: Wenn alle Studierenden schriftlich zustimmen, ist alles machbar. Gute Theorie! Klappt das in der Praxis? Also haben wir die dritte Grauzone aufgetan. Man könnte verzweifeln. Der Lehrstoff ist nicht das Problem - mangelnde Ressourcen, Bürokratie und sogar Rechtsunsicherheit sind oft ein "Hammer".

Glücksgefühle

Aber ganz so schlimm wird die universitäre Lehre nun doch nicht immer empfunden! Wir haben einen Faktor hier noch nicht berücksichtigt - nämlich die Genugtuung, ja manchmal auch die Freude, die man als Lehrende/r erfahren kann, wenn die Wissensvermittlung auf Resonanz stößt. Wenn man ein Feedback bekommt, das mehr Bestätigung ist als ein Evaluierungsbogen. Wenn man klar erkennt, dass es Sinn macht, vorne zu stehen und für die, vielleicht sogar mit den Studierenden eine für diese neue und oft auch komplexe Materie in ein schlüssiges, verständliches und durchschaubares Konzept zu bringen. Um das zustande zu bringen, bedarf es entweder besonderer Naturtalente, inspirativer Kreativität oder einfach ab und zu eines Erfahrungsaustauschs, eines Didaktikseminars oder Ähnlichem. Angebote dazu gibt es natürlich, wenn auch nur punktuell. Manchmal braucht es auch Mut. Mut, neue Wege zu testen, die nicht dem etablierten Mainstream angepasst sind. Wir UniversitätslehrerInnen sollten aber auch den Mut aufbringen zu sagen: "Ja, ich habe das wirklich gut gemacht."

Die Forderung nach entsprechender Infrastruktur und nach der Möglichkeit, tatsächlich forschungsgeleitet lehren zu können, müssen wir immer wieder erheben! Genauso muss die Lehre endlich die Bedeutung und das Gewicht für den Karriereweg der UniversitätslehrerInnen erhalten, wie sie die Forschungsleistung inklusive Drittmitteleinwerben bereits hat. (Günter Trettenhahn, derStandard.at, 13.11.2012)

Günter Trettenhahn ist Assistenzprofessor am Institut für Physikalische Chemie der Universität Wien und forscht auf dem Gebiet der Grenzflächenphänomene von Elektroden in Kombination mit Molekülspektroskopie und Kurzpulslasern. Er ist Mitglied des Senats und der Curricularkommission der Universität Wien und Vorsitzender des UniversitätslehrerInnenverbandes (ULV) an seiner Uni. Darüber hinaus ist er Generalsekretär der Erwin-Schrödinger-Gesellschaft für Nanowissenschaften.

Share if you care