Dürfen LehrerInnen strafen?

Blog |
  • "Gute Lehrer strafen nicht", sagt Pädagogin Andrea Vanek-Gullner.
    foto: apa/schlager

    "Gute Lehrer strafen nicht", sagt Pädagogin Andrea Vanek-Gullner.

Andrea Vanek-Gullner im Gespräch mit einer Lehrerin

"Dürfen LehrerInnen strafen?", will eine Lehrerin wissen.

Nein. Aber lassen Sie uns doch die Frage umformulieren - und damit den Aspekt der Moralität vor jenen der Legalität stellen: Sollten LehrerInnen strafen dürfen? Die Antwort lautet auch hier Nein.

"Und warum nicht?"

Weil Bestrafung - verstanden als Sanktion der Lehrperson zur Umsetzung persönlicher Interessen - die conditio sine qua non jeder Pädagogik zum Wanken bringt: dass Erziehung im Dienst des werdenden Menschen steht, um seiner selbst willen, dass er zu seinem Leben und seiner Form komme. Ich spreche hier den Pädagogischen Bezug nach Hermann Nohl (1879-1960) an. Die Möglichkeit, das Kind zu seinem Leben und seiner Form zu begleiten, setzt einen klaren Appell, mit der Vernunft des Kindes zu rechnen, dem Anspruch einer Erziehung zur Mündigkeit gerecht zu werden.

"Und wie sollen wir ohne Strafe auskommen? Unsere SchülerInnen werden doch immer schwieriger ..."

Die Lösung liegt im Dialog. 

Wenn wir begründen, argumentieren, uns kritischer Hinterfragung stellen, schlagen wir die Brücke zwischen der Notwendigkeit stützender Begleitung und dem Anspruch der Erziehung zur Mündigkeit. Inwieweit wird in der je konkreten Situation der Beachtung des dialogischen Prinzips Rechnung getragen? Hat das Kind die Chance zu verstehen, wird begründet, argumentiert? Das sind Fragen, die interessieren und deren Beantwortung letztlich darüber entscheidet, ob dieser oder jener Versuch, das Verhalten des Kindes zu reglementieren, legitimiert werden kann oder nicht. Alles steht und fällt mit unserer Bereitschaft, Verhaltensvereinbarungen gemeinsam mit den Kindern altersgemäß - unter Einbindung der kindlichen Vernunft - zu "erarbeiten".

In dem Moment, da wir uns mit unseren SchülerInnen im Gespräch auseinandersetzen, hinterfragen lassen, wir also mit der Vernunft unserer Kinder nicht nur rechnen, sondern sie sogar herausfordern, nimmt der Königsweg der Erziehung seinen Anfang: die Erziehung zur Bindung des eigenen Handelns an Werte und Normen aus Einsicht, die Erziehung zu Selbstdisziplinierung, dem letzten und höchsten Ziel der Erziehung.

So betrachtet ist gerade dann, wenn wir unsere SchülerInnen zu mündigem Umgang mit Werten und Normen begleiten wollen, der Ruf nach Regeln nicht nur mitzutragen, sondern explizit zu fordern - unter der Voraussetzung, dass er eine harmonische Verbindung eingeht mit dem Dialog, dass im Lehrer-Schüler-Gespräch Raum ist für Argumentation, Sachlichkeit, kritischen Geist; und aus rigiden Regeln Vereinbarungen werden.

"Was bedeutet das konkret?"

Es geht um das Verstehen. Regeln des Miteinanders und auch etwaige Konsequenzen gefährdenden Verhaltens sind Heranwachsenden zu erklären und zu begründen - und dann und wann auch in ihrer Notwendigkeit erlebbar zu machen. Wenn SchülerInnen beispielsweise nicht schimpfen sollen, müssen wir "Schimpfwörter" thematisieren, sie ansprechen, auch aussprechen, erklären, uns wahrhaft auseinandersetzen. Gemeinsam darüber reflektieren, wann jeder von uns schon einmal geschimpft hat. Gemeinsam hinspüren, wie es sich anfühlt, beschimpft zu werden. Um sich dann letztlich gemeinsam für achtvollen Umgang miteinander zu entscheiden.

"Mir fällt ein Kind ein, das immer wieder scheinbar ohne Anlass auf andere losgeht. Was ist hier mit dem Dialog?"

Wenn Gefahr im Verzug ist, ist selbstverständlich im Ersten Unheil zu verhüten. Und klar zu zeigen: "So geht es nicht." Dadurch aber wird die grundsätzliche Bindung des LehrerInnenverhaltens an das dialogische Prinzip nicht außer Kraft gesetzt - im Gegenteil. Wir schaffen durch klares Handeln die Möglichkeit, dass das Kind zu fragen beginnt: "Was ist denn nun los? Bin ich zu weit gegangen? Ab welchem Punkt war mein Verhalten nicht mehr in Ordnung und weshalb?" Auf diese Fragen möchte das Kind Antworten, und diese Fragen sind die denkbar beste Voraussetzung dafür, mit dem Kind wirklich ins Gespräch kommen zu können.

Im Zuge dessen gilt es dann auch, Ursachen aufzuspüren: Wie ist es zu diesem Vorfall gekommen? Hat es einen Auslöser gegeben, der im Ersten unbemerkt geblieben ist?

Es ist ein "pädagogischer Kunstgriff", im Gespräch die sachlich-gerechte Beurteilung des kindlichen Verhaltens mit der Vermittlung des Gefühls bedingungsloser Annahme des Menschen, wir dem wir zu tun haben, zu vereinen. "Auch wenn ich dein Verhalten nicht gutheißen kann, meine pädagogische Liebe zu dir steht fest", das ist das Ziel, da müssen wir hin.

Und dann erarbeiten wir gemeinsam mit dem Kind mögliche Lösungen: "Ich möchte, dass wir uns gemeinsam überlegen, was wir tun können, damit dir so etwas nicht wieder passiert. Wenn du diese Wut im Bauch spürst, was würde dir helfen? Sofort zu mir kommen und um Hilfe bitten, dich im Ersten zurückziehen? Was fällt dir ein, könnte für dich passen? Probier's doch mal aus, gleich beim nächsten Mal, und dann erzählst du mir, wie es dir gelungen ist, wie du das geschafft hast."

Und weiter: "Was machen wir, wenn du wieder gefährdendes Verhalten zeigst? Was ist gut, kann dir jenen Halt geben, den du brauchst?" Wesentlich ist, auch notwendige Konsequenzen gefährdenden Verhaltens verstehbar zu machen und dadurch das Kind zu Einsicht zu begleiten.

Und in der Folge gilt es, dranzubleiben, Seite an Seite mit dem Kind. Gemeinsam anzutreten gegen Situationen, die dem Kind ebenso unrecht sind wie uns. Kein Kind möchte andere gefährden.

Zurück zum Ausgangspunkt: Gute Lehrer strafen nicht ... Nicht, weil sie nicht strafen sollen. Sondern weil sie nicht strafen wollen. (Andrea Vanek-Gullner, derStandard.at, 12.11.2012)

Haben Sie Fragen an Andrea Vanek-Gullner? Schicken Sie ein E-Mail an bildung@derStandard.at!

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 330
1 2 3 4 5 6 7 8
wenn lehrer strafen dürfen,

müssen auch lehrer bestraft werden können ...

Verhaltensauffällige SchülerInnen gehören unterstützt!

An unserer Schule gibt es mehr als genug Probleme mit SchülerInnen, die durch ihr Fehlverhalten den gesamten Unterricht behindern. Vor allem in der Unterstufe wächst dieses Problem. Einerseits hat dies mit mangelndem Respekt zu tun, an welchem die LehrerInnen selbst Schuld sind. Andererseits gibt es Kinder, die gar nicht anders können. Wir haben uns in der SchülerInnenvertretung schon oft Gedanken zu diesem Thema gemacht, doch ganz ehrlich: Erzogen werden Kinder zu Hause!
SchülerInnen mit Aufmerksamkeitsschwächen oder Lernschwächen hingegen sollten unterstützt werden. Durch SchulpsychologInnen oder Förderkurse.
Aber davonwill unser Schulsystem ja anscheind nichts wissen!

Da spricht jemand, der schon lange nicht mehr in einer Schulklasse gearbeitet hat!

Ich bin sicher nicht fürs Strafen und besonders dafür, in erster Linie den Dialog zu suchen- sowohl in der Schule als auch bei meinen eigenen Kindern, aber manchmal helfen nur Sanktionen- es kommt halt auch darauf an, wie die aussehen. Strafen sind ja nicht gleichbedeutend mit Schlägen oder Erniedrigungen, aber das Prinzip "wenn" "dann" ist ein Spiel des Lebens und das ist manchmal notwendig.

Es gibt derzeit sowieso keine Strafmaßnahmen mehr. Ich bin auch nicht für Strafen, aber wenn man bedenkt, dass es zwischen dem "Zureden zu besserem Verhalten" usw. und der Androhung des Ausschlusses vom Gesetzt her im Grund nichts gibt, dann kann einem die Misere im Umgang mit schwierigen Schülern schon klar werden.

Was ist mit "angepassten" Schüler/innen?

Wie kommen angepasste bzw. interessierte Schüler dazu, dass sie ständig beim Lernen behindert werden? Alles dreht sich immer nur um die verhaltenskreativen Kinder! Nicht nur als Lehrer/in muss man ständig Verständnis zeigen, auch Kinder, die sich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Auch verhaltenskreative Kinder müssen lernen, dass ihre Freiheit aufhört, wo sie die ihrer Mitmenschen einschränken. Klar, dass Kinder Unsinn machen. Klar, dass sie Grenzen austesten. Und klar, dass man als Lehrer/in Fehlverhalten auch sanktionieren sollte. Ich finde nichts Schlimmes dabei, wenn die Kinder einen Entschuldigungsbrief schreiben, über das Fehlverhalten nachdenken oder den versäumten Lehrstoff nachholen müssen.

Endlich einmal jemand, der mir aus der Seele spricht!

Von welchem Planeten kommt die Autorin?

Diese ganze moderne Pädagogik geht mir sonstwohin.

Irsinn von nicht-strafen dürfen zieht sich hin bis zum Krampus Nikolo verbot. Weil das Prinzip von gutes Kind wird belohnt -böses Kind wird bestraft nicht mehr zeitgemäß ist.

Am besten komplett antiauthoritär dass die Kinder dir am Schädel herumspringen und machen darfst gar nix

Eine "Expertin" ohne reale Erfahrung?

Das dachte ich zunächst auch,

aber es ist umgekehrt:
http://www.ichunddu.co.at/dr_andrea... ullner.php

Allerdings ist fraglich, ob das in einem Regelschulunterricht so durchführbar ist, ich glaube eher: nein, verppflichtende nachvollziehbare Konsequenzen für Fehlverhalten sind da wohl zielführender, vom Beheben/Ausgleichen des angerichteten Schadens bis hin zum Ausschluss aus dem Unterricht.

In der Volks- und Sonderschule gibt es kaum jenen Typus von Schülern, die einem anders wo begegnen: Intelligente, vernachlässigte und wohlstandsverwahrloste Schülerinnen und Schüler, die jede Gelegenheit nur zur Selbstdarstellung und Zerstörung benützen, bis hin zum systematischen Mobbing und Erpressung.
Da wünsche ich viel Erfolg beim sanktionslosen Diskutieren!

ach wirklich?

Ich habe da aus der Volksschulklasse meiner jüngsten Tochter ganz andere Erfahrungen.

Uups, abgeschnitten; hier der korrekte Link:

http://www.ichunddu.co.at/dr_andrea... ullner.php

Breaking news:

Mail vom Herrn Direktor: Ein Schüler hat die Schüler-Toilette versaut. Hätte da jemand eine tolle Idee, welchen Dialog man mit diesem Schüler führen könnte/sollte/müsste? Es ist übrigens nicht das erste Mal an dieser höheren Schule, dass ein Schüler die Wände einer Schüler-Toilette von oben bis unten volluriniert und die (vollgesch.....!) Klomuschel fest mit Toilettenpapier verstopft. Also bitte....Dialog-Experten vor den Vorhang!

wo ist da das Problem?

Gespräch wer die Verschmutzung beseitigen soll, da diese nicht übernacht von selbst veschwindet - am besten im Beisein des Putzpersonals. Danach Gespräch wie nun weiter vorgegangen werden soll - selbst putzen oder wenn schon geputzt wurde Bewusstsein schaffen, was dies für andere Menschen bedeutet, die selbst eine Toilette benützen wollen und für jene, die für die Reinigung zuständig sind.

Zu meiner Schulzeit hat jemand die Schultoilette angezündet. Das ist nach Meinung der Autorin anscheinend auch eine Situation, die ausschließlich durch Diskutieren bereinigt werden sollte...

Leider ist die Verdonnerung zum Kloputzen für einen Monat nicht möglich,

da eine Strafe.

Es gibt nicht nur Strafen und Diskutieren

Strafen sind willkürlich, nicht hilfreich, sie tun weh und bringen Kindern genau eines bei: dass man Schwächere willkürlich bestrafen darf (idealerweise mit einer Begründung, mit der der Schwächere sowieso sehr selten einverstanden ist).

Diskutieren klingt besser, ist aber auch nicht zielführend, weil es Kindern eine Verantwortung aufbürdet, für die sie noch nicht bereit sind. Und gemeinsam Regeln aufstellen - schön und gut, aber was passiert mit den Regelbrechern? Strafen? Na eben.

Es gibt auch einen Mittelweg. Eine gleichwürdige Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist keine Demokratie, natürlich muss der Erwachsene, der dafür ausgebildet ist und bezahlt wird, gewisse Dinge vorgeben, aber dabei immer die Würde seiner Schüler bewahren.

Die Unterrichtszeit soll dazu genutzt werden den Stoff durchzugehen.

Für Diskussionen ist da keine Zeit. Also muss der Lehrer die Möglichkeit haben Strafen auszuteilen damit das Kind den Unterreicht nicht weiter stört.

Die Strafen sollen natürlich nicht körperlicher Natur sein, das Kind zum Nachdenken bringen aber gleichzeitig nicht derartig einnehmen, dass es den Stoff anderer Fächer vernachlässigt.

Deshalb sind Strafen Lehrer/innen auch verboten.

Damit wäre eigentlich alles gesagt.

Aber so ein Blog will gefüllt werden.

Bei Hunden ist z.B. bekannt, dass nur Belohnungen etwas bringen, wenn man gewünschtes Verhalten verstärken möchte. Warum also nicht einmal mit Belohnen probieren? Eine Stunde nicht gestört und es gibt eine Schokolade :o)

Auf welchem Planeten lebt die gute Frau eigentlich?
Theoretisch mag das alles recht schön klingen, in einer Einzeltherapiestunde (- von mir aus auch Gruppentherapie- ) lassen sich alle diese Punkte sicherlich umfassend thematisieren.
Aber: wenn in der Schule die Lehrerin/ der Lehrer mit jedem Kind diskutiert, Lösungswege sucht, etc...) - wann findet dann noch Erarbeitung/ Vermittlung von Wissen statt?
Das ist doch schließlich (auch) eine / die Aufgabe der Schule...?
Um es klarzustellen: ich möchte keineswegs dem Prinzip "Strafen an Schulen" das Wort reden.
Auch ich finde es besser, wenn man Probleme ausdiskutiert und gemeinsam löst.

Aber es gibt im Schulalltag sehr wohl Situationen, die für die Schüler verständliche Sanktionen erfordern.

Sie wollen WAS? UNTERRICHTEN? Ah ja! Es ist Fasching! Es darf gelacht werden. Unterrichten wird doch schon seit Jahren zur Neben -wenn nicht sogar zur Nullsache. Aber wer gibt das schon zu?

"Bestrafung - verstanden als Sanktion der Lehrperson zur Umsetzung persönlicher Interessen"

Das ist schon mal grundfalsch.

Bestrafung ist eine Methode des Aufzeigens von Grenzen, die die Gemeinschaft (!) schützen und ihre Ordnung aufrechterhalten!
Das als Umsetzung persönlicher Interessen einer Lehrperson zu sehen ist weltfremd, bezieht Strafen ausschließlich auf den Lehrer und vernachlässigt dabei die gesamte Umgebung.

So einfach möchten manche Pädagogik-"Experten" sich die heile Welt zimmern. Daraus wird dann ein Elfenbeinturm.

Falsch

"Bestrafung ist eine Methode des Aufzeigens von Grenzen, die die Gemeinschaft (!) schützen und ihre Ordnung aufrechterhalten! "

Das ist natürlich völlig falsch. Information und Aufklärung ist eine Methode des ....

Es ist ein Irrglaube, wemm man meint, mit Betrafung kommt Einsicht, meist kommt nur Anpassung.

Aber Bestrafung ist des öfteren der leichtere Weg.

Sido beweist:

Wenn ein "cooler" Typ sie gibt, wird für die Gutmenschen selbst die lang verpönte "gsunde Watschen" wieder salonfähig!

Es kommt auch auf das "Opfer" an ...

.. der schlüssel war Heinzl nicht Sido.

Posting 1 bis 25 von 330
1 2 3 4 5 6 7 8

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.