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Es fängt oft harmlos an: eine Erkältung, eine leichte Blasenentzündung, vielleicht auch nur eine kleine Verletzung. Wer denkt sich schon viel dabei? Aber der Husten hält an, setzt sich in den Lungen fest, die Schmerzen beim Wasserlassen werden schlimmer, oder der Kratzer wird zum Abszess. Und irgendwann kommt Fieber. Man fühlt sich immer miserabler, bekommt einen schnelleren Herzschlag und schleppt sich in die Ambulanz. Die Ärztin schüttelt besorgt den Kopf. Schwere Sepsis. Ein Notfall.
Sepsis entsteht, wenn sich Krankheitserreger, in der Regel pathogene Bakterien, von einer Infektionsstelle aus im Körper ausbreiten und dabei lebenswichtige Organe befallen. Normalerweise hält das Immunsystem die Keime an Ort und Stelle in Schach. Es bildet sich eine lokale Entzündung, die zwar auch übel verlaufen kann, doch der Rest des Organismus bleibt verschont. Aber wehe, die Erreger schaffen es, aus der Umzingelung auszubrechen. Dann können sie über die Blutbahn praktisch überallhin gelangen. Eine solche Invasion bedeutet Lebensgefahr. Die körpereigenen Abwehrkräfte lösen eine umfassende Entzündungsreaktion aus, deren Folgen, wie extremes Fieber, die Lage allerdings noch verschlimmern.
Jährlich erkranken in Österreich einige zehntausende Menschen an Sepsis, geschätzte 6000 bis 7500 sterben daran. Genauere Zahlen sind nicht bekannt, weil die Krankheit nicht meldepflichtig ist. Die Mortalität ist - global gesehen - verschieden. Sie variiert statistischen Erhebungen zufolge zwischen 22 und 76 Prozent. Die höchsten Todeszahlen finden sich wie üblich in Staaten mit schlechter medizinischer Versorgung. Einer neuen Studie zufolge jedoch ist auch in den Industrienationen das Sterblichkeitsrisiko bei Sepsis recht unterschiedlich.
Besagte Analyse ist eine Auswertung von Daten, die im Rahmen der internationalen "Surviving Sepsis"-Kampagne gesammelt wurden. 186 beteiligte US-amerikanische und europäische Spitäler lieferten die Angaben zu insgesamt 25.375 Sepsis-Fällen. Ein internationales Expertenteam wertete diese aus. Die Ergebnisse wurden Ende Oktober online vom Fachjournal Lancet Infectious Diseases veröffentlicht, und sie zeigen einen beunruhigenden Trend. Demnach scheinen in Europa deutlich mehr Menschen auf Intensivstationen an Sepsis zu sterben als in den USA. Für die Daten ist der Unterschied überaus groß: 28,3 Prozent Sterblichkeit in den US-Spitälern im Vergleich zu 41,1 Prozent in den europäischen Krankenhäusern.
Die Überlebenschancen von Sepsis-Patienten hängen von vielen Faktoren ab, erklärt Studienleiter Mitchell Levy von der Brown University in Providence, USA. Es gibt viele individuelle Faktoren, betont der Fachmediziner. "Wir verstehen noch immer nicht wirklich, warum zwei Menschen mit derselben Art Infektion sehr unterschiedlich reagieren können." Neuere Untersuchungen deuten zunehmend auf genetisch begründete Mechanismen hin, sagt Levy. Doch das kann selbstverständlich nicht die verschiedenen Mortalitäten in den USA und Europa erklären.
Stattdessen dürften die Ursachen in den Spitälern selbst zu finden sein. In den USA, meint Levy, neigen Ärzte schneller dazu, Kranke in eine "Intensive Care Unit" zu verlegen. "Man muss kränker sein, um in Europa auf der Intensivstation zu landen." Unter Umständen könnten solche Verzögerungen die Prognosen von Sepsis-Patienten erheblich verschlechtern, oft zählt jede Minute.
Möglicherweise spielt noch ein weiterer Aspekt eine entscheidende Rolle: der Therapieablauf an sich. Die "Surviving Sepsis"-Initiative hat 2004 ausführliche Richtlinien für die Behandlung von Sepsis vorgelegt und diese seitdem stetig verbessert. Es handelt sich dabei um ein Zwei-Phasen-Modell. Zuerst ist die Stabilisierung des Patienten zentral, danach folgt das Entzündungs-Management. Die Therapieprotokolle enthalten zahlreiche detaillierte Empfehlungen, auch für Sonderfälle wie etwa die Behandlung von Neugeborenen mit intravenös verabreichtem Immunglobulin zur direkten Bekämpfung der Krankheitserreger.
Die Richtlinien werden aber nicht überall konsequent befolgt, sagt Levy. Manchmal seien die notwendigen Medikamente nicht schnell genug verfügbar, doch es gebe auch immer wieder Mediziner, die anscheinend eine Abneigung gegen die vorgeschriebenen Therapieabläufe haben. Die Studie habe jedenfalls gezeigt, dass man in den US-Krankenhäusern die "Surviving Sepsis"-Empfehlungen häufiger und vollständiger befolgt. Ein enormes Plus, betont Levy. "Wenn Ärzte sich an die Protokolle halten, überleben mehr Menschen." (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 12.11.2012)
Wissen: Im Arsenal
Antibiotika gehören zu den großen Errungenschaften der Medizin. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs starteten zunächst die USA den massiven Einsatz von Antibiotika gegen bakterielle Infektionen aller Art. Damals gab es nur Penicillin, eine vom britischen Forscher Alexander Fleming eher zufällig entdeckte Substanz.
Antibiotika sind, evolutionär betrachtet, nichts anderes als biochemische Waffen im mikrobiellen Überlebenskampf. Lebensräume werden meist von einer Vielzahl von Keimen besiedelt, die sich gegeneinander verteidigen müssen. Penicillin zum Beispiel ist das Produkt eines Schimmelpilzes und wird produziert, wenn im Lebensraum des Pilzes Stress etwa durch einen Mangel an Nährstoffen entsteht. Penicillin dient zur Unterdrückung der anderen Keime, ist also ein Produkt des Konkurrenzkampfes.
Antibiotika gibt es allerdings nicht nur in der Welt der Mikroben. Auch grüne Pflanzen und Tiere produzieren wahre Arsenale von antibakteriellen Wirkstoffen. Biologen durchsuchen deshalb den Stoffwechsel zahlreicher Spezies, um neue medizinisch einsetzbare Antibiotika zu finden. Sie hoffen, damit das Problem der zunehmenden Antibiotika-Resistenzen in den Griff zu bekommen. Die Erforschung und Erhaltung der Artenvielfalt ist dementsprechend auch aus medizinischer Sicht von größter Bedeutung.
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aus dem Krankenhaus – ohne Diagnose und Therapie. Und selbst im Spital ist man hierzulande nicht sicher davor, mit einer Sepsis einfach unbehandelt zu bleiben.
1. November 2012
Frau starb nach Operation in Dornbirn: Gericht sieht Ärztefehler
Sepsis sei "nicht erkannt, nicht diagnostiziert und nicht behandelt worden" - Stadt beruft gegen erstinstanzliches Urteil
http://derstandard.at/135026003... rztefehler
Aus dem Urteil: Die Ärzte "hätten einfach darauf vertraut, dass es sich schon nicht um eine Sepsis handeln werde, .....
Möcht wissen, was es bei diesem Skandal zu berufen gibt, aber um fremdes Steuergeld lässt es sich von einer Stadt leicht prozessieren.
*unpackbar*
Ihr Beispiel unterstreicht das Fehlen von sogenannten Frühwarnsystemen (Track & Trigger) im Krankenhaus. Unabhängig von der Erkrankung gehen innerklinischen Herkreislaufstillständen meist Symptome (Fieber, Tachypnoe, Tachycardie etc.) voraus. Treten etwaige Vorboten auf, kann ein Team gerufen werden, welches die Situation evaluiert und über den weiteren Verlauf entscheidet (Überwachung/Intensivststion?)
Das versteh jetzt wiederum ich nicht.
Im U-Bahn Waggon fährt einer mit Grippe mit, aber erkrankt der ganze Waggon daran?
Ich bin ja nur ein Laie, aber: Könnte es eventuell mit der individuellen Immunabwehr zu tun haben und wie stark das Immunsystem der jeweiligen Personen ist??
Und da gibt es riesengrosse Unterschiede. Und die Regenarationsfähigkeit ist auch Mensch zu Mensch different. Es gib Menschen die nie krank werden und werden 90-95 Jahre alt. Ich sage nicht 1o0, weil das wirklich selten ist.
Eine meiner Freundinnen ist an der Sepsis gestorben, die eine Folge einer Splenektomie (Milzentfernung) war. Die Milz ist ein wichtiger Teil des Immunsystems, die in ihr gebildeten Zellen bekämpfen sehr häufige Bakterien, wie Haemophilus, Strepto- und Pneuokokken.
Nein. Das ist das klassische Schuld und Sühne-Prinzip, dem du auf dem Leim gehst. Fehlen nur noch die Vitamine, die pathogene Bakterien bekämpfen...
Es kann auch kerngesunde Menschen treffen, die sportlich sind, sich gut ernähren, das ganze Programm rauf und runter.
Weil die "individuellen Immunabwehr" (nicht nur hier) gerne dafür benützt wird, Mensch zu suggerieren, dass sie nicht in der Lage sind selbst dafür zu sorgen, dass sie gesund bleiben, sie selbst "Schuld" sind, dass sie... und "darum" sind sie jetzt krank.
Daß man durch seine Lebensweise sein Immunsystem stärken oder beeinträchtigen kann, ist ja wohl nichts Neues.
Das mit dieser "Schuld"-Sache ist wohl eher Ihr eigenes Thema ... ich denke nicht, daß man sich dadurch irgendwie "suggeriert" fühlen muß.
Weil immer gleich kommt: gesünder essen, mehr bewegen, besser schlafen, weniger stress...
Nur wird dabei nicht beachtet, dass sich manche Faktoren nicht willentlich so leicht beheben lassen und auf andere Bereiche abfärben. Mit den 08/15 Empfehlungen aber wird so getan, als wäre jeder Mensch selber für seine Immunabwehr verantwortlich. Ein Prinzip der Sklaverei das in vielen Bereichen so funktioniert (etwa auch Arbeitslosigkeit). Sogar Krebs schiebt man dem Willen des Patienten unter.
Wa bringt es? Konsum! Damit lässt sich eine Menge Kohle machen. Angefangen von Nahrungsergänzung über Fitnessindustrie bis hin zu "Bio-linksdrehendes-Joghurt mit Stevia". Nur den Arbeitsplatz, den Verkehrslärm, das behinderte Kind kann halt keiner ändern.
Grundsätzlich ja....
...aaaaber. Beim letzten Sepsisbeitrag im Standard machte sich in den Postings die tödliche Philosophie breit: Wer wegen jeden Schas zum Arzt rennt ist eine Memme... Ich kenne viele Menschen die Krankheiten sogar bis hin zu jahrelang verschleppen - genau unter diesem Motto. Ich selber bin auch eine, die eher zu spät als zu früh zum Arzt geht. Hatte selber eine Sepsis, aber da war ich innerhalb von 24 Stunden dort. Ich hatte, was jeder dauernd hat: Ein leicht zerfranstes Nagelbett am Daumen. Dort aber bildete sich eine Sepsis. Innerhalb weniger Stunden gings einem hundsmiserabel. Mich haben meine Kollegen regelrecht genötigt, zum Arzt zu gehen. Gottseidank - sonst schrieb ich jetzt nicht.
Dass sich amerikansiche Ärzte eher an Abläufe halten hängt mit der irrwitzigen Schadenersatz-Klageritis in den USA zusammen. Hält sich das medizinische Personal nicht an derartige Richtlinien läuft es Gefahr wegen Kunstfehlern in den wirtschaftichen Ruin geklagt zu werden.
In Europa kommt man erst almählich drauf, dass Checklisten wie im Flugbetrieb und detaillierte "best practice" Anweisungen viele Leben retten könnten und können.
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