Deutsche Grüne: Näher zum Bürgertum

Kommentar |

Das Bürgertum ist längst keine Domäne der CDU mehr

Dass Claudia Roth eine Kamera oder ein Mikrofon auslässt, kommt praktisch nicht vor. Am Wochenende jedoch tauchte die sonst so umtriebige deutsche Grünen-Chefin ab und war nicht mehr zu sprechen. Zu groß ist die Blamage, die sie bei der Urwahl der deutschen Grünen erlitten hat. Nur 26 Prozent der grünen Basis wollten sie als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl 2013.

Fraktionschefin Renate Künast ging es ähnlich, auch sie war nicht mehr gefragt. Die beiden Mitbegründerinnen der deutschen Ökopartei - irgendwie ausgemustert. Offenbar traute die Basis ihnen nicht mehr zu, im Wahlkampf noch für Begeisterung zu sorgen. Deutlich sprachen sich die Parteimitglieder hingegen für die zehn Jahre jüngere Katrin Göring-Eckardt aus und signalisierten mit deren Kür: Wir wollen einmal ein bisschen was Neues wagen.

Und so sind die deutschen Grünen nun breit aufgestellt. Ko-Spitzenkandidat Jürgen Trittin, der sich in den vergangenen Jahren vom Bürgerschreck zum anerkannten Oppositionspolitiker gewandelt hat, zählt immer noch zum eher linken Parteiflügel. Göring-Eckardt hingegen vertritt jenen auch christlich geprägten Wertkonservativismus, mit dem der grüne Ministerpräsident Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann, punktet.

Das Bürgertum ist längst keine Domäne der CDU mehr, das hat auch die Wahl des Grünen Fritz Kuhn zum Stuttgarter Oberbürgermeister gezeigt. Ökologie und Ökonomie sehen viele Deutsche nicht mehr als Gegensatz, sondern als zwei gesellschaftspolitische Elemente, die untrennbar miteinander verbunden sind.

Natürlich beten Trittin und Göring-Eckardt jetzt zunächst das fromme Gebet, das die meisten Grünen und Sozialdemokraten hören wollen. Das lautet: Bei der Wahl 2013 wollen wir Angela Merkel aus dem Kanzleramt jagen und wieder eine rot-grüne Regierung bilden.

Aber bis zur Wahl im Herbst 2013 geht noch viel Zeit ins Land, und wer kann heute schon sagen, ob der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück es jemals schaffen wird, weniger penetrant pekuniäres Odeur und stattdessen mehr sozialdemokratischen Stallgeruch zu verströmen.

Niemand muss und niemand will in Deutschland jetzt schon ernsthaft von einer schwarz-grünen Option im Bund sprechen. Aber seit dem Wochenende ist diese Möglichkeit ein bisschen weniger abwegig - zumal beide in die nächste Regierung wollen: Merkel und die Grünen. (Birgit Baumann, DER STANDARD, 12.11.2012)

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Deutschland ist leider absolut aussichtslos. Wenn die Bevölkerung nicht aufwacht und erkennt, dass es mit der Merkel-Politik (die leider auch von SPD und Grünen unterstütz wird) nicht weitergehen kann, dann wird es wohl böse enden. Wäre die Linke nicht eine SED-Nachfolgerin, hätte sie sicher bessere Chancen auf Erfolg, nichtsdestotrotz ist sie momentan die einzig wählbare Partei in Deutschland.

Die Linke ist eine ostdeutsche Regionalpartei mit einer Oskar-Fanklub-Exklave. Die sind so entbehrlich, dass sie sogar von den Pausenclowns aus dem Internet die mediale Aufmerksamkeit geklaut bekommen.

Wer jetzt in D links wählen möchte, hat wenigsten noch "die Linke".

was im forum zu tage tritt - demokartische entscheidungen machen sogenannten linksromantikern sehr zu schaffen

na dann ab zu den echten linken aus der ehemaligen ddr, wo die freiheit hinter mauern zu hause war.

Demokartisch war schon ganz gut. So ähnlich hätte ich das auch genannt.

Hineinkriechen

Wenn die deutschen Grünen näher zum Bürgertum wollten, müssten sie schon in sich hineinkriechen.

die grünen sind einfach DIE bürgerliche kraft (bzw. so, wie ich mir eine övp oder cdu wünschen würde). und das ist gut so. das problem ist, daß ich persönlich in zeiten wie diesen (wirtschaftskrise als produkt des radikalen turbokapitalismus) meine stimme lieber einer linken kraft geben möchte und keiner bürgerlichen. das kann sich in einigen jahren aber durchaus auch wieder ändern. links von den grünen ist nun genug platz, den andere auffüllen werden.

Wer in jede Richtung offen ist

kann nicht dicht sein...

Alle wollen in die "Mitte"

und keiner checkt das diese Mitte immer kleine wird, in der Generation unter 40 fast nicht mehr existent ist.

Oder soll ich mich als Jungakademiker zum Mittelstand gehörig fühlen wenn ich für 1600 € brutto arbeite? Soll ich mich als Facharbeiter zum Mittelstand gehörig fühlen wenn ich dank Agenda für 1 € / Stunde jobben darf?

Die Union plus FDP setzen eh schon auf die Mitte plus die SPD unter KK Steinbrück, jetzt auch noch die Grünen? Kein Wunder das die Linken das als linksextreme Partei rüberkommen müssen - wenn alle nach rechts wandern ...

Weniger jammern, besseren Job suchen?

Das mach ich zumindest.

Mich freut der Rechtsruck gar nicht

Wer hat was davon - auch in Ö - wenn die Grünen nach rechts gehen und den Konservativen Stimmen abnehmen??

Worum geht's denn eigentlich? Darum, eine andere Idee von Gesellschaft umzusetzen oder nur darum, an die Futtertröge der Macht zu kommen?

Wieviel "Zentrum" denn noch?

Claudia Roth ist jedenfalls noch eine von den wenigen übriggebliebenen Bunten, Unangepaßten bei den dt. Grünen.

Eine, bei der man sich nicht - wie bei fast allen Grün-Spitzen in D und Ö - die Augen reibt und sagt: Was, die und GRÜN??

Bei ihr erahnt man noch, daß sie einmal Managerin von "Ton Steine Scherben" um Rio Reiser herum war, sie kommt auch heute nicht wie eine aufstrebende Sparkassendirektorin oder Lehrerin rüber - die meisten anderen schon.

Ergo: Schade.

Nein, nicht schade, sondern absehbar. Vor allem dann, wenn man den Laden von innen kennt.

Die Gruenen sind eine Oeko-Partei. Das hat lange bedeutet, dass es eine sehr linke Partei war. Nun rueckt sie halt etwas mehr in die Mitte. Buergerlich wert-konservativ heisst noch lange nicht klassisch (boese) Rechts.

Falls Sie das denken, sollten Sie .. naja, sich bilden.

...wird jetzt zurückgeschossen!

Die deutschen Grünen waren spätestens 1999 rückstandsfrei im Bürgertum aufgegangen. Als sie ins Werk setzten, was der deutsche Bürger, mit wirkungsvoller innerer Zerrissenheit auf der Heldenmiene, so gern tut: irgendwem den Krieg erklären.

Die Gruenen sind die CDU/CSU/OeVP ohne Bauern

Ergänzung

... und: ohne bigotte Spinner; mit weniger dominanten beamteten Besitzstandswahrern; mit weniger Idioten, die glauben, Überlegungen zu Lenkungseffekten des Steuer- und Abgabesystems durch das Rezitieren von Glaubenssätzen ersetzen zu können.

Anders gesagt: die Grünen sind eine bürgerliche Partei, die im Gegensatz zu Union und VP grundsätzlich wählbar ist.

Ohne bigotte Spinner?

Tja, das stimmt, den Satz in seine Teile zerlegt, zum Teil schon: Die Wurzelseppen und Latzhosenträger sind draußen oder haben sich eine andere Hose gekauft.

Aber ohne bigott? Iwo!

Und die "Überlegungen zu Lenkungseffekten des Steuer- und Abgabesystems" werden spätestens da enden, wo die eigene Kassenlagen beginnt.

Und zwar zuverlässig.

Ach und: Anstatt Kassenlage hätte ich natürlich auch Klassenlage schreiben können.

Aber da braucht man gar nicht so pingelig sein, denn das hängt ja eh ganz eng zusammen. Und das war jetzt kein Glaubenssatz, sondern einfach so.

Da zeigt sich, dass Ihre Analyse zu kurz greift

Tatsächlich sind die Gruppen ziemlich heterogen, die Sie da zwanglos als 'Klassen' zusammenfassen (fyi: das 19te Jahrhundert endete vor einiger Zeit) Wobei tendenziell die fortschrittlicherenm, besser an moderne Ökonomien angepasste Menschen bei den Grünen sind. Deren Interesse an der Analyse von Lenkungseffekten endet folglich nicht bei der eigenen Kassenlage - weil sie nämlich von einer Modernisierung des Systems eher profitieren würden.

Hingegen sind bei den 'schwarzen' eher jene Teile der Gesellschaft organisiert, die objektiv jedes Interesse an der Erhaltung von Verkrustungen und Pfründen haben. Und die daher jeden Versuch sachlicher Analyse in Moralinsäure aufzulösen trachten.

"Modernisierung", "Verkrustungen" - schöne und vor allem bekannte Phrasen, könnten auch von der FDP kommen und alles Mögliche oder nichts bedeuten.

Ich sehe mal wieder "dringenden Reformbedarf".

And just besides: Wenn sie "von einer Modernisierung (welche eigentlich?) des Systems eher profitieren würden", ist da ihre Klassenlage.

Jedenfalls haben's den angesagten Phrasenkatalog schon ganz gut drauf.

Qualifiziert automatisch für die "bürgerliche Mitte".

Könnte es sein, dass Sie ein klein wenig zum Sektierertum neigen?

Nein, ich habe nur keinen Bock, mich mit wohltönenden Leerformeln der bekannten Art eindecken zu lassen.

Ok, verstehe: Sie ziehen einfach nicht so wohltönende Leerformeln mittlerweilen zu recht vergessener Art vor. Solche von der Klassenlage zum Beispiel: Da gibt es die Apotheker, deren Klassenlage es entspricht, dass eine zünftlerische Gewerbeordnung vorschreibt, wer wo welche Medikamente verkaufen kann. Und die Apotheker, die zu einer ganz anderen Klasse gehören, weil sie gerne Online verkaufen möchten. Und natürlich: Die Klasse der Softwareentwickler, die Programme für dei eine Klasse von Apothekern entwickeln, und in der Klassenanalyse sorgfältig von denen unterschieden werden müssen, die für die anderen entwickeln. Und natürlich: Von sich selbst in der Rolle des Konsumenten...

Tragen Sie Pappnase beim posten?

Auf solches Werbegeschwätz reagiere ich allerdings allergisch.

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