Der abgeschlossene Roman einer Weltmeisterin

Porträt11. November 2012, 18:15
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Nachdem Karin Buder 1993 in Morioka Slalom-Weltmeisterin geworden war, floss aus dem Marktbrunnen von Sankt Gallen Wein. Dann wurde es still um die Steirerin. "Ich hab ja sehr gerne aufgehört"

St. Gallen - "Der 9. Februar 1993, der Tag in Morioka? Ich hab schon eine Freude gehabt. Aber für mich persönlich hat er nichts geändert." Karin Buder-Stangl (48) serviert Kaffee, und man wärmt die alten Geschichten auf. Naturgemäß vor allem jene von der kuriosen Ski-WM in Japan mit ihren Wetterkapriolen, die dafür sorgten, dass kaum ein Bewerb am vorgesehenen Tag stattfinden konnte. Der Super-G der Herren wurde sogar storniert.

"Unser Bewerb wäre am Schluss gewesen. Dann haben sie ihn um fast eine Woche vorgezogen. Das war aber kein Problem. Wir haben zwei Tage vorher davon erfahren." Das Problem tauchte auf, als Buder zum Start kam. "Der Rennski war nicht da, der Servicemann auch nicht. Logisch, dass die Stars, Petra Kronberger und Anita Wachter, immer an vorderster Front waren. Ich war hinten angestellt. Ich bin also wieder runtergefahren, hab mir den Ski aus dem Container geholt, bin wieder rauf. Nach dem ersten Durchgang war ich Siebente. Alles hat mich angezipft. In der Pause bin ich ins Hotel und hab mit meinem Freund in der Steiermark telefoniert. Ich wollt eigentlich nur noch heim."

Ärger über Schröcksnadel

Buder blieb in Morioka, fuhr Bestzeit im zweiten Lauf, sechs Konkurrentinnen standen noch oben. Nachdem drei hinter ihr geblieben waren, dachte sie: "Wieder keine Medaille, wieder nur Vierte." Wie bei der WM 1987 in Crans Montana. Von Olympia 1992 in Albertville hatte sie Platz fünf heimgebracht. In Morioka wurde es die Goldene, es sollte der einzige WM-Titel bleiben für das österreichische Team.

Und wenn Buder an die Gratulation von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel denkt, ärgert sie sich immer noch. "Mit dir habe ich am wenigstens gerechnet, hat er zu mir gesagt. Das hat schon sehr wehgetan. Warum schickt er mich überhaupt zu einer WM, wenn er mir nichts zutraut?" Neid habe es in der Mannschaft nicht gegeben. "Ich habe mich mit den anderen gefreut, wenn sie gewonnen haben. Ich hoffe, die anderen haben sich auch mit mir gefreut."

Daheim in St. Gallen im Naturpark Steirische Eisenwurzen gab's nach der Rückkehr aus Japan einen "Mordstrubel. Ich bin vom Ortsrand mit einer Pferdekutsche reingefahren. Aus dem Marktbrunnen ist Wein rausgeronnen, wie es der Bürgermeister versprochen hat. Es war sehr anstrengend, jeder wollte mit mir reden. Ich hab es über mich ergehen lassen. Aber die Öffentlichkeit ist nicht meins."

Der Wunsch nach einer Familie

Abgesehen vom WM-Gold gewann Buder einmal die Europacup-Gesamt- und -Slalomwertung, drei österreichische Meistertitel, einen Weltcupslalom und holte ein paar Stockerlplätze. "Ich war ein faules Trumm", sagt sie, "ich hab zu wenig trainiert, und ich war immer irrsinnig nervös." Die Nervosität äußerte sich auch anderswo. Bei ihrer Skifirma Blizzard genoss sie die Ausbildung zum Industriekaufmann. "Die Lehrabschlussprüfung habe ich aber nicht gemacht. Die Prüfungsangst war zu groß."

Schon vor der WM-Saison war für Buder klar, dass es die letzte sein würde. "Der Wunsch nach einer Familie war sehr stark. Ich hab ja sehr gerne aufgehört. Nach 14 Jahren ÖSV habe ich komplett abgeschlossen."

Nach der Saison heiratete sie. Das Grundstück, auf dem ihr Haus steht, gehörte ihren Eltern. "Die Anschlussgebühren hat die Gemeinde übernommen." Das Haus finanzierte sie mit ihrer Skikarriere. Nun ist sie die Mutter von drei Söhnen, 19, 16 und elf Jahre alt. Fußball spielen sie alle, der mittlere ist auch Skirennläufer, besucht die Skihandelsschule in Schladming. "Ich hab aber kein Problem damit, wenn er nicht mehr mag. Ich weiß ja, wie wenige weiterkommen."

Von der Schulbank zum Schlepplift

Buder legt großen Wert darauf darzulegen, weshalb sie so weit gekommen ist. "Das habe ich nur meinen Eltern zu verdanken." Die betreiben ein Sportgeschäft in St. Gallen. "Der Papa", erzählt Karin Buder, eines von sechs Geschwistern, "hat mich jeden Tag von der Schule abgeholt, dann sind wir trainieren gefahren." Zum Schlepplift im Ort, wenn Schnee lag. Oder zu einem schneesicheren Nordhang.

"Aber dort hat es keinen Lift gegeben, dort musste ich staffeln." Der Papa wollte ursprünglich selbst Rennläufer werden. "Aber seine Eltern wollten das nicht, sie haben ihm die Ski versteckt. Also wollte er es wenigstens mir ermöglichen. Die Eltern haben sehr viel investiert in mich."

Abgschlossen

Mit Skifahren hat Frau Buder nahezu nichts mehr am Hut. Einladungen zu Prominentenrennen hat sie stets ausgeschlagen. Einmal war sie beim Nachtslalom in Schladming, weil sich das ihr Sohn, der Rennläufer, gewünscht hat. "Mir gibt es nichts. Ich würde auch nie in ein Skigebiet fahren. Viel zu teuer. Manchmal fahre ich, wenn Schnee liegt, bei uns im Ort, mit dem Schlepplift. Zwei Stunden sind völlig genug."

Frau Buder besorgt den Haushalt, pflegt den Garten, wandert bisweilen, sucht Schwammerln. Und strickt Hauben und Stirnbänder für die Kinder. " Die liegen auch beim Papa im Geschäft, wenn sie wer kaufen will."

Und dann gibt es noch die Geschichte von der Statue, die ein Schnitzer aus Enns anfertigte, weil ihn Freunde Buders darum baten. "Früher", erzählt sie, "ist sie am Ortsrand gestanden. Dann wurde die Straße umgebaut, und die Statue war im Weg." Karin Buder wurde quasi verpflanzt. Jetzt steht die goldbemalte Holzgeschnitzte an der Einfahrt zu jener Siedlung, in der das Haus der Echten steht. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 12.11.2012)

  • Februar 1993 in Morioka, Japan: Karin Buder besorgte Österreich die einzige Goldmedaille bei dieser Ski-WM.
    foto: apa/jäger

    Februar 1993 in Morioka, Japan: Karin Buder besorgte Österreich die einzige Goldmedaille bei dieser Ski-WM.

  • November 2012 in St. Gallen in der Steirischen Eisenwurzen: Karin Buder in echt und aus Zirbelholz geschnitzt. Die Statue steht unweit von ihrem Haus. "Ich sehe mich jeden Tag", sagt die Echte, die drei Söhne hat.
    foto: zelsacher

    November 2012 in St. Gallen in der Steirischen Eisenwurzen: Karin Buder in echt und aus Zirbelholz geschnitzt. Die Statue steht unweit von ihrem Haus. "Ich sehe mich jeden Tag", sagt die Echte, die drei Söhne hat.

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