Demonstration mit Befreiungsmumie

Tanzquartier: Neues von Karl Karner, Linda Samaraweerová und Eisenberger

Wien - Unser Leben in unheimlichen Masken und Hüllen führt das Duo Karl Karner und Linda Samaraweerová zusammen mit dem bildenden Künstler Christian Eisenberger in der installativen Choreografie grünwachs ein vor, das nun im Tanzquartier Wien uraufgeführt wurde.

Bereits im Vorjahr hatten Karner und Samaraweerová ihre Kritik am Irrsinn des Finanzsystems als düstere Installation Alan Greenspangrünspan vorgebracht - beinahe ohne Darsteller. Zur Erinnerung: Greenspan war 1987 bis 2006 Vorsitzender der US-Notenbank. Die neue Arbeit wirkt nun wie ein Sequel. Aus dem "grünspan" ist ein "grünwachs" geworden, aus dem Fehlen von Menschen im Aufführungsraum eine Fülle von Gestalten, die seltsame Dinge verrichten.

Zu Beginn sitzt Samaraweerová in schwarzem Kleid und mit von Haaren verdecktem Gesicht allein auf einem großen, schwarzen Podest. Sie entlockt einer Ziehharmonika leise Töne, bis drei Leute Golfschläger laut aneinanderklopfen und Karner mit einer Ganzkopfmaske aus rotem Wachs auftritt. Im Hintergrund läuft eine Breitwand-Videoprojektion, in der die Kamera eine von Karners Skulpturen bis ins Detail untersucht. Das Original aus Metall steht auf dem Podest und wird wie ein Musikinstrument gezupft. So beginnt ein Ritual, zu dem Christian Eisenberger einen Gegenpol baut. Er lässt sich von Helfern so lange mit Paketband umwickeln, bis er wie eine Mumie in einen Kokon gehüllt ist, aus dem er sich mit einem Messer wieder herausschneidet. Anschließend wird eine fünfköpfige Gruppe eingepackt. Auch sie befreit sich aus ihrer Schale.

Diese Irritation erzeugt eine kritische Distanz zu dem Ritual, in das sich mehr und mehr Zuschauer involvieren. Sie folgen und überholen Samaraweerová, die als finstere Fee langsam um das Podest schreitet. Immer wieder werfen sie sich in dieser Demonstration bunte Federn in die Gesichter. Es ist wie der Ausdruck eines Verlangens nach besseren Aussichten, parallel geführt zu Eisenbergers nüchternen Befreiungshandlungen.

Das Ritual ist nicht archaisch, sondern eine Zusammenführung von Symbolen und Aktionen in den abseitigen Räumen der Gegenwart. Dabei stehen Golfschläger und -bälle für die Leere des Luxus. Die Masken dagegen, sie werden auch von Teilnehmern aus dem Publikum getragen, erinnern an die Monstrosität der Spekulations-"Generation Golf". grünwachs ein überzeugt als Wurf, der die Missstimmung unserer Zeit auf den Punkt bringt. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 12.11.2012)

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