Brief an meinen Sohn

Glosse11. November 2012, 16:54
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Es gibt diesen pathetischen Augenblick, in dem ein Vater glaubt einen Brief an seinen Sohn schreiben zu müssen, damit im Falle des vorzeitigen Ablebens möglichst nichts von seiner eigenen, im Laufe der Jahre erworbenen Lebensweisheit verloren geht

Wiewohl ich weiß, dass dabei meist nur Mist und Binsenweisheiten transportiert werden, wage ich meinen eigenen Versuch. Im Alter von nunmehr einem halben Jahrhundert, meinem eher sorglosen Umgang mit Drogen aller Art und eingedenk meiner - wahrscheinlich daraus resultierenden - Krankenakte ist dieser Versuch hoch an der Zeit. Prost!

Die Frauen

Vergiss niemals, mein Sohn, es ist eine Frau die dich geboren hat. Obwohl sie nur ihrem Hormonhaushalt, der Genetik und einer unsichtbar tickenden Uhr folgt, ist der Schmerz, die Tränen, die Sorgen, die Liebe und die Anzahl der versäumten Partys kein kleiner Preis für deine Existenz.

Dein Vater ist an dem Versuch gescheitert, zu verstehen wie die Frau im Allgemeinen und deine Mutter im Besonderen tickt. Aber das macht nichts, solange du eines weißt: Wenn dich deine Frau nach deiner Meinung zu ihrer Figur, den neuen Schuhen, Taschen und Kleidern fragt, dann ist das eine Falle aus der es kein Entkommen gibt! Egal was du antwortest, es wird immer die falsche Antwort sein. Am besten ist es noch, bei figurbezogenen Fragen einen Ohnmachtsanfall vorzutäuschen oder in Echtzeit geil zu werden und sofortigen Sex zu wollen.

Am ungefährlichsten bei Schuh- Taschen- und Kleiderfragen ist es, mitzuspielen, wobei du stets alles, bis auf eine Kleinigkeit spitze findest und eine mehrstündige Modeschau über dich ergehen lässt, hoffend, dass deine Freundin irgendwann in Ohnmacht fällt. Das jedoch ist in dieser Angelegenheit ein Wunder, das in der Geschichte der Menschheit noch nicht aufgezeichnet wurde.

Der Sex

Es gibt viele Menschen, die glauben, Sex diene nur der Fortpflanzung, Verhütung sei eine Todsünde und dabei Spaß zu haben ebenfalls. Das ist Humbug, genauso wie die Behauptung Onanie sei ungesund. Nichts ist falscher als das! Die Nudelträne selbst abzudrücken ist supergesund, spendet Trost in der Notgeilheit und schafft Platz noch in der engsten Hose.

Du wirst einmal merken, dass es uns Männern genügt eine Frau nackt zu sehen, um bereit für Sex zu sein. Doch Frauen bestehen auf etwas, das "Vorspiel" heißt. Und ganz wichtig: Wenn deine Frau dir befiehlt ihr einen neuen Duschkopf zu kaufen und dir sagt sie will ausschließlich das Modell "Bob", dann hängt dein Leben davon ab, ob du auch tatsächlich mit "Bob" heimkehrst. Warum das so ist, wirst du schon selbst herausfinden!

Im Übrigen gilt: Sei Homosexuell, Bisexuell, Transsexuell, wenn du willst. Und lass dir niemals einreden, irgendwas davon sei krank!

Der Beruf

Wenn du kannst, rotte irgendeine schreckliche Krankheit aus. Wenn nicht, kannst du auch Autos reparieren oder deine Stadt sauber halten. All das ist ehrenwert, solange es dich glücklich macht.

Wenn du eine faule Sau bist und auf gar keine Arbeit Lust hast, werde Prophet oder Guru. Alles was du dazu brauchst, ist eine Offenbarung, ein Heiliges Buch und Fantasie. Die Offenbarung behauptest du am besten in einer Höhle oder auf einem Berg empfangen zu haben, während du in Wahrheit einfach zu Hause auf dem Klo gesessen bist. Das Heilige Buch musst du nicht einmal selbst schreiben, du kannst es einem einfach gestrickten Kumpel diktieren. Auch Fantasie ist nicht allzu viel von Nöten, denn du kannst durchaus von anderen Propheten abschreiben und einfach behaupten, sie seien deine Vorgänger. Wenn du dann genug Gefolgschaft hast, schick´ sie betteln und ruh dich im Harem einer deiner Villen aus. Vertrau mir: Das alles ist von anderen bereits erfolgreich getestet worden und funktioniert garantiert!

Die Drogen

Generationen von Eltern haben mit allen Mitteln und aus gutem Grund versucht ihre Kinder von Drogen fern zu halten. Meist erfolglos. Früher oder später wird dir sogar Wodka (irgendwie) schmecken. Ich kann dir nur raten, bei Whisky zu bleiben, er schmeckt einfach besser.

Heroin muss niemand haben, es ist tatsächlich die teuflischste aller Drogen. Halt dich fern davon! Kokain bitte nur zu Ostern und zu deinem und Jesu Geburtstag, weil es zu geil ist um gesund zu sein. Gras baust du am besten selbst an, dein Onkel Felix "der Liguster" wird dir zeigen wie Hydroponik zu Hause funktioniert. Vergiss nicht deiner Mutter was abzugeben, schon wegen der eingangs erwähnten versäumten Partys und all der zugeschissenen Windeln.

Genieße Tabak in Maßen, dein Papa hat davon Krebs bekommen und bloß nur Glück gehabt, rechtzeitig zu merken, dass er Blut pisst. Von allem chemischen Zeug lass die Finger, außer du bist ein Chemiker und machst dir das Zeug selbst oder du bist Anästhesist und klaust dir im OP das Zeug selbst. Das gilt auch für den Fall, dass du Apotheker wirst.

Die Moral

Was das genau ist, meint jeder zu wissen. Doch aufgefordert sie zu definieren, stottert irgendwann jeder. Deswegen kannst du einer einfachen Regel folgen, die als golden bekannt ist: Behandle andere Lebewesen, insbesondere deine Mit-Primaten stets so, wie du von ihnen behandelt werden willst. Dann brauchst du weder Gott noch Priester, um zu wissen was richtig oder falsch, was gut oder böse ist.

Das gilt allerdings nicht, wenn du oben erwähnten Beruf als Prophet oder Guru wählst. Dann kannst du dir eine auf dich maßgeschneiderte Moral schaffen, ja sogar jede Abscheulichkeit für total moralisch erklären. Dein Papa wäre aber froher wenn du tatsächlich Straßenkehrer wirst. Das ist redlicher und weitaus moralischer.

Der Sinn des Lebens

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind du und alle anderen Lebewesen dem Universum völlig wurscht. Es ist kein Zufall, dass über 99 Prozent aller auf unserem Planeten jemals entstandenen Arten auch wieder ausgestorben sind. Auch uns Menschen ist das beinahe passiert und irgendwann, werden wir ebenfalls dort landen, wo die Dinos heute sind.

Alles andere über den Sinn oder Unsinn des Lebens erfährst du von den Monty Pythons. (Bogumil Balkansky, 11.11.2012, daStandard.at)

  • Artikelbild
    foto: eva maria griese / standard
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