Als Raiffeisen fast Volksbank wurde

11. November 2012, 18:13
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Einblick in Strategien und Nöte von Raiffeisen gibt das Verwaltungsstrafverfahren gegen Raiffeisen-Banker

Wien - Vor ziemlich genau zwei Jahren hat die Raiffeisen Bank International (RBI) ihren Betrieb aufgenommen - entstanden ist sie aus der Fusion von Raiffeisen Zentralbank RZB und ihrem in Raiffeisen International (RI) abgespaltenen Ostgeschäft. Sechs Raiffeisen-Managern, darunter RBI-Chef Herbert Stepic und Finanzchef Martin Grüll, hat das kürzlich eine rechtskräftige Verwaltungsstrafe des Unabhängigen Verwaltungssenats UVS eingetragen, wegen Verstoßes gegen Publizitätsvorschriften. Die Bank hat ihr Vorhaben am 22. Februar 2010 öffentlich gemacht, hätte das aber bereits am 4. November 2009 tun müssen - denn damals hat der Vorstand "das Merger-Projekt in Angriff genommen", sagt der UVS.

UVS-Verfahren und Entscheidungsbegründung (dagegen bleibt nur der Weg zu Verwaltungs- und Verfassungsgerichtshof) erlauben einen Blick in die Entstehungsgeschichte der RBI, ihre Umstände sowie Interessenlagen. Schon 2008 hatten Investmentbanker der RZB-Führung rund um Walter Rothensteiner ein Projekt präsentiert, das die Fusion von RZB und der börsennotierten RI zum Thema hatte; danach wurden erste juristische Expertisen eingeholt. Ab der Lehman-Pleite hatten die Raiffeisen-Banker andere Sorgen: Eigenkapital und staatliche Garantien, wie ein Zeuge aussagte.

Thema Kapitalerhöhung

Das Thema Kapitalerhöhung war intern fortgeschrittener als öffentlich bekannt, für September 2009 wurde ein Prospektentwurf erstellt. Im Frühling 2009 hatte RZB staatliches Partizipationskapital (1,75 Milliarden Euro) genommen.

Allerdings prüfte man 2009 laut Bankern auch Alternativen zur Fusion: die Hereinnahme eines strategischen Investors ebenso wie das Zusammengehen mit "Teilen des Volksbankensektors". In der RZB sorgte man sich laut einem Zeugen vor allem über "das Auseinanderentwickeln von RZB und RI", wegen der Konkurrenz der beiden um Kommerzkunden. Schließlich setzte sich die Idee der Fusion aber durch.

Laut Vorstandsprotokoll beschloss der RZB-Vorstand also am 4. November 2009, ein Merger-Projekt zu starten, und er gab vertiefte Prüfungen (Due Diligence) in Auftrag. Die Abklärung einer Frage war dabei besonders wichtig: RZB hatte Anleihen gemäß britischem Recht begeben - die Fusion hätte "deren Fälligstellung bewirken können", wie ein Zeuge vor dem UVS erklärte. Hätte man dieses Problem nicht lösen können, wäre die Fusion gescheitert.

Stepic hinterfragte Mehrwert

Im damaligen RZB-Vorstand unter Walter Rothensteiner und seinem Vize Stepic war der Merger freilich nicht unumstritten; laut Vorstandsprotokoll "hinterfragte Stepic mehrmals den wirtschaftlichen Mehrwert der Transaktion". Worin der bestand, formulierte Rothensteiner unsentimental: "in der dramatisch sinkenden Kapi- tal- und Funding-Belastung für die Landeszentralen (Raiffeisen-Landesbanken; Anm.). Stepic, zugleich RI-Chef, blieb skeptisch, "hob den enormen Aufwand dieser Transaktion hervor und mahnte, sich auf die sich mittlerweile wieder erholenden Märkte zu konzentrieren". Vor allem aber sorgte er sich um den Aktienkurs "seiner" Ostbankenholding (RI): Er rechne bei Bekanntgabe des Mergers mit einem kurzfristigen Kursabsturz von 20 bis 25 Prozent.

Damit sollte er recht behalten. Am 22. Februar veröffentlichte RI eine Ad-hoc-Meldung - nach ersten Medienberichten. In den drei darauffolgenden Handelstagen stürzte der Kurs der RI-Aktie um mehr als 20 Prozent ab.

Die Nachwehen der Causa spüren derzeit 15 Personen im Raiffeisen-Umfeld. Gegen sie ermittelt der Korruptionsstaatsanwalt: wegen Verdachts auf Insiderhandel bei RI-Aktienverkäufen bzw. Weitergabe von Informationen. (Renate Graber, DER STANDARD, 12.11.2012)

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    Der Chef der Raiffeisen Bank International, Herbert Stepic, stand der Fusion im Raiffeisen-Bankensektor skeptisch gegenüber. Er befürchtete einen Kurssturz der Raiffeisen-International-Aktie.

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