Wir und die Griechen

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Neid, "Rassen-Arroganz" und Vergangenheitsverdrängung: Ein Symposium zum deutsch-(österreichisch-)griechischen Verhältnis und der Finanzkrise in Athen

Man kann sagen: Die Hackln fliegen jetzt tief. Der Grieche ist angefressen, sogar sehr angefressen. Auch bei behutsamster Annäherung auf der Straße und in rein beruflicher Funktion gibt es eine Ladung Grant. Der Österreicher-Trick zieht nicht mehr ("... schreibe für eine österreichische Zeitung, keine deutsche, habe nichts mit Merkel zu schaffen, Ehrenwort. Wien! Nicht Berlin!"). "Ihr wart doch die, die als Erste die Rechtsextremen in die Regierung gewählt haben, oder?", raunzt einer und trollt sich lieber, bevor ihm die Hand ausrutscht. Im Norden sehen die Griechen nur noch Feinde - die deutschen Wirtschaftsimperialisten, die verschlagenen Österreicher, die unehrlichen Visagen aus Brüssel.

"Im Grunde hatten viele Griechen Verständnis für Merkels wahlpolitischen Opportunismus", sagt Hagen Fleischer in bewährter deutscher Direktheit (er ist trotzdem gebürtiger Wiener). Es ist Podiumsdiskussion im Goethe-Institut in Athen. Hagen Fleischer, Historiker an der Universität Athen, wird emeritiert. Da soll schon drei Tage Symposium sein. Fleischer, seit 35 Jahren in Griechenland, ist der Leuchtturm der Wahrheit in dem bodenlos ruinierten Verhältnis zwischen Deutschen (* Österreichern, s. o.) und Griechen. Von "Finanzkrise und bilateraler Krise" spricht er und der "Verzögerung der Hilfe, die Solidarität für beide Seiten teurer gemacht hat". Für die Deutschen und die anderen reichen Europäer, weil sie durch Zuwarten und Zeit vertändeln die griechische Finanzkrise zu einem europäischen und weltwirtschaftlichen Problem aufgeblasen haben; für die Griechen, weil sie mit jedem verordneten Sparpaket tiefer in die Rezession geritten werden.

Die griechische Koalitionsregierung hat eben erst ein weiteres massives Paket gerade so durchs Parlament gedrückt und schickt sich an, auch den dazu passenden Sparhaushalt zu verabschieden. Die Kredit-Europäer wollten das so, aber eigentlich ist es für die Katz: Olli Rehn, der Währungskommissar in Brüssel, erklärt, während die Parlamentsdebatte in Athen noch läuft, die griechische Staatsverschuldung sei nicht "sustainable", also doch nicht tragfähig und zu managen. Wolfgang Schäuble, der Finanzimperator in Berlin, meint nach der Abstimmung, leider werde es jetzt doch noch nichts mit der Bewilligung der nächsten Kreditrate am Montag. Es ist die Rate vom Juli, jetzt ist November. Dazwischen gab es reichlich Gequatsche über "Grexit" und die Kosten für eine Verteilung der nächsten Sparmaßnahmen auf vier Jahre (10, 15, 50 Milliarden Euro).

Das erbarmungslose Einhämmern deutscher (* österreichischer) Zeitungen auf die "Pleitegriechen" habe die gemeinsame europäische Erinnerungskultur um Jahrzehnte zurückgeworfen, sagt der Geschichtsprofessor Fleischer in seinem einleitenden Referat. Auf dem Podium im Goethe-Institut sitzen an diesem Abend noch Pantelis Pantelouris, ein ehemaliger Pressereferent an der griechischen Botschaft in Berlin, der von den Schimpf-Mails und -briefen berichtet, die während seiner Dienstzeit pausenlos eingingen und den Solidaritätschreiben, die kamen (vorwiegend aus Ostdeutschland), als die Frankfurter Rundschau erstmals über die Beleidigungswelle aus deutschen berichtete; Christiane Schlötzer, die Türkei- und Griechenlandkorrespondentin der Süddeutschen Zeitung, der Politologe Miltos Pechlivanos von der FU Berlin, der Journalist und Publizist Hubert Eichheim, der 1963 nach Griechenland gezogen war, und die Historikerin Olga Katsiardi-Hering von der Universität Athen.

Schon der NS-General, der im Dezember 1943 das Massaker von Kalavrita und den Nachbardörfern anrichten ließ, sprach vom "Sauvolk" der Einheimischen, erinnerte Fleischer. Den Rückgriff auf Stereotypen der Rassenarroganz gebe es auch heute wieder. Auf die biologisch-medizinische "Behandlung" der Griechen durch Medien und Politiker in der EU machte ebenso Olga Hering aufmerksam: "Haarschnitt", "Milliarden-Spritze", Christoph Leitls Äußerung über die "Blutinfusion" für den Patienten Griechenland sind Beispiele für diese Terminologie, mit der die Finanzkrise und die "faulen Griechen" in der Öffentlichkeit dargestellt werden.

Die Diskussionsrunde wird schnell zu einer Medienschelte. "Bild" und "Focus" sind die Hauptakteure des seit nun drei Jahren andauernden Griechen-Bashing. Die Reaktion der griechischen Presse war entsprechend scharf und überzogen: "Endlösung" wurden die deutschen Spardiktate aus Berlin genannt, "Merkel schickt uns nach Auschwitz" war auch einmal zu lesen. "Betrüger in der Euro-Familie" lautete dagegen der famose Titel des Münchner Nachrichtenmagazins im Februar 2010. Noch mehr als die Fotomontage der Venus mit dem F-Finger auf der Titelseite ist es das große Alles-erklär-Stück über "2000 Jahre Niedergang" im Magazin, das die Historiker und Politikwissenschaftler nach wie vor empört. "Griechenlands Abstieg ist beispiellos", hatte "Focus" behauptet. "Das hier ist kein Fußballspiel", meint Hubert Eichheim, keine harmlose 90-Minuten-Nationalrausch-Nummer. Deutsche und Griechen müssten täglich Arbeit im respektvollen Umgang miteinander leisten. Eichheim spricht von einer Traumatisierung der Griechen aufgrund der Gräueltaten der Nazis.

Wahrscheinlich ist das Infame der Anti-Griechenland-Kampagne eben das: "das Bedienen von Neid-Komplexen" deutscher (ö.) Leser, wie Christiane Schlötzer meinte, wegen der Griechen, die in der Sonne herumliegen dürfen und Inseln haben statt Lugner-City und Käptn Iglo; und zugleich die von Deutschland seit Jahrzehnten standhaft versagte Wiedergutmachung für die Wehrmachtsbesatzung und Massaker in Griechenland. Auf diese Reparationen aber können die Griechen mit einigem Recht Anspruch erheben, so hatte Hagen Fleischer zuletzt in einem langen Interview mit derStandard.at hingewiesen. (Markus Bey, derStandard.at, 11.11.2012)

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