Unsicheres China

Blog11. November 2012, 06:46
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Die Prognosen eines baldigen Überholens der US-Wirtschaft ignorieren das politische Risiko

Schon 2016 – also in vier Jahren – sollte China laut einer neuen OECD-Studie die USA als größte Wirtschaftsmacht der Welt ablösen, berichteten internationale Medien vor wenigen Tagen – und gemeinsam mit Indien würde da Land 2025 ein größeres Bruttoinlandsprodukt erwirtschaften als alle G7-Staaten zusammen.

In einem Augenblick, als Chinas Kommunistische Partei sich mit der Inszenierung des Führungswechsels plagt und viel über die Schwächen des Systems geredet wird, hat diese Nachricht wieder das Bild etwas zurechtgerückt ­– China als größte Erfolgsstory unserer Zeit oder als größte Bedrohung, wie immer man es sehen will.  

Nun, die Prognose 2016 ist nicht neu. Schon vor einem Jahr hat der Internationale Währungsfonds dieses Datum für das große Überholmanöver genannt. Allerdings bezieht sich diese Zahl – so wie alle in der OECD-Studie, die eine Langzeitvorschau bis 2060 versucht – auf das BIP bei Kaufkraftparität. Weil vieles in China viel billiger ist als in den USA, schneidet das Reich der Mitte daher besser ab.

Für die Frage des internationalen Ranges ist das BIP zu echten Wechselkursen entscheidend, und hier wird Chinas Wirtschaft bei derzeitigen Wachstumstrends noch etwa zwei Jahre bis drei Jahre länger brauchen, um die USA zu überholen –also bis 2018 oder 2019.

Auch dieser Tag ist nicht mehr fern und ändert nichts daran, dass wir noch in diesem Jahrzehnt eine geopolitische Umwälzung erleben werden. Selbst wenn die USA noch lange eine vier Mal so reiche Gesellschaft bleiben als China, weil es um so viel mehr Chinesen als Amerikaner gibt, spielt es eine Rolle, welches Land die größte Volkswirtschaft vorweisen kann.

Allerdings ist die Entwicklung in China mit größeren Unsicherheiten behaftet als die in den USA. Auch die US-amerikanische Politik weist massive Schwächen auf. Das Patt zwischen dem wiedergewählten Präsidenten und dem Kongress, die Unfähigkeit von Demokraten und Republikaner, sich auf eine langfristige Budgetsanierung zu einigen – das sind echte Alarmsignale und gefährden die derzeit gar nicht schlechten Wachstumsprognosen.

Doch ein echter politischer Kollaps ist in den USA höchst unwahrscheinlich. Am Ende werden sich Barack Obama und die Top-Republikaner wohl zusammenreißen und mit einem Deal das Schlimmste abwenden.

In China ist das anders. Die Politik der mit absoluter Macht regierenden KPC ist nicht nur mysteriös, sondern – wie etwa die Affäre um den gestürzten Funktionär Bo Xilai gezeigt hat – offensichtlich dysfunktional.

Bisher hat sie das Land durch alle Krisen mit sicherer Hand gesteuert. Aber das Risiko eines spektakulären Scheiterns, das in sozialen Unruhen, dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung und sogar einem Auseinanderbrechen der riesigen Nation mündet, ist in China gegeben. Vielleicht beträgt es nur zehn oder 20 Prozent. Doch allein das stellt alle Wachstumsprognosen infrage.

Das sollte sich niemand wünschen. Die übrigen Länder stehen viel besser da, wenn China den Marsch an die Spitze der Weltwirtschaft fortsetzt, als wenn es stolpert und die ganze Weltwirtschaft mit sich reißt. Aber bei so viel politischer Unsicherheit ist es sinnlos, einfach die Trends der letzten Jahre fortzuschreiben.

Die Hauptbotschaft der OECD-Studie ist übrigens eine andere: Nach 2030 werden sich die Wachstumsraten zwischen hochentwickelten G-7-Staaten und den Schwellenländern wie China und Indien annähern. Und 2060 werden immer noch die USA das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt vorweisen. China soll dann nur 59 Prozent des US-Niveaus erreichen und Indien gar nur 27 Prozent. So anders als heute wird die Welt dann doch nicht aussehen. (Eric Frey, derStandard.at, 11.11.2012)

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