"Gastarbajter"-Paraden und Schleierästhetiken

9. November 2012, 19:05
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Ausstellung über unterschiedliche Zugänge Russlands und Österreichs zum Thema Migration

Eigentlich sollte eine offizielle Broschüre aus St. Petersburg Migranten Tipps zur Integration geben. Doch während in den Illustrationen autochthone Russen mit hübschen Gesichtern dargestellt waren, zeigte man Zuwanderer als Schrubber, Schaufel oder Maurerspachtel. Die Folge war ein landesweiter Eklat, die russische Staatsanwaltschaft wollte einem Verdacht auf Verhetzung nachgehen.

Eine brisante Aktualität für das vom Österreichischen Kulturforum in Moskau und dem Wiener Unterrichtsministerium ausgerichtete Minifestival zum Thema Migration in der russischen Millionenstadt Nischni Nowgorod. Die Brisanz kam vor allem in künstlerischen Positionen einer Ausstellung zutage. So inszenierte die St. Petersburger Künstlerin Olga Schitlina - sie wurde übrigens soeben mit dem Young Artist's Prize des Henkel Kunstpreises ausgezeichnet - für ihr Medienkunstprojekt Agentur für utopische Nachrichten Demonstrationen zugewanderter Bauarbeiter gegen die Zerstörung der Altstadt. In einer Schule stellte sie ihr so provokantes wie lehrreiches Brettspiel über Arbeitsmigration vor: Russland - das Land der Möglichkeiten erzählt von Korruption, Sklaverei, prügelnden Skinheads und polizeilichen Misshandlungen.

Auf zu neuen Ufern!, so der Titel der Schau, zeigt, dass die unterschiedlichen künstlerischen Zugänge Russlands und Österreichs zum Thema Migration historische Gründe haben: Die große Arbeitsmigration nach Russland setzte erst nach dem Zerfall der Sowjetunion ein. Im Russischen wurde das Wort "Gastarbajter" daher erst Mitte der Neunziger gebräuchlich, gemeint sind Bürger ehemaliger Sowjetrepubliken: Ausländer, die sich vor allem schlecht bezahlt auf dem Bau verdingen. Darauf weisen russische Ausstellungsteilnehmer, jeweils ohne Migrationshintergrund, brutal hin: Für ein Video inszenierte der Moskauer Künstler Chaim Sokol eine "Gastarbajter"-Parade mit Schaufeln, die Laiendarsteller vermittelten dabei einen verängstigten Eindruck.

Im Kontrast dazu wirken österreichische Positionen fast wie lyrische Reflexionen über Fremdsein. Die Fotografin und Filmemacherin Lisl Ponger zeigt ihre Mitte der 1990er entstandenen Xenographischen Ansichten. Sie lesen sich als feinsinniger Kommentar zum damals von Rechtsaußen propagierten "Ausländer raus"-Diskurs. Inspiriert von der ethnografischen Fototradition des 19. Jahrhunderts lichtete Ponger " echte" Österreicher, die sich einer "ausländischen" Kultur zugehörig fühlen, in exotischen Posen ab: etwa einen Beduinen, der von zwei Kamelen im Tierpark Schönbrunn beschnuppert wird.

Prominent vertreten sind in Nischni Nowgorod österreichische Künstlerinnen mit Migrationshintergrund. Anna Jermolaewa, politischer Flüchtling aus Leningrad, porträtiert in einer Doku jene polnische Fluchthelferin, die sie vor mehr als 20 Jahren illegal nach Österreich brachte. Die aus Sibirien gebürtige Lena Lapschina zeigt, wie kreativ Wiens Türken Heimatverbundenheit zum Ausdruck bringen: Ein Mercedes-Fahrer ersetzte den Stern auf der Motorhaube nach Vorbild der türkischen Flagge durch Sichel und fünfzackigen Stern. Nilbar Güres ist mit ihrem Video Undressing vertreten: Die völlig vermummte Künstlerin befreit sich von Dutzenden Schleierschichten. Güres wollte damit insbesondere auch die Diskriminierung von Kopftuchträgerinnen in Europa ansprechen. Ähnlich ästhetisch-politisch ausbalancierte Kunstwerke sucht man unter den russischen Beiträgen vergeblich. Angesichts des täglichen Kampfs ums nackte, soziale Überleben rücken Fragen von Identitätskonstruktion und selbst Alltagsrassismus in den Hintergrund - auch in der Kunst.   (Herwig Höller aus Nischni Nowgorod, DER STANDARD, 10./11.11.2012)

"Auf zu neuen Ufern!" Planetarium in Nischni Nowgorod, bis 18. November

  • Migration als Thema der Kunst.
    foto: agentur für utopische nachrichten

    Migration als Thema der Kunst.

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