Die erste Frau an der Spitze der Weltpolizei

9. November 2012, 18:40
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Mireille Ballestrazzi: neue Präsidentin von Interpol

Dass sie sich in einer Männerwelt durchsetzen kann, hat Mireille Ballestrazzi (58) bereits bewiesen: "Sie öffnet keine Türen, sie rennt sie ein", soll ein Londoner Polizeibeamter über die Französin gesagt haben, nachdem er sie auf einem Kongress über Kunstraub kennengelernt hatte. Nun kann Ballestrazzi das auf internationaler Ebene tun: Diese Woche wurde sie als erste Frau zur Präsidentin von Interpol gewählt.

Sie ist damit für vier Jahre Chefin der weltgrößten Polizeiorganisation, 190 Länder sind derzeit mit dabei. Dies sei ein bedeutender Moment für alle Frauen, sagte Ballestrazzi nach ihrer Wahl, diese Entscheidung könne etwas bewirken in einem Beruf, in dem Frauen immer noch unterrepräsentiert sind: In Ballestrazzis Heimat Frankreich etwa sind nur 27,5 Prozent aller Kommissare weiblich.

Erst seit 1974 dürfen Frauen in Frankreich zum Kommissar ernannt werden, 1976 war Ballestrazzi eine von zweien, die als Erste diese Position erreichten. Nur zwei Jahre später übernahm sie die Leitung der Gruppe Raub in Bordeaux, mit 33 wurde sie zur Chefin des prestigeträchtigen Büros zur Bekämpfung von Kunstraub ernannt. Hier sammelte sie erste Erfahrungen in der internationalen Kooperation: In Italien jagte sie Mafiagangs, in Japan hob sie ein französisch-japanisches Kunstraub-Netzwerk aus. Nach drei Jahren Ermittlungen gelang es ihr, Monets "Impressionen, Sonnenaufgang" wieder zu finden, das 1985 aus dem Pariser Marmottan Museum gestohlen worden war.

"Eispuppe" nannten ihre japanischen Kollegen Ballestrazzi ehrfurchtsvoll, zahlreiche japanische Polizisten sollen sich bewundernd ihr Foto an die Bürowand gepinnt haben. Zurück in Frankreich, wurde sie 1993 mit dem härtesten Job belohnt, den das Land zu der Zeit für Polizisten zu bieten hatte: Sie wurde zur Polizeichefin von Korsika ernannt. Die Insel sei in einem "gesetzlosen Zustand", hatte Korsikas Staatsanwalt kurz davor geklagt; bevor Ballestrazzi den Job übernahm, waren in 18 Tagen bei Bombenanschlägen von Separatisten vier Menschen gestorben. Heute gehört Korsika immer noch zu Frankreich, und es geht wieder beschaulich zu.

2010 wurde Ballestrazzi Vizechefin der französischen Kriminalpolizei - ein Posten, den sie auch behalten will. Ihr neuer Interpol-Job ist eher repräsentativ, die Tagesgeschäfte führt der Generaldirektor, derzeit der US-Amerikaner Ronald K. Noble. (Tobias Müller /DER STANDARD, 10.11.2012)

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