Im Bunker des Trivialen

Christoph Willibald Glucks "Iphigenie en Aulide" unter der Regie von Torsten Fischer

Wien - Bedauerlich, dass Agamemnon nicht eine George-W.-Bush-Maske trug. Die Orgie des Plakativen, die Regisseur Torsten Fischer im Theater an der Wien in Christoph Willibald Glucks Iphigenie en Aulide implantierte, wäre nahe an ihre Vollendung gelangt. Anderseits war's auch so in Ordnung: Was da mit Gewehren wie Pistolen herumgefuchtelt wurde, was marschiert werden musste und an Uniformen zu tragen war - es transportierte die These vom Rohstoffkrieg als Vater aller Politdinge im Übermaß.

Das Körnchen Wahrheit, das in diesem Ansatz steckt, ist zu respektieren. Es ist die träg-uninspirierte und jederzeit voraussehbare szenische Umsetzung, die zur Unterforderung der Opernsinne führte. In einem monströsen und sich gerne drehenden Bunkerkonstrukt feiert das Klischee Feste der Trivialität. In der Betonlandschaft (Ausstattung: Vasilis Triantafillopulos) sieht man Bomben in Vitrinen, auf denen nackte Leichen liegen; sieht Plakate von Ölraffinerien, und es knallt einem natürlich auch fast tennisfeldgroß das Wort "Krieg" entgegen.

Danke, man hat verstanden. Es hätte gereicht, mit Videos (David Haneke zeigt Krieger als halb nackte Waffenträger) die Intentionen zu transportieren. Und es hätte auch gereicht, den fulminant spielenden Bo Skovhus (dessen Stimme lange nur in der Höhe Glanz versprühte, in der Tiefe jedoch unscheinbar blieb) noch mehr in den Mittelpunkt zu rücken. Wie der Mühlstein des plagenden Gewissens um den Hals des Kriegsführers Agamemnon hängt - das hat Skovhus eindringlich transportiert.

Rundherum allerdings ödeste Stehpartie. Etwas Intensität brachte noch Michelle Breedt (als Clytemnestre) ein. Paul Groves jedoch ist nur in jenem Augenblick, da er Skovhus an die Gurgel geht, etwas anderes als eine Opernstatue, die vokal leider in der Höhe mit großen Nöten zu kämpfen hat. Und auch die stimmlich extrem einnehmende Myrtò Papatanasiu (als Iphigenie) scheint von der Regie vergessen worden zu sein.

Dirigent Alessandro De Marchi produziert mit den Wiener Symphonikern dann auch lange Zeit einen anämischen Klang, der vor der Pause auch an intonatorischem Sekundenschlaf litt. Als wollte man das teilweise Schablonenhafte dieses Orchestersatzes entlarven, wirke das. Immerhin, nach der Pause ein gewisses Aufbäumen: an Stellen, die zu insistenter Phrasierung und düsterer Klagfärbung animierten, zeigte sich, wozu die Symphoniker eigentlich fähig gewesen wären, so man ihr Potenzial ausgeschöpft hätte. Buhs nur für die Regie.    (Ljubisa Tosic, DER STANDARD, 10./11.11.2012)

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