Konzertsaal der Wiener Sängerknaben eröffnet

9. November 2012, 18:29
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Nach zweieinhalb Jahren Bauzeit ist der neue Konzertsaal im Wiener Augarten fertig. Das Haus will offen für alle sein - einer kleinen Gruppe von Besetzern ist das noch immer zu wenig

Am Freitagvormittag passierte das, woran die Besetzer vom Augartenspitz seit langem arbeiten: Es kam zu einem Baustopp - allerdings nur für eine Stunde. Denn die Direktion lud einen Monat vor der Eröffnung des Sängerknabensaales zur Präsentation von Programm und neuem Namen ein. Und eine Reihe von Monteuren, die derzeit in der Halle werken, legte deshalb eine lange Vormittagspause ein.

"MuTh" wird der von den Architekten archipel geplante Veranstaltungssaal im zweiten Bezirk heißen. Er soll ein neues Haus für Musik und Theater werden, von dem alle Wiener etwas haben, sagt Direktorin Elke Hesse: "Es wird viele Kooperationen geben, mit Kindergärten, mit anderen Kulturinstitutionen, mit Ausbildungsstätten, denn wir stehen für Offenheit und Gastfreundschaft."

Proteste mit "Mahnmal"

Die Projektgegner sind der Einladung zur ersten Besichtigung trotzdem nicht gefolgt. Sie wollen weiter protestieren. "Wir lassen uns sicher nicht zu Tode umarmen", sagt Aktivistin Raja Schwahn-Reichmann, "und werden weitermachen." Das Zelt an der Augartenmauer soll bestehen bleiben, als "Mahnmal".

Ihren erbitterten Kampf gegen die Verbauung der spitz zulaufenden Grünfläche auf öffentlichem Grund haben die Augartenbesetzer freilich längst verloren. Man trifft sich zwar noch jeden Donnerstagabend zur gemeinsamen Kundgebung, das Interesse der Passanten hält sich allerdings in Grenzen. Im Gegensatz zu ihren Kollegen vom Bacherpark - die es mittels Besetzung geschafft haben, ein Garagenprojekt im fünften Bezirk zu Fall zu bringen - sind die Augarten-Aktivisten gescheitert.

Starker Anfang

Dabei hatte alles sehr vielversprechend begonnen: Als bekannt wurde, dass der für den Bundesgarten zuständige Wirtschaftsminister grünes Licht für das Projekt gibt, folgte noch eine beträchtliche Zahl von Anrainern ersten Protestaufrufen. Stets mit dabei: die Wiener Grünen. In Oppositionszeiten wetterte Maria Vassilakou bei mehreren Kundgebungen gegen das von Sängerknaben-Mäzen Peter Pühringer finanzierte Bauprojekt.

Inzwischen ist Vassilakou allerdings zur Vizebürgermeisterin aufgestiegen. Und der rote Regierungspartner hatte nie ein Problem mit der 15 Millionen teuren Ausweitung des Sängerknaben-Territoriums im Augarten. Die SP war allerdings auch für die Garage unterm Bacherpark - und musste am Ende dennoch akzeptieren, dass sich bei einer Befragung die Mehrheit gegen das Projekt aussprach. Warum haben die Augarten-Besetzer nichts erreicht? "Voraussetzung für den Erfolg ist, dass man es schafft, in einen Dialog zu treten. Das ist hier offenbar nicht gelungen", sagt Stadtplanerin Wencke Hertzsch von der TU Wien.

Besetzerin Schwahn-Reichmann gibt der Krone die Schuld. "Auf wessen Seite die steht, war ja von Anfang an klar." Den Grünen ist sie erstaunlicherweise nicht böse, "ich kann nachvollziehen, dass sie für ihren Regierungseintritt den Augartenspitz geopfert haben." Wien hat im Augarten aber ohnehin nicht viel mitzureden: Die Fläche gehört dem Bund. Das Risiko, im eigenen Territorium bald ähnlich aufgebrachten Bürgern gegenüberzustehen, will Rot-Grün dennoch minimieren - und Anrainer mehr mitreden lassen.

Nachholbedarf bei Beteiligungsprozessen

"Da gibt es auf jeden Fall Nachholbedarf", sagt Stadtplanerin Hertzsch. Es sei zwar bei Politik und Planern inzwischen angekommen, dass Beteiligungsprozesse wichtig sind, "was genau man mit ihnen erreichen will, ist nicht immer präzise formuliert." So werde oft nicht im Vorfeld geklärt, wie die Ergebnisse umgesetzt werden sollen.

Für die Anrainer des Augartenspitzes kommt jedes Verfahren zu spät, aber zumindest den Baulärm sind sie bald los. Wobei: Ein leises Bohren und Hämmern werden sie auch in einem Monat noch hören - zumindest wenn sie nähertreten: Zur Eröffnung ist eine Klanginstallation am Eingang geplant, für die eine Künstlerin Baustellengeräusche aufgenommen hat. (Martina Stemmer, DER STANDARD, 10.11.2012)

Hintergrund: Bürgerintiativen

  • Die größte Bürgerinitiative in Wien, Steinhof erhalten, hat fast 55.000 Unterschriften gegen die Bebauung des Areals gesammelt. Über den Sommer lief ein Mediationsverfahren, die Initiative kritisiert die von der Stadt berufene Expertenkommission.
  • Eine Wiese voller geschützter Ziesel und Feldhamster ist der Interessengemeinschaft Lebensqualität Marchfeldkanal ein Anliegen: Sie will den Bau von Wohnungen auf dem Gelände des Heeresspitals in Wien-Floridsdorf verhindern und sammelt Unterschriften für diesen Zweck.
  • Die Zugkunft Mühlkreisbahn setzt sich für den Erhalt und die Attraktivierung der Zugstrecke zwischen Linz-Urfahr und dem Böhmerwald ein. Verkehr ist auch das Thema der Initiative gegen den Bau des Westrings durch Linz. Sie kritisiert die hohen Kosten und das Feinstaubproblem.
  • Die Anhänger von Rettet die Mur wollen den Bau einer Staukette verhindern. Ende September protestierten rund 600 Menschen in Graz gegen das Kraftwerk. Die Initiative Rettet das Rosenhain wehrt sich gegen eine Umgestaltung des gleichnamigen Kaffeehauses in ein Nobellokal.
  • Die Initiative Stau in Salzburg setzt sich vor allem gegen die seit Sommer in der Salzburger Altstadt gültige Mittagssperre für Autos ein. Auf Facebook hat die Gruppe bereits mehr als 14.000 Befürworter. Aktiv sind auch die Gegner der geplanten Rehrl-Platz-Bebauung. (juh)

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Newalds Photoblog: Erste Eindrücke aus dem neuen MuTh

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