Noam Chomsky: Neurowissenschaften auf dem Stand der Physik vor Galilei

In einem ausführlichen Interview nahm der Linguist mal wieder zu wissenschaftlichen statt politischen Themen Stellung

So oft ist der Linguist und Kognitionswissenschafter Noam Chomsky in den vergangenen Jahren zu politischen Themen befragt worden, dass seine wissenschaftlichen Leistungen in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig ins Hintertreffen geraten sind. Fast scheint es, als wollte das US-amerikanische Magazin "The Atlantic" diese Schieflage im Alleingang ausgleichen: Es veröffentlichte unlängst nämlich ein hochinteressantes und ausführliches (wirklich sehr ausführliches) Interview mit Chomsky unter dem Titel "Where Artificial Intelligence Went Wrong".

Anlass war ein Auftritt Chomskys bei einem Symposium am MIT, das Computer- und Neurowissenschafter zusammenführte, um das Thema Künstliche Intelligenz zu diskutieren. Vom KI-Thema kommt Chomsky im Verlauf des Interviews jedoch rasch zu grundlegenderen Aspekten von Intelligenz, Kommunikation und schließlich Wissenschaft - und sieht die Neurowissenschaften "seit den letzten paar hundert Jahren auf dem falschen Weg".

Insbesondere den Siegeszug, den Statistiken und die Verarbeitung riesiger Datenmengen in der Wissenschaft gehalten haben, hält er für problematisch: Dieser Ansatz führe zu einer guten Annäherung an die Wirklichkeit bzw. zu Vorhersagemodellen - enthalte aber noch keinerlei Erklärung. Chomsky mit einem Beispiel aus seinem Fachgebiet: "Wenn man immer mehr Daten bekommt und immer bessere Statistiken, bekommt man eine immer bessere Annäherung an einen gewaltigen Textkorpus, wie etwa alles in den Archiven des 'Wall Street Journal'. Aber man lernt daraus nichts über Sprache."

Wie Chomsky zu seinem Resümee kommt, dass die Neurowissenschaften heute mit dem Stand der Physik vor Galileo Galilei vergleichbar seien, lesen Sie hier:

--> The Atlantic: "Noam Chomsky on Where Artificial Intelligence Went Wrong"

Videos des Interviews gibt es hier:

--> MIT: Noam Chomsky im Interview mit Yarden Katz

(red, derStandard.at, 9. 11. 2012)

 

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