Der Osten ist bunt

Maik Novotny
10. November 2012, 12:00
  • Kaukasische Bandbreiten der Sowjetmoderne: der Brutalismus des Transportministeriums in Tiflis,  ...
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    foto: simona rota

    Kaukasische Bandbreiten der Sowjetmoderne: der Brutalismus des Transportministeriums in Tiflis,  ...

  • ... die traditionellen Formen des Basars in Baku, ...
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    foto: simona rota

    ... die traditionellen Formen des Basars in Baku, ...

  • ... der Glitter des Sport- und Kulturkomplexes im armenischen Jerewan ...
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    foto: simona rota

    ... der Glitter des Sport- und Kulturkomplexes im armenischen Jerewan ...

  • ... und die kosmopolitische Schwerelosigkeit  des Erholungsheims für Schriftsteller auf der armenischen Halbinsel Sewan.
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    foto: eduard gabrielyan

    ... und die kosmopolitische Schwerelosigkeit  des Erholungsheims für Schriftsteller auf der armenischen Halbinsel Sewan.

Eine Ausstellung über die Sowjetmoderne im Architekturzentrum Wien erzählt von der Vielfalt das Bauens an den Rändern des Imperiums

Dass die flachen Weiten des Ostens von Minsk bis Sibirien eine Fülle von Geschichten bergen, bezeugt die Weltliteratur mehr als deutlich. Dass sich Erzählungen auch aus der vermeintlich in öden Apparatschikberichten dokumentierten Periode der Planwirtschaft destillieren lassen, zeigte zuletzt "Rote Zukunft", Francis Spuffords großartiger Doku-Roman-Hybrid über die vom Zukunftsoptimismus erfüllte Wirtschaftspolitik der Chruschtschow-Ära.

Parallel zur Neuorientierung zur "friedlichen Koexistenz" mit dem Westen in der Nach-Stalin-Ära sorgte das Tauwetter auch für fruchtbaren Boden auf dem Feld der Architektur. Der Zuckerbäckerstil wurde entsorgt, Chruschtschow wollte es lieber geradlinig, nüchtern und transparent. Als es nach seiner Entmachtung unter Breschnew zur Dezentralisierung der Wirtschaft kam, war dies der Startschuss für einen regionalen Formenreichtum im Bauen.

Neben öffentlichen Gebäuden, wie sie zur selben Zeit auch in den bürokratischen Großplanungen westlicher Städte wie London und Frankfurt entstanden, fanden sich diese zu zeichenhafter Simplizität verdichteten Formen in Hotels, Sportarenen, Fernsehtürmen und Denkmälern wieder.

Heute werden die spektakulärsten Bauten dieser Spätmoderne der 60er- und 70er-Jahre, wohl nicht zuletzt aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit der firmenlogoartigen Überwältigungsarchitektur der Nullerjahre, nach und nach wiederentdeckt. Auch die sowjetischen sind bereits zu Coffee-Table-Book-Würden gekommen, die Hintergründe blieben bisher aber meist ausgespart.

Das ändert nun die Ausstellung "Sowjetmoderne 1955-1991", die diese Woche im Wiener Architekturzentrum eröffnet wurde und die den perfekt passenden Untertitel Unbekannte Geschichten trägt. Denn Geschichten gibt es reichlich zu erzählen aus dem Vielvölkerstaat, in dessen zentral gesteuerter Planwirtschaft sich lokale Kuriositäten entwickelten und Traditionen nicht wegzubekommen waren.

Ursprünglich nur als Exkursion nach Armenien geplant, zeigt die Schau nun stolze 14 ehemalige Sowjetrepubliken. Aufgeteilt in vier Regionen, Baltikum, Osteuropa, Kaukasus und Zentralasien - Russland bleibt absichtlich ausgespart -, wird nun sichtbar, welche zum Teil ganz eigenen Wege das Bauen in den heute eigenständigen Staaten genommen hat.

In den von jeher stark an Mitteleuropa gebundenen baltischen Staaten konnte beispielsweise Estland auch zu Sowjetzeiten en ge Bindungen zu Finnland halten, hier waren Einfamilienhäuser im Eigenbau erlaubt, die öffentlichen Bauten sind geprägt von skandinavischer Präzision und wohnlicher Sparsamkeit. Als kurioses Zugeständnis an die katholisch geprägten Litauer wiederum wurden dort "Trauerpaläste" als Kirchenersatz errichtet.

Der Trick mit dem Mosaik

Dass das Klischee, hinter dem Eisernen Vorhang sei man von den Entwicklungen der westlichen Architektur abgeschottet gewesen, nicht zu halten ist, wie AzW-Leiter Dietmar Steiner bei der Eröffnung anmerkte, zeigen Bauten aus der Ukraine und Weißrussland. Der Sportpalast in Minsk von 1966 etwa ähnelt Roland Rainers zwei Jahre zuvor erbauter Stadthalle in Bremen, die Betonschalen des Krematoriums in Kiew nahmen Bezug auf das Opernhaus in Sydney.

Ebenso wurde im Sozialismus nicht von anonymen Kollektiven entworfen, es gab namhafte Architekturpersönlichkeiten, die sich in öffentlichen Wettbewerben messen durften. Bis ins Detail rigide durchgenormt war die Bauwirtschaft dennoch. Wie sich das austricksen ließ, zeigen vor allem die Geschichten aus dem Kaukasus und Zentralasien.

In Usbekistan entwickelten zwei schlaue Brüder eine Methode, genormte Fassadenplatten in handwerklicher Eigenarbeit ab Werk mit Mosaiken zu verzieren. In Georgien gelang es mit dem Argument, das lokale Klima und die Gefahr durch Erdbeben zwinge zur Anpassung der Wohnbauten von der Stange, dem Zentralstaat höhere Wohnräume und luftige Balkone abzutrotzen, und mit etwas Geschicklichkeit ließen sich architektonisch ahnungslosen Funktionären radikale Entwürfe als systemkonform verkaufen.

In Armenien hielt man die Bauprojekte künstlich so klein, dass sie den Genehmigungsprozess unterlaufen konnten, was Jerewan heute einen menschenfreundlichen Maßstab verleiht. Nach Protesten zum 50. Jahrestag des Massakers an den Armeniern von 1915 wurden außerdem nationale Bedürfnisse so weit anerkannt, dass man auf traditionelle Bauformen aus dem Mittelalter zurückgreifen konnte. Diese Mischung aus Archaik und Technologie, die auch bei Großbauten wie dem Kino Rossija und dem Flughafen Jerewan beeindruckt, macht Armenien zu einem der faszinierendsten unter den gezeigten Staaten.

Von ihren teils abenteuerlichen Reisen in die Weiten des Ostens brachten die Kuratorinnen Katharina Ritter, Ekaterina Shapiro-Obermair und Alexandra Wachter neben kistenweise Archivmaterial Reiseberichte, Interviews und Essays der beteiligten Architekten mit nach Wien. Diese unbekannten Geschichten aus der Innenperspektive sind der große Gewinn dieser Schau.

Die Ausstellung selbst verströmt, möbliert mit Tafeln in beamtenhaften Pastelltönen, authentisch bürokratisches Parteizentralenflair im Minsk-1967-Look. Leider kommt in diesem etwas anämischen Arrangement der überbordende Formenreichtum der Bauten, die Entdeckungsfreude und der erzählerische Charme der Architekten zu kurz.

Doch das tut der Wichtigkeit der Dokumentation keinen Abbruch. Unbestreitbar ist: Die technisch mutigen und architektonisch vielfältigen Bauten müssen sich in den Nachschlagewerken der Weltarchitektur nicht verstecken. Es lohnt sich also, einen vielleicht letzten Blick auf sie zu erhaschen: Viele der von den neuen Regimes meist ungeliebten Bauten sind vom Abriss ebenso bedroht wie ihre Verwandten aus der Nachkriegszeit im Westen. (Maik Novotny, Album, DER STANDARD, 10./11.11.2012)

"Sowjetmoderne 1955–1991",  Architekturzentrum Wien, bis 25. 2. 2013.  Der Katalog kostet 48,– Euro.

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im vergleich zu den heutigen einheitsbauten - in jeder stadt immer die gleichen einkaufzentren, bahnhöfe, bürohochhäuser etc. - sind diese bauten eine wohltat fürs auge.

oder auch "busludscha" (Buzludzha). geographisch etwas näher bei uns.

http://atlasobscura.com/place/buz... a-monument

http://www.chromasia.com/iblog/arc... 270626.php ... und folgende 5.

auf flickr gibts auch noch einige sehr gute bilder.

Danke für den Hinweis! Ich wiederhole mich, aber sehr beeindruckend.

Beeindruckende Bauten mit Liebe zum Detail

kann jedem diesen katalog empfehlen

http://www.amazon.de/Communist... 960&sr=1-1
prachtband!!
war heute in der ausstellung, leider ein wenig enttäuschend, hauptsächlich aufgestellte bedruckte wände.

Na vielen Dank! Wieder € 40,-- mehr auf meiner Kreditkartenrechnung!

Empfand ich ebenso...wenn auch der sauteure Katalog (48 Eurer) ganz fein ist...immerhin ist das ein recht grosser Beitrag zur Architekturgeschichte des Ostens, die erst vor wenigen Jahren begonnen wurde aufgearbeitet zu werden.

Die Statiker-, Beton- und Eisenbiegerarchitektur wie im Bild ganz oben, die das vierfache kostet wie ein normal lastenableitendes Haus aber in seiner raumgreifenden Art offenbar auf schnell einleuchtende Art das gewünschte Gefühl von Moderne vermittelt nervt mich ungemein.
Ist ja (nicht ganz so arg) auch bei uns zu finden.

oh verzeihung, hab nicht gesehen dass sie hier schon empfehlen

ich LIEBE dieses buch.

Da gibt es noch ein anderes Teil, eines slowenischen Fotografen, mir fällt der Titel grad nicht ein...deckt einen weiteren Teil des ehemaligen Ostblocks ab: YU, CSSR, BG, RO, PL, etc.

ich auch! faszinosum!

Ich war früher viel in Oststädten unterwegs,

aber als "bunt" habe ich sie sicher nie empfunden...

leider ist ein großer teil avantgardistischer architektur in russland mittlerweile völlig verwahrlost und verfallen.

Jupp, die Menschen haben bestenfalls einen negativen Bezug zu den ideolgisch-aufgeladenen Bauten, und unabhängig davon keinen sonderlichen Bezug zum Bewahren...das Verhältnis zu Geschichte und Vergangenheit ist ein anderes als das, wie wir zu verstehen gelernt haben.

Danke für das eine Rot...ich bin seit seit 25 Jahren im Ostblock resp. ehemaligen Ostblock unterwegs. Das ist meine Leidenschaft, und ich glaub', ich kenn mich aus....ach ja, der Osten ist bunt, er hat einen anderen Farbcode...

Ja, das ist leider auch in Nordafrikanischen Städten zu sehen. Der Umgang mit kolonialen Bauten ist leider sehr schlecht.
Ich verstehe ja, dass der Kolonialismus eine schlimme Zeit war und immer noch nachwirkt.
Aber dass man die kolonialen Häuser wie zb. in Tunis so verfallen läßt, schmerz bei jedem Besuch.

Ich weine den Habsburgern keine Träne nach aber die Hofburg würde ich nicht verfallen lassen.

Weitere Impressionen

Hier sind ein paar mehr Bilder, die vor einiger Zeit auf Geo online veröffentlich wurden:

http://tinyurl.com/b9n9bb3

danke für den link!

also der "brutalismus" schaut ziemlich super aus.

Diesbezüglich ist Belgrad eine Empfehlung, die heimliche Hauptstadt des Brutalismus....

Also ich war dort ein paar Monate, an Brutalismus ist mir eigentlich nicht viel ins Auge gesprungen - viel Plattenbau-Tristesse und ein ganz hübsches Zentrum, aber Brutalismus?

Deswegen das "Heimliche"....ich sag' nur Genex-Turm, Novy Beograd....was Du als Platte wahrnahmst, ist, teilweise, Architektur zum Quadrat. Belgrad ist voll mit Architekten-Teilen....man muss halt ein wenig sensiblisiert sein.

Herrjemine, auf den hatte ich glatt vergessen - der ist natürlich ein wunderbares Beispiel, sieht sogar gut aus - Aber sonst? Ich bin prinzipiell darauf sensibilisiert, aber welche Bauten Sie sonst so unter heimlichem Brutalismus subsumieren, ist mir nicht klar.

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